Coming-out im Unterricht

respekt_2014_1_coverDie finnische Kinderbuchautorin Tove Jansson war lesbisch. Ihre Muminfamilie ist weltberühmt. Die Fans in Kitas und Kinderzimmern verlieben sich in die Wesen mit viel Nase, kleinen spitzen Ohren und großen Abenteuern. Tschaikowski ist in Männer verliebt gewesen. Die russische Kulturpolitik unternimmt alles, um das zu verschweigen. Einem für 2015 geplanten Film wurde die schon zugesagte Förderung versagt. Die Deutschen haben die Manns: ein Literaturnobelpreisträger, vier gleichgeschlechtlich Liebende in der Familie, Flucht vor den Nazis, Exil, Anerkennung, Rückkehr. Eine Geschichte, die in den Unterricht gehört. Wie soll man sonst ihre Werke verstehen können?

Im Januar 2014 befragte forsa anlässlich des Coming-outs von Thomas Hitzlsperger die Bevölkerung zu ihrer Einstellung gegenüber homosexuellen Menschen. 65% sind dafür, dass es „Ehen zwischen gleichgeschlechtlichen Partnern“ geben soll und homosexuelle Paare Kinder „unter denselben Bedingungen adoptieren können wie heterosexuelle Paare auch“. 30 % sind gegen die vollständige Gleichstellung. Ähnlich steht es bei der Frage, ob Homosexualität in der Schule mehr thematisiert werden müsse: 63% sind dafür, 29% dagegen. Wer gegen Gleichstellung ist, will das Thema wohl auch aus den Schulen fernhalten.

In Baden-Württemberg, dem Land, das Lebenspartnerschaften bis 2011 das Standesamt verwehrte, ist ein Kulturkampf ausgebrochen. Die grün-rote Regierung will den 10 Jahre alten Bildungsplan modernisieren. Es geht um fächerübergreifendes Lernen, Kreativität, Kritik und Kommunikationskompetenz sowie die Fähigkeit zu selbstbestimmtem, sozial und ökologisch verantwortlichem Handeln. Einbezogen ist auch der Gesichtspunkt der Akzeptanz sexueller Vielfalt. Schülerinnen und Schüler sollen beispielsweise erfahren, dass Menschenrechte unabhängig von sexueller Orientierung und Geschlechtsidentität gelten. Und sie sollen sich bewusst machen, dass sie selbst homosexuelle Persönlichkeiten kennen — aus Gesellschaft, Kultur, Sport und vermutlich auch an ihrer Schule. Die Passagen machen insgesamt gerade mal zwei des 32 Seiten umfassenden Arbeitspapiers aus.

Sexuelle Vielfalt — bei manchen löst dieser Begriff wilde Phantasien aus. Eine Allianz von fundamentalistischen Evangelikalen und Rechtspopulisten macht mobil. Und der homophobe Mob findet auch noch Unterstützung im Parlament: Die CDU-Landtagsabgeordnete und Bildungspolitikerin Sabine Kurtz nimmt Kontakt zu evangelikalen Umpolern auf. Ihr Fraktionsvorsitzender Peter Hauk tönt, der Bildungsplan habe eine einseitige Tendenz. Und auch die Südwest-FDP fällt Lesben und Schwulen in den Rücken und erklärt Lebenspartnerschaften für minderwertig.

Mit perfiden Andeutungen, Verzerrungen der Sachverhalte und permanenter Sexualisierung wird unterstellt, es wäre möglich, Kinder zu Hetero- bzw. Homosexuellen zu erziehen. Da hat der Mythos der Umpolung manchen Geist vernebelt. Wären sie in Baden-Württemberg der Zukunft zur Schule gegangen, dann wüssten sie: Auch wenn im Unterricht das Coming-out von Hitzlsperger Thema ist, wird Homosexualität kein Nationalsport, aber vielleicht ein klein wenig mehr akzeptierter Teil gesellschaftlicher Normalität.

Renate Rampf

Pressesprecherin



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