Aktiv den Kontakt zur Basis suchen

Herausforderungen für die internationale Solidarität

„Hilft es, wenn wir in Deutschland eine große Demo machen und gegen die Unterdrückung von Homosexuellen in Afrika protestieren?“, diese Frage richtet sich an Dorothy Aken’Ova-Ogidi aus Nigeria, Hauptreferentin des fünften Fachtags Regenbogenphilanthropie.

Aken’Ova-Ogidi hat in einem mitreißenden Vortrag klar gemacht, dass alle, die von Deutschland aus Lesben, Schwule, Bisexuelle oder Transgender (LSBT) in anderen Ländern unterstützen wollen, zu allererst mit den Betroffenen vor Ort sprechen müssen. Entsprechend viele Fragen kommen aus dem Publikum. Dorothy Aken’Ova-Ogidi antwortet ausführlich und weist auch auf mögliche negative Folgen internationalen Drucks hin: Ein Land, das immer wieder angeprangert wird, verliert den Anschluss an die internationale Gemeinschaft. Diese negative Publicity schadet einerseits den politischen Führern. Andererseits droht ein Backlash für LSBT selbst: Ihnen wird die Schuld am Ansehensverlust gegeben und ihre Lebenssituation verschlechtert sich.

Sie plädiert deshalb eindringlich für eine Unterstützung der Basis. Es gehe darum, den Kontakt mit den Aktivistinnen aufzubauen. Nur so könne der Vielfältigkeit der über 50 Länder und ihren unzähligen Regionen Rechnung getragen werden. „Die Diversität von Afrika ist eine riesige Herausforderung“, betont Aken´Ova-Ogidi. Das heißt, dass die Aktiven im globalen Norden viel mehr tun müssen, um viel mehr unterschiedliche Stimmen zu hören.

 

Diaspora-Organisationen als Vermittler?

Viele wollen aus Deutschland aktiv werden, aber die meisten haben keine direkten Ansprechpartner. Könnten Migrantenorganisationen die Vermittlung übernehmen? Könnten Diaspora-Gruppen für die LGBT in den Herkunftsländern sprechen? Andreas-Ephraim Bollwinkel von der Initiative Schwarze Menschen in Deutschland (ISM) hat dieser Frage eine ausführliche Analyse gewidmet, die auf dem Fachtag verlesen wird. Auch er stellt klar, dass es nur eine Expertengruppe gibt, nämlich die Betroffenen in den jeweiligen Ländern. Zwar gibt es in Deutschland etwa 250 Gruppen und Vereine der afrikanischen Diaspora, aber diese sind laut Bollwinkel für die Fragen von Genderidentität und sexueller Orientierung nicht aufgeschlossen. Erfreuliche Ansätze gibt es in der Initiative Schwarze Menschen (ISM), die sich gegen Rassismus und für sexuelle Selbstbestimmung einsetzt, auch wenn es noch „keine eigene queere Untergruppe und also auch keine öffentliche Wirkungsmacht“ gibt.

Ähnliches berichtet Regina Elsner über die russischen Migrantenorganisationen. Dort sei Homo- und Transsexualität ebenso tabuisiert wie in der russischen Gesellschaft. Deshalb habe sich Quarteera gegründet, die Gruppe für russischsprachige LSBT. Allerdings könne Quarteera allenfalls eine Vermittlerrolle einnehmen: „Wir sprechen nicht für die Lesben und Schwulen in Russland!“. Elsner empfiehlt, Städtepartnerschaften zu nutzen, um direkte Kontakte aufzubauen und bietet an, Ansprechpersonen in russischen LSBT-Projekten zu vermitteln.

Der Fachtag hat gezeigt, die Frage „Wer spricht? Wer wird gehört?“, ist zentral für die internationale Zusammenarbeit. Die Grundbedingungen eines wirkungsvollen Engagements sind: Aktiv den Kontakt zu den Betroffenen vor Ort suchen, zuhören und nicht zuletzt eine finanzielle Unterstützung ihres mutigen Kampfes.

 

Renate Rampf
Hirschfeld-Eddy-Stiftung

 

Stichwort: Regenbogenphilanthropie

Einmal im Jahr greift der Fachtag Regenbogenphilanthropie zentrale Themen der Menschenrechtsarbeit für Lesben, Schwule und Transgender auf. 2013 stand die Frage „Wer spricht? Wer wird gehört?“  im Fokus. Es antworteten neben den im Artikel erwähnten Vertreterinnen und Vertreter mehrerer Organisationen: Ise Bosch (Dreilinden), Ute Hausmann (FIAN Deutschland), Boris Dittrich (Human Rights Watch), Sonja Schelper (filia), Silvia Heer (Auswärtiges Amt), Dr. Katharina Spiess,  (Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit) und Christoph Strässer MdB (SPD), der jetzige Menschenrechtsbeauftragte der Bundesregierung.

 

 

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