„Schrecklich normal“

IMG_6928Jugendliche aus Regenbogenfamilien berichten

Das Wohl der Kinder wird ja gern von konservativer Seite ins Feld geführt, wenn sie etwa begründen sollen, warum Lesben und Schwule nicht gemeinsam adoptieren dürfen. Offensichtlich sind sie nie Kindern aus Regenbogenfamilien begegnet, sonst wüssten sie, dass ihre Argumentation weder Hand noch Fuß hat. Lena, Friderike, François, Malte und Theresa jedenfalls berichten wie unaufregend und beinah „schrecklich normal“ es ist, mit zwei Müttern oder Vätern aufzuwachsen. Zwar sind sie es gewohnt, sich und ihre Familien erklären zu müssen, doch oftmals legt sich die Neugierde sehr schnell, wenn sich herausstellt: Eigentlich läuft das Leben und der Familienalltag auch nicht viel anders ab als in heterosexuellen Familien. Dann wird sich schnell wieder anderen spannenderen Themen zugewandt.

Lesbische und schwule Eltern sollten entspannt und selbstbewusst zu ihrer Familie stehen und dem Druck widerstehen, es allen beweisen zu müssen und die perfekten Eltern zu sein. Das könnte stressig für die Kinder werden, wie François aus Belgien erklärt. Geben sie ihren Kindern jedoch Stabilität und Sicherheit, dann lässt sich auch mal ein blöder Spruch wegstecken. Einig sind sich die fünf, dass die Lebenswirklichkeit von Lesben, Schwulen und Transgender sowie die Vielfalt von Familien mehr in den Unterricht einfließen sollten. Davon würden letztendlich alle in der Klasse profitieren.

Ist die Begegnung mit anderen Regenbogenfamilien hilfreich? Für die Eltern vielleicht noch mehr als für die Kinder selbst, so vermuten die fünf Jugendlichen. Denn einerseits ist es gut zu wissen, dass man nicht der oder die Einzige mit lesbischen bzw. schwulen Eltern ist, andererseits redet man eher über andere Dinge als darüber, wie es ist, in einer Regenbogenfamilie aufzuwachsen. Anlässlich der immer wiederkehrenden Argumentation, dass Kinder Vater und Mutter brauchen, um zu lernen, wie sich „richtige“ Männer und „Frauen“ angeblich zu verhalten haben, betont Malte, dass Geschlechterstereotype eigentlich überholt seien und dass es eher darum gehe, flexibler und selbstbestimmt mit normativen Erwartungen umzugehen, als diese stillschweigend zu akzeptieren. Man nimmt sich Menschen zum Vorbild, nicht Männer und Frauen.

Alle berichten jedoch auch von dem Druck, bloß nicht Vorurteilen zu entsprechen. So hatte Theresa mehr Schwierigkeiten mit dem eigenen Coming-out, als vielleicht erwartet. Zu oft gehört, dass sie ja mit zwei Müttern sicherlich lesbisch erzogen werde, fiel es ihr schwerer, zu dem Schluss zu kommen, dass die eigene Sexualität weniger mit der Erziehung der Eltern als mit einem selbst zu tun hat.

Anschließend stellte Dr. Ana Sobocan von der Universität Ljubljana eine qualitative Studie über die Erfahrungen von Kindern aus Regenbogenfamilien in ihrem schulischen Umfeld in Schweden, Deutschland und Slowenien vor. Vor dem Hintergrund alltäglicher Heteronormativität machen Kinder die verschiedensten Erfahrungen mit Gleichaltrigen und Lehrkräften. Zwar gab es keine Berichte von körperlicher Gewalt, jedoch gaben viele Teilnehmende an, regelmäßig hinterfragt zu werden, ihre Familienform nicht im Unterricht oder den Lehrbüchern wiederzufinden oder auch Zielscheibe von Beleidigungen geworden zu sein. Daher überlegen viele sehr genau, wann, wo und wem sie von ihren Familien erzählen. Insbesondere in  Slowenien würden viele ihre Herkunft eher verschweigen. Doch insbesondere jüngere Kinder gehen immer selbstbewusster mit dem Thema um und fordern Akzeptanz für sich und ihre Eltern ein.

Ausschlaggebend für die alltäglichen Erfahrungen von Kindern in Regenbogenfamilien sind unterstützende Eltern und gleichaltrige Freundinnen und Freunde. Ein guter Kontakt zwischen Eltern und Lehrkräften hat enormen Einfluss darauf, wie sicher sich die Kinder in ihrem schulischen Umfeld fühlen. Lehrkräfte sind gefordert, Vielfalt als Unterrichtsthema einfließen zu lassen, bei Mobbing zu intervenieren und selbstverständlich auf Fragen antworten zu können, statt es den Kindern aus Regenbogenfamilien zu überlassen, sich zu erklären. Hier müsste folglich eine Politik ansetzen, der es weniger um Ideologie und Bauchgefühle geht als wirklich um das Wohl von Kindern.

Markus Ulrich
LSVD-Bundesverband

 

Regenbogenbogenfamilie – Klischee und Wirklichkeit (Filmprojekt im Rahmen des Familienseminars vom LSVD Baden-Württemberg)

Studie „School is out?!“

„Wo Kinder geliebt werden, wachsen sie auch gut auf.” Videobotschaft der Familienministerin Manuela Schwesig zur Eröffnung der Dritten Europäischen Regenbogenfamilienkonferenz

„Das Regenbogeneuropa trifft sich in Köln.“ Begrüßung von LSVD-Bundesvorstand Axel Hochrein zur Eröffnung der Dritten Europäischen Regenbogenfamilienkonferenz

Tags: ,