„I am scared, i am afraid, but i am optimistic.“

Juliane Krohnen (RLA) , Martina Basso (Mennonitisches Friedenszentrum Berlin), Kasha Nabagesera, Axel Hochrein (Hirschfeld-Eddy-Stiftung), Manuela Kay (L-Mag / Siegessäule) und Oliver Triebel (LEAD) (c) LSVDKasha Nabagesera über den harten Alltag und den mutigen Kampf in Uganda

Vergangene Woche erhielt Kasha Nabagesera in Stockholm den Right Livelihood Award (RLA), dem Alternativen Nobelpreis. Gestern Abend war sie auf Einladung der Hirschfeld-Eddy-Stiftung, der Right Livelihood Award Foundation und LEAD – Mercator Capacity Building Center for Leadership & Advocacy in Berlin. Im Gespräch mit Moderatorin Manuela Kay (L-Mag) und im Podium mit Martina Basso (Mennonitisches Friedenszentrum Berlin) und Axel Hochrein (Hirschfeld-Eddy-Stiftung) berichtete sie von Kriminalisierung und Gewalt, medialen Outingkampagnen und Mordaufrufen, religiöser und politischer Hetze in ihrem Heimatland Uganda.

In ihren einführenden Worten ging Juliane Krohnen (RLA) ging auf die Bedeutung dieses Preises ein und erläuterte, dass in diesem Jahr mit Nabagesera erstmalig jemand geehrt wurde, der sich für die Menschenrechte von LSBTI einsetzt.  Ausgezeichnet wurde sie für ihre Beharrlichkeit als Menschenrechtsverteidigerin, die in einem extrem feindlichen und lebensgefährlichen Umfeld arbeiten und agieren müsse. Neben dem Preisgeld verleihe der Right Livelihood Award den Preisträger_innen und ihrer Arbeit zudem Sichtbarkeit und mithin Schutz. Die Ehrung sei der Beginn einer hoffentlich lange währenden Kooperation.

IMG_0592Nabagesera freute sich nicht nur über die mit der Ehrung verbundene finanzielle Unterstützung von über 100.000 Euro, die für viele gute Projekte in Uganda genutzt werden können. Sie hob auch den Schutz hervor, den der Preis ihr verleiht, und den Stolz, dass mit ihr das Engagement einer lesbischen Frau geehrt wurde. Detailliert ging sie auf die Situation von LSBTI in Uganda seit 2009 ein. Damals sorgten evangelikale Fundamentalisten aus den USA dafür, dass im ugandischen Parlament über die Anti Homosexuality Bill (AHB) und die Einführung der Todesstrafe für Homosexuelle debattiert wurde. Das Gesetzesprojekt hatte verheerende Auswirkungen auf die Situation von LSBTI, ihre Familienangehörigen und Freund_innen. Nabageseras Mutter erlag kurz darauf einen Herzinfarkt. Ihre Mutter hatte sie immer unterstützt, seit Nabagesara mit 19 Jahren begann, sich für die Menschenrechte von LSBTI zu engagieren und ein Netzwerk aufzubauen. An dem Verlust der Mutter zerbrach sie anfänglich beinah selbst, gab sich die Schuld. Inzwischen sieht sie die Verantwortlichkeit bei den hysterischen Debatten im Parlament und in der Öffentlichkeit.

Für Nabagesera war der Tod ihrer Mutter Antrieb, um sich gegen die AHB zu engagieren. Eine breite zivilgesellschaftliche Allianz von LSBTI-Organisationen, Frauenverbänden und Menschenrechtsorganisationen entstand. Alle zogen an einem Strang, um das Gesetzesvorhaben zum Scheitern zu bringen. Auch im Ausland entstand eine Solidaritätsbewegung, die für eine Welle der Hilfsbereitschaft und große finanzielle Unterstützung sorgte. Heute sind die LSBTI-Organisationen von einem anderen Gesetz bedroht, dem sog. NGO act, der gerade im Parlament verabschiedet wurde. Er beschneidet die internationale Hilfe für Nichtregierungsorganisationen (NGOs), die wie LSBTI-Organisationen Kritik am Regime von Präsident Museveni üben. Morddrohungen erhalte sie oft, verbale Hassattacken gegen LSBTI seien an der Tagesordnung. Verängstigt, verschreckt, aber dennoch auch optimistisch sei sie. Umso wichtiger ist die internationale Unterstützung, auch aus Deutschland, vor allem seitens der Zivilgesellschaft und der deutschen Botschaft in Kampala, die Aktivist_innen regelmäßig einlädt und so ihren Schutz erhöht.

