Gesicht zeigen, Grenzen überwinden

Festakt 25 Jahre LSVD (c) LSVD Rede von LSVD-Bundesvorstand Günter Dworek beim Empfang zu 25 Jahre LSVD am 25. April 2015 in Berlin Wenn man Geburtstag hat, darf man sich schon mal was wünschen. Hätte ich drei Wünsche für den LSVD frei, dann wäre mein erster, dass es in Deutschland und überall auf der Welt einen viel lauteren Aufschrei gäbe gegen die entsetzliche Verfolgung, der Lesben, Schwule, Bisexuelle, Transgender und intersexuelle Menschen (LSBTI) in vielen Ländern ausgesetzt sind. Einen Aufschrei dagegen, dass junge Menschen von ihren Eltern misshandelt und verstoßen werden, das Menschen brutalster Willkür und Gewalt ausgesetzt sind, rechtlos gehalten, wegen ihrer Liebe eingesperrt, gefoltert oder gar ermordet werden. Und zu diesem Wunsch gehört auch: Es muss endlich selbstverständlich werden, dass man Menschen, die vor Krieg, Terror und Verfolgung zu uns flüchten, nicht elendig ersaufen lässt, dass sie nicht abgedrängt, nicht angefeindet, sondern mit allem menschlichen Anstand aufgenommen werden. Mein zweiter Geburtstagswunsch ist viel, viel bescheidener. Ich wünschte, dass die Plasbergs oder Maischbergers dieses Landes endlich aufhören, fast im Wochentakt Hassplauderern eine zu Bühne geben. Wie wäre es stattdessen mal mit einer Talkshow, in der sich nicht obskure Studiogäste anmaßen, über unser Leben als Lesben, Schwule oder Transgender zu Gericht zu sitzen und Zensuren zu verteilen, sondern einer Talkshow, die fragt: Warum haben wir auch nach fast sieben Jahrzehnten demokratischer Staat immer noch keine vollen bürgerliche Rechte, und wer ist da eigentlich schuld daran? Das führt mich zu meinem dritten Wunsch. Wir blicken dieses Jahr mit großer Hoffnung nach Washington. Wenn der Oberste Gerichtshof der USA im Juni tatsächlich das Recht auf Ehe für alle öffnet, dann wünsche ich mir, dass unsere Kanzlerin auch mal an dieser Frage die unverbrüchliche deutsch-amerikanische Freundschaft beschwört. Dass sie sich einreiht in eine Koalition der Willigen, die sagt: Ja, ich will, dass endlich alle gleiche Rechte haben. Liebe Freundinnen und Freunde, meine Damen und Herren, mit 17 hat man vielleicht noch Träume, aber mit 25 weiß man: Wir werden uns unsere Wünsche wohl alle selbst erfüllen müssen. Der LSVD hat in 25 Jahren politisch noch nie etwas geschenkt bekommen. Der Herr Bundespräsident hat in seinem schönen Grußwort auf einige unserer Erfolge hingewiesen. Er hat Recht, die Bilanz ist gut. Aber jeder kleinste Fortschritt musste hart erkämpft werden. Unsere Gegner sind nie auch nur einen Millimeter freiwillig zurückgewichen. Was haben wir uns für unverschämte und absurde Argumente anhören müssen. Noch im Jahr 2000 hieß es aus dem Verteidigungsministerium, homosexuelle Ausbilder bei der Bundeswehr seien eine Gefahr für die Rekruten und würden die Kampfkraft der Truppe schwächen. Im Bundestag wurde behauptet, dass es allein schon verfassungswidrig sei, wenn gleichgeschlechtliche Lebenspartnerschaften auf dem Standesamt geschlossen würden, denn das Standesamt sei „nicht nur eine Behörde… sondern auch eine Kulturinstitution“. Den Gegnern unserer Gleichstellung ist wirklich kein Argument zu blöde. Im Rechtsausschuss des Bundestags wurde vorgetragen, man dürfe den Gleichbehandlungsartikel im Grundgesetz nicht um das Kriterium der  „sexuellen Identität“ ergänzen, weil das Muslime von der „Identifikation mit der Verfassung“ abhalten würde. Ich weiß nicht wie, es Ihnen geht. Aber ich denke mir, falls tatsächlich etwas Muslime mit der