Gegengift zu Rassismus und Homophobie

(c) ArsenSelly – die offen lesbische Frontfrau von Arsen

Selly, du bist Frontfrau von Arsen, einer Berliner Rockband zwischen Metal und Punk plus Pop-Elementen in deutscher und türkischer Sprache. Wie bist du zur Musik gekommen und wie hat sich Arsen gefunden?

Selly: Ich hatte schon als Kind immer das Bedürfnis zu singen, wenn ich Musik gehört habe. Mit 10 oder 11 Jahren, da lebte ich noch in der Türkei, schaltete ich immer meinen Walkman ein, schnappte mir einen Tennisschläger und rockte so zu Anadolu Rock, die häufigste Form türkischer Rockmusik. Intensiver beschäftigte ich mich mit Musik, als ich mir mit 18 eine Akustikgitarre gekauft habe. Nachdem ich die ersten Akkorde greifen konnte, fing ich an, leichte türkische Songs nachzuspielen und zu singen. Ich lernte eine türkische Rockband namens Stoneheads in Berlin kennen und begegnete dabei Koray. Mit ihm gründete ich dann eine Band und wir wollten zusammen türkische Rocksongs schreiben. Nach einer Weile mussten wir es leider aufgeben, weil wir keine weiteren Musiker finden konnten. Kurze Zeit später antwortete Norman auf meine Anzeige im Internet, mit der ich nach einer Band gesucht hatte. Er lud mich zum Vorsingen ein. Ich bin natürlich hingegangen und man sieht ja, was daraus geworden ist. (lacht)

Norman: Wir sind aus einer Schülerband entstanden. Ich kenne den Bassisten, Gelee, seit der 4. Klasse und den Schlagzeuger, Dennis, seit der 7. Klasse. Erst haben wir nur Krach gemacht, irgendwann aber gemerkt, dass wir viel Spaß daran haben, Musik zu schreiben, Konzerte zu spielen und so weiter. Es hat dann noch eine ganze Weile gedauert, bis wir Selly, Arnd und unseren Sound gefunden haben. Der Wunsch, richtig auf Tour zugehen und ein Album aufzunehmen, wurde mit der Zeit immer größer. 2012 haben wir dann „Worte gegen Krieg“ – und 2014 „Muttererde“ aufgenommen und sind seid dem eigentlich andauernd auf Tour. 😉

Wer kommt zu euren Auftritten und welche Erfahrungen machst du als offen lesbische Sängerin in der Musikszene? Gab es die Befürchtung, dass Dein Coming-out von Nachteil sein könnte?

Selly: Zu unseren Konzerten kommen die verschiedensten Menschen. Wir haben Fans, die über fünfzig aber auch unter vierzehn sind. Es sind Punker, Metaller, Rocker, Normalos, Hippies … eigentlich alle vertreten. Man kann wirklich sagen, dass es extrem bunt bei unseren Konzerten zu geht – und das nicht nur auf der Bühne (lacht). Das ist etwas, was uns sehr, sehr viel Freude bereitet und uns jeden Abend zeigt, dass es überall gute Menschen gibt.

Was meine Homosexualität bei den Konzerten angeht, ist es eigentlich fast schon so, als wäre ich überhaupt nicht lesbisch. Ich oder meine Bandkollegen bekommen sehr selten Feedback über meine sexuelle Identität. Ich bin immer offen, was meine Homosexualität angeht, aber sie ist sehr selten Gesprächsthema. Ab und zu kommen Leute nach dem Auftritt zu uns, um sich zu unterhalten und weil sie mehr über uns erfahren möchten. Höchstens dann kommt es mal zu Sprache. Es ist ihnen egal, was für ein Mensch vor ihnen steht und singt. Mit welchem Geschlecht, Orientierung oder Vorlieben zumindest habe ich diesen Eindruck. Ich habe nicht das Gefühl, dass ich anders behandelt werde, weil ich lesbisch bin. Daraus resultieren natürlich nur positive Erfahrungen während unserer Abenteuer quer durch Deutschland.

