Die Schule als guter und sicherer Ort für Kinder aus Regenbogenfamilien

„Wir hatten keine Probleme in der Grundschule, als wir der Direktion und der Lehrerin sagten, dass wir eine Regenbogenfamilie sind. Wir brachten sogar Materialien mit, die dankbar angenommen wurden. Wirklich eine Überraschung“, so eine Besucherin des von Peter Dankmeijer geleiteten Fachforums „Wie wird die Schule ein sicherer Ort für Kinder?“. Ein Teilnehmer aus Kopenhagen berichtete Ähnliches. Beide äußerten aber die Besorgnis, dass sich das in der weiterführenden Schule vielleicht ändern werde, wenn die Kinder in der Pubertät sind und verschiedene Lehrkräfte haben.

Welche Möglichkeiten haben besorgte Eltern bei der Auswahl einer sicheren Schule, wie können sie Einfluss nehmen auf den Umgang der Schule mit LSBT-Themen, im Lehrplan, in der schulischen Umgebung, im Selbstverständnis oder bei Methoden zur Aktivierung von Respekt auch für sexuelle Vielfalt bei Lehrenden und Lernenden?

Fragen, mit denen sich Peter Dankmeijer, Direktor der Global Alliance for LGBT Education (GALE) seit fast 30 Jahren auseinandersetzt.

Eltern sollten die Schule, in die sie ihre Kinder schicken, bewusst prüfen. Bohrende Fragen sollten sie der Schulleitung stellen über die Thematisierung von LSBT und Regenbogenfamilien, über die Art und Weise, wie sie ihre Schule zu einem sicheren Ort für Kinder macht, wie Vielfalt vermittelt wird, welche Beratungsangebote für LSBT bereitgehalten werden und wie mit homophoben Einstellungen umgegangen wird. Zudem können Eltern ihre Expertise zum Thema sexuelle Vielfalt zur Verfügung stellen, an Plenumssitzungen in der Schule teilnehmen und interessierte Fragen authentisch und selbstbewusst beantworten. LSBT-Organisationen hingegen, die über große Erfahrungen im Bereich Lobbying verfügen, aber kaum Expertise im Bereich Schule und Unterricht vorweisen können, sollten, so Dankmeijer, mit Expertinnen und Pädagogen zusammenarbeiten und nicht ungeprüft eigene Materialien für den Unterricht entwickeln. Sie sollten sich über ihre Expertise und Rolle im Klaren sein, Allianzen bilden, um gemeinsame Ziele zu identifizieren und gemeinsame Strategien zu erarbeiten.

Lehrkräfte dürfen nicht nur Wissen über LSBT vermitteln. Das allein, so Dankmeijer, verändert noch keine Einstellungen. Es geht auch darum, Respekt und Toleranz im positiven Sinne zu vermitteln. Fähigkeiten müssen entdeckt und gefördert werden. Zudem müssen Lehrkräfte lernen, wie auf Hassreden und Gewaltaufrufe zu reagieren ist. Emotionen müsse Raum gegeben werden, Dampf abzulassen sei legitim. Verbale Ausbrüche oder aggressive Fragen zu LSBT-Themen verlangen nicht nach einer sofortigen Antwort. Sie können in ruhiger und neutraler Weise zusammengefasst und wiederholt werden, danach beginne die Dialogphase von selbst, Gegenstandpunkte würden geäußert, aggressive Einstellungen gerieten als Minderheitenposition in Erklärungsnot.

Lernende müssen sich auch vorstellen können, was in den Herzen anderer vorgeht, wie sie fühlen und denken. Zudem müssen sie sich selbst erkennen, Selbstwertgefühl und ein eigenes Ausdrucksvermögen entwickeln. Zusammenarbeit und Interaktion in der Schule befördern den Respekt für den Anderen, dazu gesellen sich Anstand und Zuvorkommenheit, allesamt Voraussetzungen, so Dankmeijer, um Mobbing entgegenzutreten.

Die Schule muss sicherstellen, dass der Teufelskreis aus Emotionen, negativen Einstellungen, Distanz, Diskriminierung und Stereotypisierung durchbrochen werde. Die Schulleitung müsse Maßnahmen ergreifen und einen Prozess der Auseinandersetzung mit dem Thema Vielfalt in Gang setzen. Ohne dieses Rahmenwerk gebe es keine Teamarbeit, keine Initiativen seitens des Lehrkörpers oder der Lernenden. Ziele müssen in einem Selbstverständnis formuliert werden, die schulische Umgebung verändert werden, sexuelle Vielfalt auch im Lehrplan verankert und Beratung für LSBT und andere Minderheiten sichergestellt werden.

GALE, offizieller Kooperationspartner der UNESCO, ist ein international agierendes Netzwerk von Lehrkräften, dessen Aufgabe darin besteht, erzieherische Expertise und Materialien zum Thema sexuelle Vielfalt zu identifizieren, zu verbessern und zu verbreiten. Die Organisation ist in allen Weltregionen tätig, in Europa arbeite man anders als in Asien oder Lateinamerika. Auch die Konzepte oder Kategorien seien andere. In Europa kooperiere GALE mit Regierungen, arbeite zum Abbau von Homo- und Transphobie, erhalte Unterstützung etwa der niederländischen Regierung. In Asien spielten andere Lebensstile eine zentrale Rolle, in Lateinamerika Genderfragen oder Abbau von Machismo. In Russland, Kasachstan oder afrikanischen Verfolgerstaaten könne man nur auf Umwegen, etwa über das Thema Religion oder Frauenrechte zum Thema Homophobie vordringen.

Peter Dankmeijer entwirft in seinem Vortrag ein Idealbild von Schule, in der alle sich einbringen können, um sicherzustellen, dass niemand ausgegrenzt wird. Alle, Schulleitung, Lehrkörper, Eltern und Lernende müssen dazu beitragen, dass die Schule zu einem sicheren Ort wird. Dankmeijers Antwort auf meine Frage, ob denn dieses Konzept auch in Ländern wie Russland funktionieren könne, wo es per Gesetz verboten ist, in Schulen über Homosexualität und Transsexualität zu informieren, ist eindeutig: In Russland könne es keinen sicheren Ort für Kinder aus Regenbogenfamilien geben, Mobbing und Ausgrenzung von LSBT seien hier Tür und Tor geöffnet. Es bleibe nur die außerschulische Sensibilisierung von einzelnen Lehrkräften zum Thema Vielfalt und Nichtdiskriminierung.

Klaus Jetz
LSVD-Bundesverband

Alle Berichte zur Dritten Europäischen Regenbogenfamilienkonferenz

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