Identifikation mit unserem Gemeinwesen abhalten sollte, dann doch eher solche Missstände, dass zum Beispiel für junge Menschen die Chancen, zu einem Bewerbungsgespräch eingeladen zu werden, signifikant sinken, wenn sie einen türkisch klingenden Namen haben. Dieses perfide Islam-Argument brachte übrigens jemand vor, der immerhin im Landesverfassungsgericht Sachsen-Anhalt sitzt. Der feinsinnige Herr Staatsrechtler, die enthemmten Talkshow-Hassplauderer, der gegen Einwanderer genauso wie einen angeblichen „Gender-Wahn“ angrölende Pegida-Marschierer, die religiösen Fundis, die uns heilen wollen, die AfD-Rechtspopulisten, die Werbung für Homosexualität verbieten möchten, sie alle haben etwas gemeinsam: Sie können offenbar die Vorstellung nicht ertragen, dass wir Menschen gleicher Würde wie sie selbst sind, ausgestattet mit gleichen Rechten. Das ist der Kern von Transphobie, das ist der Kern von Homophobie. Sie sehen uns als minderwertig. Sie fühlen sich beleidigt, weil sie uns nicht mehr ohne weiteres beleidigen können. Und das ist doch wirklich krank. Besonders angefasst sind sie, weil wir uns nicht mehr auf Nischen oder dunkle Ecken beschränken, sondern wir deutlich sagen: Wir haben das gleiche Recht auf Sichtbarkeit, auf Teilhabe, auf unseren Platz im öffentlichen Raum. Ich erinnere an unsere Aktion Standesamt 1992: 250 lesbische und schwule Paare gingen in vielen Städten zum Standesamt und bestellten das Aufgebot. Diese ungemein öffentlichkeitswirksame Aktion war der Anfang vom Ende der Rechtslosigkeit unserer Partnerschaften. Die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ widmete unserer Aktion damals einen langen kritischen Leitartikel. Es wurde beklagt: „Manche Homosexuelle sind mit der Toleranz nicht mehr zufrieden, die ihnen von der Rechtsordnung und auch in der Wirklichkeit gewährt wird“. Und der Leitartikler drohte dunkel raunend: Die Homosexuellen sollten sich vorsehen, denn Toleranz gebe es nur „um den Preis der Unauffälligkeit.“ Der Artikel trug die bezeichnende Überschrift „Grenzen für Andersartige“. Dieser menschenfeindliche Ruf nach „Grenzen für Andersartige“ gewinnt derzeit wieder an Lautstärke in vielen Ländern. Mit schmachtendem Blick auf den starken Mann in Moskau formiert sich eine Internationale der Rassisten, Homophoben und Demokratieverächter. Sie macht sich auch in Deutschland bemerkbar. Als umso wertvoller erweisen sich die erreichten Erfolge. Abschaffung § 175, Lebenspartnerschaftsgesetz, Antidiskriminierungsgesetz, Aktionspläne für Vielfalt, der Boom der Regenbogenfamilien, die ungeheuer wichtigen Entscheidungen des Bundesverfassungsgerichts: Wir können den Kampf gegen Homophobie und Transphobie in Deutschland heute auf einer ganz anderen Basis führen als vor 25 Jahren. Wir haben festeren Boden unter den Füßen, wir haben verbriefte, in Karlsruhe besiegelte Rechte, wir haben viele Verbündete, die genauso wie wir in einer Gesellschaft der Freien und Gleichen leben wollen. Und was am wichtigsten ist: Unsere Erfolge sind nicht durch Gehirnwäsche herbeimanipuliert worden, wie rechte Verschwörungshysteriker behaupten. Sie sind im transparenten, demokratischen Diskurs ehrlich errungen worden. Mit Dialog, mit Argument und mit Gesicht-Zeigen haben wir als Minderheit eine breite gesellschaftliche Mehrheit davon überzeugt, dass unsere Anliegen gerecht sind. Deshalb bin mir auch sicher: Diese neue homophobe Mobilisierung ist nur eine Phase. Sie werden nicht gewinnen. Aber die nächsten Jahre werden anstrengend. Es liegt an auch uns, wie lang