Da ich zum Glück nie auf ernsthafte Probleme wegen meines Coming-Outs gestoßen bin, hatte ich auch nie die Befürchtung, dass es sich negativ auf uns als Band auswirken könnte. Es ist eher ein weiteres Alleinstellungsmerkmal. Außerdem kommen wir aus Berlin und aus einer linksgerichteten Szene. Homophobie, Sexismus, Rassismus usw. waren bei uns schon immer verpönt und werden von uns nicht akzeptiert. Von daher gab es eigentlich nie die Befürchtung, auf Probleme zu stoßen.(c) Arsen

Wie war denn Dein Coming-out?

Selly: Als erstes haben es meine engen Freunde in meiner deutsch-türkischen Clique erfahren, von denen ich wusste, dass es für sie okay ist. Für sie war es keine Überraschung, da sie es schon geahnt hatten, aufgrund meines Auftretens und meiner Art und Weise. Sie fanden es cool und danach war auch alles wie immer. Für mich war es jedes Mal eine Befreiung, da ich ab dann endlich so sein konnte, wie ich wirklich bin.

Schwieriger war es für mich, es meinen drei älteren Schwestern gegenüber zu erklären, immerhin ist es die eigene Familie. Ich wusste nicht, wie sie reagieren würden. Auch sie hatten es wohl immer schon irgendwie gewusst. Das hat es für mich ein bisschen leichter gemacht, weil sie sich schnell daran gewöhnen konnten. Die Coming-Outs in der Schule oder auf Arbeit waren dann noch unspektakulärer.

Ich glaube, ich gehöre zu den Glücklichen, die es immer leicht hatten. Denn leider reagieren Menschen nicht immer tolerant und offen darauf. In meinem Umfeld war es für fast alle nichts Besonderes. Sie gehen alle locker damit um. Das zeigt mir, dass es inzwischen viel besser geworden ist, dass Homosexualität mehr an Akzeptanz gewonnen hat.

Offen lesbisch und türkische Eltern – das passt für viele erstmal nicht ins Raster. Wie siehst Du das und wie gehst du mit den ganzen Klischees um?

(c) ArsenSelly: Ich bin traditionell türkisch erzogen worden und auch nach dem muslimischen Glauben. Aber dennoch haben meine Eltern eine weltoffene Ansicht.  Ich durfte immer meine Interessen ausleben und das machen, was ich wollte. Ich durfte immer meine eigene Meinung zu jedem Thema haben und man wollte auch, dass wir uns der toleranten, modernen Welt öffnen. Viele wissen es vielleicht nicht, aber solche türkische Familien in Deutschland gibt es auch. (lacht). Daher reagieren manche überrascht, sobald sie erfahren, dass ich Türkin bin und dazu noch lesbisch.
Ich habe Verständnis und kann es schon nachvollziehen, denn in der türkischen Gesellschaft ist Homosexualität nun mal ein No-Go und wird sehr verachtet. Zudem gibt es in Deutschland eher wenige Türken und Türkinnen, die in so einer alternativen Szene unterwegs sind und ihre Sexualität offen ausleben. Ich bin da schon eher die Ausnahme.

Wenn Du / Ihr Bilder von Pegida und den ganzen anderen Demos und Debatten gegen Einwander/innen und die angebliche Islamisierung Deutschlands mitbekommt, was macht das mit Dir / Euch?

Selly: Es war anfangs etwas erschreckend, aber es ist nicht die erste rechte Bewegung, die ich miterleben „durfte“, also hielt sich meine Verwunderung in Grenzen. Wir positionieren uns stark gegen Pegida und rechtes Gedankengut im Allgemeinen. In Deutschland findet de facto keine Islamisierung statt. Pegida ist unserer Meinung nach eine Symptomatik einer verfehlten Politik. Das fängt im Bildungssektor an und endet bei der Kommunikation auf Kommunalebene zwischen Politikern und den Bürgern. Pegida ist da nur ein Katalysator für unzufriedene Bürger. Auch wenn wir es Scheiße finden, muss eine funktionierende Demokratie so was über sich ergehen lassen. Es ist traurig, dass solche unbegründeten Ängste vorhanden sind.