IMG_0594Den Kirchen komme in Uganda eine große Rolle zu. Der Staat habe es versäumt, staatliche und kirchliche Angelegenheiten zu trennen. Die Einflussnahme gerade der evangelikalen Kirchen und ihrer fundamentalistischen Vertreter aus den USA sei enorm gewesen. Den Lügen über LSBTI müssten korrekte Information entgegengesetzt, LSBTI als normale Menschen dargestellt werden. Deshalb betreibe sie Aufklärung über das Internet, sogar ein TV-Programm bieten sie und ihre Mitstreiter_innen und erreichen so mehr als 1,5 Millionen Menschen. Zurzeit habe sich die Situation etwas beruhigt, denn ugandische Aktivist_innen haben mit internationaler Unterstützung den US-Fundamentalisten Scott Lively in den USA wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit angeklagt, seine homosexuellenfeindlichen Kirchen wurden in Uganda geschlossen. Erstmals, so Nabagesera stolz, wurde ein amerikanisches Gesetz angewendet, mit dem Straftaten von US-Bürger_innen im Ausland geahndet werden können. Die Aktivist_innen bezogen sich auf mehrtägige Workshops, die Lively auch in Uganda durchführte, wo sie auf fruchtbaren Boden fielen. Die Folgen waren die AHB und eine Zunahme der Homophobie und Hassattacken im Land.

Martina Basso macht sich für den Dialog mit den Partnerkirchen in Afrika stark. Ihre Kirche führt ein Partnerprojekt in Simbabwe durch. Doch die Gespräche über Homosexualität und Homophobie sind alles andere als einfach, die Debatten, die man auf internationaler Ebene darüber führe, liefen Gefahr, in eine Sackgasse zu münden. Für sie sei das Thema eine Frage der Gerechtigkeit und des Friedens, ein Menschenrechtsthema und keine theologische Frage. Niemand habe ein Recht auf Diskriminierung, und die Glaubensfreiheit könne nicht über andere Menschenrechte gestellt werden. Homosexuellenfeindlichkeit sei einfach unvereinbar mit dem christlichen Prinzip der Nächstenliebe und des Jesuszitates „Liebe deinen Feind“.

IMG_0602Axel Hochrein betonte, wie wichtig es ist, zweigleisig vorzugehen. Zum einen sei es vordringlich, sich für die weltweite Entkriminalisierung von Homosexualität einzusetzen. Dies sei eine Voraussetzung für die Gleichheit aller Menschen. Darüber hinaus müssen aber konkrete LSBTI-Projekte in Afrika unterstützt werden. Eine Partnerorganisation der Hirschfeld-Eddy-Stiftung ist Freedom and Roam Uganda (FARUG), die in der Vergangenheit mit Privatspenden unterstützt wurde. So etwa die gegen die AHB gerichtete „Hate No More“-Kampagne. Gelder, die Deutschland für die staatliche Entwicklungszusammenarbeit zur Verfügung stellt, müssten in Teilen umgewidmet und der ugandischen Zivilgesellschaft, Menschenrechtsprojekten und LSBTI-Organisationen zur Verfügung gestellt werden. Zudem komme es darauf an, voneinander zu lernen, sich ständig auszutauschen und zuzuhören, um Fehler, kontraproduktives Vorgehen und Schaden zu vermeiden. Er verwies auch auf das Projekt„Masakhane“, das größte jemals vom Bundesministerium für Entwicklung geförderte Projekt im Bereich LSBTI-Menschenrechte. Initiiert vom LSVD und umgesetzt von der Coalition of African Lesbians (CAL) als Projektpartnerin vor Ort und dem LSVD und filia.die frauenstiftung von deutscher Seite, läuft dieses Projekt seit 2013. Der Austausch mit den Partner_innen diene auch dem Lobbying unserer Politik. Diesen Gedanken griff Nabagesera auf. Sie hob hervor, wie wichtig es ist, bei allen Aktionen Rücksprache zu nehmen mit denen, die man unterstützen will. Denn sie wissen am besten, was hilfreich ist und wie ein schädliches Vorgehen verhindert werden kann.

Anwesend war auch Joachim Düster, bis vor kurzem stellvertretender deutscher Botschafter in Uganda. Er beklagte das Negativbild Ugandas, seiner zweiten Heimat, das durch die homophobe Politik im Ausland entstanden sei. Düster ging auf die von homophoben Politker_innen gerne bemühten afrikanischen Werte ein. Das homophobe Strafrecht habe seine Ursachen im Kolonialismus und US-Fundamentalismus, sei von europäischen Missionaren und US-Eiferern ins Land geschleppt worden. Mit afrikanischen Werten habe das überhaupt nichts zu tun. Es gelte, diese Argumentationslinie immer wieder zu dekonstruieren. Enttäuscht zeigte sich Düster von Papst Franziskus, der gerade Uganda besucht hat. Er habe klare Worte vermissen lassen gegen homophobe Gewalttaten und Hasstiraden im Land. Religionsführer_innen hätten nun mal großen Einfluss in Afrika, die Menschen seien religiöser eingestellt als in Europa, und der Fehler der römisch-katholischen und anglikanischen Kirchen in Uganda sei es gewesen, mit den evangelikalen Pfingstkirchen nun über den eigenen Hass auf LSBTI zu konkurrieren.

Der Papst enttäuschte auch Nabagesera. Die ugandischen Aktivist_innen hatten im Vorfeld der Papstvisite alles unternommen, um ein positives Statement, ein Treffen oder einen Fototermin mit dem Papst zu arrangieren. Die vielen Schreiben an den Nuntius und alle Bemühungen US-amerikanischer und britischer Diplomat_innen waren vergeblich: Ein Wort gegen die Gewalt oder gar für die Unterstützung von LSBTI kam ihm in Uganda nicht über die Lippen.

Klaus Jetz
Hirschfeld-Eddy-Stiftung

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