oder kurz diese Phase dauern wird, in der sich die Homophoben, die Rassisten und Demokratieverächter in der Offensive sehen. Es liegt auch an uns in der LSBTI-Community, wie wir uns einbringen in gesellschaftliche Bündnisse, wir unsere eigenen Verschiedenheiten produktiv bündeln, unsere jeweiligen Stärken, Talente und Fähigkeiten gemeinsam einsetzen. Wir müssen weiter überzeugen. Und wir dürfen uns nicht nur in den Kreisen bewegen, die ohnehin schon überzeugt sind. Für manche seiner Dialogoffensiven hat der LSVD in der Community freilich auch Kritik erfahren. Ich meine aber, es sollten nicht wir sein, die Berührungsängste zeigen. Homophobie dämmt man nicht ein, indem man in der Komfortzone verharrt, sondern durch Begegnung an ihren Brennpunkten. Wenn es die Sache voranbringt, würde der LSVD selbst mit dem Teufel reden. Warum also nicht auch mit katholischen Bischöfen? Immerhin scheint sich dort zumindest in Deutschland in jüngster Zeit der Ton etwas zu mäßigen. Das ist wenig, aber nicht Nichts angesichts der letzten 2000 Jahre. Man soll keine Seele von vornherein verloren geben. Deshalb auch ein paar Worte zur CDU/CSU. Heute sind erstmals Vertreterinnen und Vertreter aus allen im Bundestag befindlichen Parteien anwesend. Das ist ebenso erfreulich wie ermutigend. Alle, die sich in der Union für gleiche Rechte einsetzen, haben unsere große Wertschätzung. Aber wir müssen auch der Wahrheit ins Auge sehen. Insgesamt gesehen ist unter den etablierten Parteien die Union für uns der Problembär. Es liegt im Wesentlichen an der politischen Sperrminorität der CDU/CSU, dass unsere rechtliche Gleichstellung bislang unvollendet geblieben ist. Und das ist besonders ärgerlich angesichts der neuen homophoben Mobilisierung. Denn aus jeder der noch bestehenden rechtlichen Diskriminierung können Homophobe Honig saugen für ihre Ideologie der Ungleichwertigkeit von Menschen. Es ist schockierend, mit welcher Angstmache, mit welch perfiden Verdrehungen auch Unions-Politiker Seite an Seite mit Rechtspopulisten und religiösen Fundamentalisten gegen eine Pädagogik des Respekts und der Vielfalt agitieren. Ich denke dann immer, als christliche Politiker müssten sie nach solche Statements eigentlich sofort in den Beichtstuhl rennen. Ihr wisst schon, 8. Gebot: Du sollst nicht lügen. Und man komme mir hier nicht mit „konservativen Werten“. Werte, die die Abwertung anderer Menschen zum Inhalt haben, sind keine Werte, sondern Un-Werte. In Niedersachsen verkündete jüngst eine schulpolitische Sprecherin, „auf keinen Fall” dürfe man „Schwule und Lesben in den Klassen allein gegenüber den Kindern auftreten” lassen. Da haben wir sie wieder, diese Forderung nach „Grenzen für Andersartige“. Dieser Wunsch nach Sonderbehandlung, nach gesellschaftlicher Quarantäne, das ist nicht das Menschenbild des Grundgesetzes. Eine demokratische Gesellschaft muss vielmehr gleiche Rechte, gleiche Teilhabe garantieren und ebenso die Freiheit, jederzeit und an jedem Ort verschieden sein zu können. Dass in der Schule, dass durch das kirchliche Arbeitsrecht im katholischen Krankenhaus, dass beim Institut der Ehe oder irgendwo sonst in dieser Gesellschaft ein Schild hängt mit der Aufschrift „Lesben und Schwule müssen leider draußen bleiben“, das wird der LSVD niemals akzeptieren. Die „Grenzen für Andersartige“ dauerhaft zu überwinden, darin liegt die Zukunftsaufgabe des LSVD. Denn es verträgt sich nicht mit der Würde des Menschen, auf eingezäuntem Gelände leben zu müssen.

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