Liebe unter § 175

Zwischen Beichtstuhl und Klappe, Kirche und Karneval

Seit fast 60 Jahren ist Karl-Heinz Scherer schwul, sagt er. Nächstes Jahr wird er 80. Sein schwules Leben begann 1954 im Urlaub an der Mosel, in einem Trierer Weinberg. Wie Schuppen fiel es ihm von den Augen. Nach dem Erlebnis mit einem Mann wusste Karl-Heinz, dass er nur noch schwul leben wird. Damals aber waren homosexuelle Handlungen strafbar. Er kennt die Zeit unter dem § 175.

Ich komme aus einer sehr katholischen Kölner Familie. In Trier ging ich damals sofort in die Abtei St. Matthias beichten. Der Benediktinerpater sagte mir, das Strafgericht Gottes komme über mich.“ Das war noch harmlos. An eine Beichte im Jahr 1957 im Kölner Dom erinnert er sich, weil er fluchtartig den Beichtstuhl verließ, als der Domkapitular ihm sagte, eigentlich müsse er die Polizei rufen, weil Karl-Heinz „von diesem Laster“ nicht ablasse.

Anfangs geriet Karl-Heinz auch in Gewissenskonflikt mit seinen religiösen Einstellungen. Gerne hätte er mit einem Priester gesprochen, aber keiner ließ sich auf ein Gespräch ein. Sie redeten sich raus, verwiesen auf die Gnade des Herrn und die Vergebung der Sünden. Sein Leben sei eine einzige Lauferei „zwischen Klappe und Beichtstuhl“ gewesen. Erst 1960 habe ihm ein Jesuitenpater in St. Peter klargemacht, er müsse sich so annehmen wie Gott ihn geschaffen habe. Seither fühlt er sich frei.

Doch was blieb, war der § 175 und die Angst. An einen evangelischen Pfarrer aus Lüneburg erinnert Karl-Heinz sich. Der war im KZ, und hatte den violetten und den rosa Winkel getragen und überlebt. Karl-Heinz lernte damals auch Leute kennen, die nach 1945 im Gefängnis waren. „Denen ging es dreckig, weil sie nirgendwo eine Anstellung bekamen. Uns saß ständig die Polizei im Nacken. Kaum einer hatte eine sturmfreie Bude. Und auf der Klappe war es gefährlich, da gab es immer Festnahmen. Wir trafen uns in den Trümmern.“

Die späten 1950er Jahre: Karl-Heinz erinnert sich an einen Gewölbekeller beim Schnüttgen-Museum. Ein Paar stieg hinab, während das nächste Schmiere stand. Erst später erfuhren sie, dass es sich um den Leichenkeller des ehemaligen Bürgerhospitals handelte. Ein anderer beliebter Treffpunkt war ein zerstörter, längst abgerissener Kopfturm der Hohenzollernbrücke. Einige Stadtverordnete wollten dem Treiben in den Trümmern ein Ende machen.

In der Altstadt gab es drei Lokale, wo schwule Männer hingingen. Doch auch da wurde man behelligt. „Bei Manfred“, einer Stricherkneipe, gab es oft Razzien. Aber im „Le Carrousel“ war Ruhe. Da kamen manchmal zwei Polizisten rein, die tranken ein Kölsch und verschwanden dann wieder, ohne zu zahlen. Ich hatte oft Angst.“

Die beste Zeit kam in den 1970er Jahren. In Jochen Saurenbachs legendärer Diskothek „Pimpernel“ am Rudolfplatz organisierte Karl-Heinz 1973 bis 1975 schwule Karnevalsveranstaltungen. Dort traten auch die Bläck Fööss und Marie-Luise Nikuta auf. Der Karneval hat es Karl-Heinz angetan. Seit 1954 ist er Mitglied in der „Großen Allgemeinen Karnevalsgesellschaft von 1900“. Und „im Karneval hatten Schwule Freilauf, auch in den 1960er Jahren. Im Karneval bin ich das erste Mal im Fummel gelaufen, als Bienchen vom Hansaring.“

Karneval und Kirche sind zwei Konstanten im Leben von Karl-Heinz. Er kennt sich aus im „kölschen katholischen Klüngel“, spricht mit Kardinal Meisner und Weihbischof Heiner Koch, den er noch aus der Zeit kennt, als der Leiter des erzbischöflichen Seelsorgeamtes war. Karl-Heinz und zwei Mitstreiter trafen sich regelmäßig mit Heiner Koch, um über das Thema Homosexualität und Vereinbarkeit mit der katholischen Lehre zu reden. Ein ganzes Buch könnte Karl-Heinz füllen mit Anekdoten aus dem katholischen Klüngel und dem kölschen Karneval.

Karl-Heinz sagt, dass Lesben und Schwule in Deutschland viel erreicht haben. „Wenn wir vor über 30 Jahren nicht auf die Straße gegangen wären, ginge es den Lesben und Schwulen heute nicht so gut. Man muss sich einbringen, sonst geht’s nicht weiter.“ Deshalb ist Karl-Heinz seit 1999 Mitglied im LSVD.

Klaus Jetz
LSVD-Geschäftsführer



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