Gleichzeitig sieht man aber auch, zum Glück, dass die restlichen Pegida Ableger sich keines großen Anlaufs erfreut haben. Berlin zum Beispiel, ist einfach zu multikulturell geprägt, da hat so gut wie jeder muslimische Freunde und weiß es besser als knapp vier Millionen Muslime über einen Kamm zu scheren. Wir kämpfen mit unserer Musik weiter für eine offene, bunte Gesellschaft, daher freut es uns riesig, dass deutschlandweit immer bedeutend mehr Menschen auf den Gegendemos zu Pegida und ihren Ablegern waren. Das zeigt uns, dass die Zahl der guten Menschen hier weit größer ist.

In welcher Gesellschaft möchtest Du gerne leben?

Selly: In der Gesellschaft, in der wir gerade leben, geht’s mir eigentlich ganz gut. Ich will jetzt nicht anfangen irgendwelche utopischen Welten aufzumalen. Ich bin da eher der „mach das Beste aus der Situation“-Typ. Ich habe eine Familie, die mich bei allem unterstützt, einen gut bezahlten Job, viele Freunde, die mich so akzeptieren und lieben wie ich bin und natürlich meine ARSEN-Familie, mit der ich jedes Wochenende durch Deutschland fahren  und Party machen kann. (lacht). Ich fühle mich in Deutschland wirklich wohl und in Berlin wurde ich geboren und ich will hier auch sterben.

Aber versteht mich nicht falsch, es läuft in der heutigen Gesellschaft auch nicht alles toll. Wir als Band fragen uns oft, wie bspw. die deutsche Flüchtlingspolitik damit einhergeh(c) M. Siegleren kann, dass wir der drittgrößte Waffenexporteur der Welt sind? Wie kann es sein, dass Flüchtlinge im Mittelmeer vor der Küste Europas ertrinken müssen, obwohl wir auf einem der reichsten Flecken der Erde leben? Wie können unsere lupenrein demokratischen Politiker TTIP & CETA wollen? Es ist nicht alles schlecht in unserer Gesellschaft, aber auch nicht alles gut. Wir würden uns an vielen Stellen mehr Mitgefühl und Verständnis wünschen.

Siehst du Dich als eine Art Botschafterin und wollt ihr politisch sein?

Selly: Es gibt sehr viele female-fronted Bands, aber unsere Besetzung ist da schon eine etwas andere. Ich würde jetzt nicht soweit gehen und mich als Botschafterin positionieren. Aber wenn sich da eine kleine, lesbische, türkische Frau ans Mikro stellt und losbrüllt, tut das bestimmt der Gleichberechtigung in der deutschen Rockszene nicht weh. 😉 Ich trage sicherlich meinen klitzekleinen Teil dazu bei, dass weibliche Vocals in härteren Musikrichtungen als normal empfunden werden.

Was bringt 2015 für Euch? Was habt Ihr vor?

Selly: Wir nutzen noch die Tourpause bis April aus, um viel Energie zu tanken und uns nochmal kreativ richtig auszutoben – zum Beispiel an neuen Songs. Dann geht’s los bis Mai auf unsere Frühjahrs-Clubtour. Daraufhin spielen wir wie in den letzten zwei Jahren eine Festivaltour und besuchen im Herbst/Winter wieder die Clubs in Deutschland. Das wird auf alle Fälle wieder ein krasses Jahr mit tollen Menschen und ner Menge neuer Erfahrungen!

Tourinfos und mehr von Arsen auf der Homepage

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