Homosexualität und Homophobie in Afrika

ILGA_World_MAP_2013_Africa3Marc Epprecht fordert mehr Besonnenheit in der Debatte

Marc Epprecht, kanadischer Professor für globale Entwicklungsstudien, hat ein hoch aktuelles Buch zum Thema Homosexualität und Homophobie in Afrika vorgelegt (Marc Epprecht, Sexual and Social Justice in Africa. Rethinking Homophobia and Foreign Resistance, Zed Books, London 2013). Der Autor will den negativen Schlagzeilen zu diesem Thema im Norden etwas Positives entgegensetzen. Ein heikles Anliegen angesichts der homophoben Strafrechtsverschärfungen in Uganda oder Nigeria und ihrer Auswirkungen in anderen Ländern Subsahara-Afrikas.

In der Tat: Seit einigen Jahren häufen sich die Schlagzeilen zur Schwulenhetze politischer und religiöser afrikanischer Führer in Simbabwe oder Gambia, zu Verhaftungswellen in Ägypten, Senegal oder Kamerun, zu drakonischen Strafen und homophoben Gesetzesvorhaben zwischen Mauretanien und Malawi. Zunächst gibt Epprecht einen Überblick über erzielte Fortschritte der letzten Jahre: Südafrika ist Vorreiter bei der rechtlichen Gleichstellung und Nichtdiskriminierung von Lesben und Schwulen, Mauritius und Cabo Verde haben gleichgeschlechtliche Handlungen entkriminalisiert, Expräsidenten wandelten sich vom Saulus zum Paulus (Botswana oder Sambia) und sprachen sich wie regierende Politiker (Tsvangirai) für eine Entkriminalisierung aus. Zudem spielt das Thema Homosexualität eine immer größere Rolle in den afrikanischen Kulturen, Literaturen und Medien. Die Zivilgesellschaften schmieden Allianzen gegen Menschenrechtsverletzungen an sexuellen Minderheiten, und in vielen Ländern in Subsahara-Afrika wirken LGBTI-Organisationen.

Doch die ugandische Anti Homosexuality Bill oder das Vorhaben des malawischen Ex-Präsidenten, das homophobe Strafrecht auszuweiten, lösten eine, so Epprecht, unverhältnismäßige Negativberichterstattung in Europa und Nordamerika aus, in deren Folge mehrere Regierungen und die Weltbank Hilfsgelder einfroren oder umwidmeten und Regierungschefs wie Obama oder Cameron Drohungen ausstießen, so dass der liberale, progressive Westen gegen die konservativen afrikanischen Werte in Stellung gebracht wurde. Ausgeblendet wurde bei dieser oberflächlichen Konstruktion allerdings die Rolle der evangelikalen Fundamentalisten aus den USA.

Argumente und Fakten

Epprecht demontiert sodann das von Teilen der Entwicklungspolitik und einigen afrikanischen Politikern noch immer gern bemühte Argument, bei dem Thema LGBTI-Rechte handele es sich um ein marginales Thema, Afrika stünde vor ganz anderen Herausforderungen. Spätestens der Feminismus und HIV hätten dafür gesorgt, dass sexuelle Rechte ein entwicklungspolitisches Thema sind, dass Fragen der Sexualität, Geschlechterverhältnisse und Geschlechtergerechtigkeit wichtig sind für den politischen und wirtschaftlichen Wandel. Zudem hebt der Autor die enormen Kosten hervor, die Homophobie und Diskriminierung allgemein einer Gesellschaft bescheren. Auch deshalb und weil es sich um eine Frage der Menschenrechte handelt, ist das Thema LGBTI-Rechte kein Nischenthema, sondern eine Frage, die alle angeht. Epprecht setzt auch der offiziellen Propaganda von der „unafrikanischen Homosexualität“ Argumente und Fakten entgegen. So verweist er auf die weit verbreitete sexuelle Toleranz in den traditionellen afrikanischen Gesellschaften und zeigt ganz einfach auf, wie sehr Homosexualität auch afrikanisch ist.

Epprecht fragt auch nach der Rolle der Religionen und nach der Zulässigkeit von Dichotomien wie modern versus traditionell, Religiosität und Glaube versus säkulare Vernunft, Islam versus Christentum etc., die die westlichen Medien in ihrer Berichterstattung über Homophobie in Afrika stereotyp reproduzieren. Außer Acht lassen sie dabei, dass die traditionellen afrikanischen Religionen eigene Wege und Mittel haben, um der erstarkenden Homophobie etwas entgegenzusetzen. Epprecht verweist auf die afrikanische Lebensphilosophie Ubuntu und Werte wie Mitmenschlichkeit, Gemeinsinn, Verantwortungsgefühl, Respekt. Die hierin wurzelnden antikolonialistischen und antirassistischen Traditionen seien ein viel versprechendes Instrumentarium im Kampf gegen den Import evangelikaler, fundamentalistischer Menschenfeindlichkeit, die nichts anderes darstellt als eine Wiedergeburt des homophoben Gedankenguts, das europäische Missionare des 19. Jahrhunderts dem afrikanischen Kontinent bescherten.

Wirken evangelikaler Sekten

In historischen Rückblicken schreibt Epprecht eine Geschichte der Homophobie im kolonialen und postkolonialen Afrika. Er geht ein auf die weit verbreitete sexuelle Toleranz im vorchristlichen Afrika, referiert regionale Unterschiede und Besonderheiten sowie das unselige Wirken evangelikaler US-Sekten, die sich Zuhause auf verlorenem Posten wähnen. Deshalb wagen sie den Sprung in Staaten wie Uganda oder Malawi, um ihre menschenfeindliche Ideologie zu verbreiten. Auf der anderen Seite steht die LGBTI-Menschenrechtspolitik der Obama-Administration, die enormen Druck auf Staaten wie Uganda, Malawi oder Nigeria ausgeübt habe. Die Verschärfung des nigerianischen homophoben Strafrechts müsse auch im Kontext eines kulturellen oder antiimperialistischen Abwehrkampfes („Afrika den Afrikanern“) gesehen werden.

Die Rolle westlicher Aktivistinnen und Menschenrechtsverteidiger sei oftmals destruktiv, da sie gerne Stereotype und Vorurteile vom homophoben, dunklen, chaotischen Kontinent Afrika zementierten und multiplizierten, anstatt auch weltwirtschaftliche Strukturen und sozioökonomische Ungerechtigkeiten zu kritisieren, die schließlich ein idealer Nährboden für Homophobie seien. Der Autor ruft nach Besonnenheit in der Lobbyarbeit gegenüber Afrika, fragt nach einem verantwortungsvollen und fairen Umgang mit Kontinent. Das westliche Modell könne und dürfe Afrika nicht einfach übergestülpt werden.

Epprechts trotz allem optimistisches Buch beschreibt die Gründe für den Vormarsch der Homosexuellenfeindlichkeit in Afrika, liefert wertvolle Argumente für alle, die sich dagegen engagieren, zeigt Strategien für mehr sexuelle Vielfalt auf und fragt nach der negativen und positiven Rolle des Westens beim Umgang mit dem Thema sexuelle Identität und Menschenrechte in vielen Ländern Afrikas.

Klaus Jetz
Hirschfeld-Eddy-Stiftung

 

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