„Korrekt und verantwortlich über LGBTI berichten“

Absolventinnen und Absolventen des Medientrainings (c) LSVDMedientraining in Nicaragua

Die Arbeit mit Medien und angehenden Journalistinnen und Journalisten ist zentraler Bestandteil unseres vom Auswärtigen Amt unterstützten Projektes in Nicaragua. Bereits im vergangen Jahr hatten unser Kooperationspartner Red de Desarrollo Sostenible (RDS) zusammen mit zahlreichen LGBTI-Aktivisten und Medienwissenschaftlerinnen einen Leitfaden für die Berichterstattung über LGBTI und Menschenrechte veröffentlicht. In diesem Jahr sollten daran drei Workshops mit Studierenden von drei Universitäten in Managua anschließen. Das Interesse an dem Vorhaben war so groß, dass daraus ein Proseminar „Kommunikation und LGBTI-Menschenrechte“ mit 24 Unterrichtsstunden wurde. Am Donnerstag letzter Woche wurden die Teilnahmebescheinigungen überreicht, auf denen auch die Hirschfeld-Eddy-Stiftung und das Auswärtige Amtes als Projektpartner genannt werden.

Adrián Uriarte, Leiter des Fachbereichs Kommunikationswissenschaften der Universidad de Ciencias Comerciales (UCC) sagte, dass mit dem Seminar ein erstes Samenkorn ausgesät wurde. Die Universität sei ein Akteur des sozialen Wandels und soziale Gruppen wie Straßenkinder, Jugendliche, Indigene oder LGBTI spielten eine immer größere Rolle in der Berichterstattung der mittelamerikanischen Medien. Gerade die Qualität der Berichterstattung über die sexuelle Vielfalt lasse sehr zu wünschen übrig, die Genderthematik müsse dringend in die Lehrpläne der Hochschulen integriert werden. Ein Vertreter der Universidad Hispanoamericana sagte, noch vor 20 Jahren habe das Thema keine Rolle gespielt, auch an den Universitäten fühlten LGBTI sich nicht integriert. Doch die Gesellschaft habe sich gewandelt, die Realität des Landes, zu der die größere Sichtbarkeit von LGBTI gehöre, dürfe nicht länger ignoriert werden.

Die rund 50 Studierenden, die an dem vom RDS durchgeführten Seminar teilgenommen hatten, waren voller Lob: „Wir haben unsere Einstellung geändert. Vorher hatten wir kaum was über das Thema gehört, wir wussten so gut wie nichts über LGBTI. Dann haben wir uns mit den Inhalten vertraut gemacht und den dazugehörigen Wortschatz verinnerlicht.“, sagte eine Teilnehmerin. Ein Student berichtete, dass das Seminar einem Teilnehmer zum Coming-out verhalf. „Die Sprache der Medien ist unerträglich. Phrasen wie ‚lo mataron por ser cochón‘ (sie töteten das feige Schwein) sind oft in der medialen Berichterstattung zu finden, wenn über Angriffe auf Schwule berichtet wird. Die traditionsreiche konservative Tageszeitung ‚La Prensa’ benutzt die Worte ‚schwul‘, ‚Lesbe‘ oder Begriffe wie ‚sexuelle Vielfalt‘ nicht und drängt LGBTI weiter in die Unsichtbarkeit“, so ein anderer Seminarteilnehmer.

Eine Studentin wies auf die traditionell starke Rolle der Familie und der Kirchen hin, die ihren Anteil an der Stigmatisierung von LGBTI in den Medien haben: „Die Aufklärung über sexuelle Vielfalt in diesem Land ist gleich Null. Das schlägt sich auch im Vokabular nieder, und das ist sehr beunruhigend. Wir haben gelernt, dass die karnevalstische Sprache und Berichterstattung über den Gay Pride unzureichend sind, politische Themen und Menschenrechte fallen unter den Tisch.“

Adrián Uriarte gratulierte den Studierenden für die Teilnahme an dem freiwilligen Seminar: „Sie können natürlich die Laufbahn in fünf Zertifikat für das MedientrainingJahren abschließen, sich strikt an den Lehrplan halten und mit guten Noten die Uni verlassen. Was aber auch zählt, ist doch, was man wirklich für das Leben mitnimmt, wie man sich persönlich verändert und weiter entwickelt hat. Die Universität ist auch ein Raum, wo Glaubenssätze und Tabus dekonstruiert und hinterfragt werden. Ohne individuelle Einstellungsveränderungen gibt es keinen sozialen Wandel, und ohne sozialen Wandel auch keine menschliche Entwicklung. Die Türen der UCC bleiben geöffnet, um weiter an dem Thema LGBTI und Menschenrechte zu arbeiten.“

Ein anwesender LGBTI-Aktivist sagte, die Kommunikation sei zu wichtig, um sie allein den Medien zu überlassen, die sozialen Akteure wollten ein Wörtchen mitreden. „Deshalb melden wir uns zu Wort, kritisieren, informieren und zeigen auf, wie man es besser machen kann. Wir rufen dazu auf, korrekt und verantwortlich über LGBTI zu berichten.“, sagte Bayardo Siles von der Gruppe „Por una Cultura de Paz“ aus Matagalpa. Wie wichtig dieser Appell ist, zeigt etwa die Tatsache, dass die Aktivistinnen und Aktivisten den eingangs genannten Leitfaden zur LGBTI-Berichterstattung ihrem Kameraden Eddy Ramirez widmeten. Der junge bisexuelle Mann wurde am 12. Februar 2012 Opfer eines Hassverbrechens.

Klaus Jetz
LSVD-Geschäftsführer

weitere Berichte über die Arbeit in Nicaragua im LSVD-bLOG und auf der Seite der Hirschfeld-Eddy-Stiftung

Video und Bericht (auf Spanisch)

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