Klare Abgrenzung von Anfang an

Haltung des SVD zu den Forderungen pädophiler Aktivisten

Derzeit findet eine Diskussion über pädophile Aktivitäten in den 1970er und 1980er Jahren in Parteien und der Schwulenbewegung statt. In diesem Rahmen wird auch der Lesben- und Schwulenverband (LSVD) gefragt, ob er etwas aufzuarbeiten habe.

Der LSVD begrüßt die wissenschaftliche Aufarbeitung der sexualpolitischen Diskussionen der 1970er und 1980er Jahre als eine wichtige Grundlage gesellschaftlicher Aufarbeitung.

Der LSVD selbst hat sich am 14. Februar 1990 als Schwulenverband in der DDR (SVD) gegründet, entstanden aus der bürgerrechtlichen Oppositionsbewegung gegen das SED-Regime. Im Juni 1990 erfolgte die Umbenennung in Schwulenverband in Deutschland (SVD), nachdem sich auch erste bürgerrechtsorientierte westdeutsche Schwule dem neuen Verband angeschlossen hatten. Im März 1999 erfolgte schließlich die Erweiterung zum Lesben- und Schwulenverband (LSVD).

Unser Verband hat sich von Anfang an als Bürgerrechtsorganisation verstanden. Der SVD entwarf seine Programmatik und politische Agenda auch in bewusster Abgrenzung zu einigen Positionen, wie sie in der westdeutschen Schwulenbewegung damals noch teilweise verbreitet waren. So trat er von Anfang für die damals in der Schwulenbewegung noch hoch umstrittene Forderung nach Öffnung der Ehe ein. Ebenso hat sich der SVD von Anfang an von Forderungen nach Freigabe sexueller Handlungen mit Kindern abgegrenzt, diese Forderungen nie unterstützt und niemals in seine Programmatik aufgenommen.

Stattdessen hat der SVD einen Unvereinbarkeitsbeschuss gefasst, wie dies 1994 auch die „International Lesbian and Gay Association“ (ILGA) unter Mitwirkung des SVD mit großer Mehrheit (88 % Zustimmung) getan hat.

1997 hat der SVD seine seit Verbandsgründung eingenommene Position in einer „Erklärung zur Pädophilie“ nochmal zusammengefasst:

„Der Schwulenverband in Deutschland (SVD) ist der Auffassung, daß Sexualität zwischen Menschen nur im gegenseitigen Einvernehmen stattfinden darf. Zwischen Erwachsenen und Kindern liegt ein strukturelles Machtgefälle vor. Zudem ist das Verständnis der Bedeutung von Sexualität bei Kindern und Erwachsenen grundlegend verschieden. Ein gleichberechtigtes Einvernehmen zwischen Kindern und Erwachsenen ist daher nicht gegeben. Nach unserer Überzeugung ist es Mißbrauch, wenn Erwachsene ihre sexuellen Bedürfnisse auf Kosten von Kindern befriedigen.
Der weltweite Dachverband der Lesben- und Schwulenbewegung, die „International Lesbian and Gay Association“ (ILGA), hat auf einer Weltkonferenz im Juni 1994 unter Mitwirkung des SVD den Beschluß gefaßt, daß die Ziele der Pädophilen mit denen der lesbischen und schwulen Emanzipation unvereinbar sind. Diese Auffassung wurde und wird vom SVD inhaltlich voll unterstützt.“
(Abgedruckt ist diese Erklärung in der damaligen SVD-Zeitschrift „Rundgespräch“, Ausgabe März 1998, S. 4.)

Diese Erklärung wurde seinerzeit von unserem Sprecher Günter Dworek entworfen und vom damaligen Bundessprecherrat des SVD einstimmig verabschiedet. Diese Positionierung ist bis heute unverändert geblieben.

 

Rückblick auf die Zeit vor dem SVD/LSVD

von Manfred Bruns

Im Folgenden dokumentieren wir einige Thesen von Manfred Bruns, LSVD-Sprecher und viele Jahre als Staatsanwalt tätig gewesen, zur Situation in den 1970er und 1980er Jahren. Die Thesen verstehen sich als Anregung für die weitere Diskussion und Aufarbeitung der Verbindungen zwischen Schwulenbewegung und Pädophilen in den 1970er und 1980er Jahren.

1. Warum hat sich die Schwulenbewegungen in den 1970er Jahren für die Forderungen von Pädophilie-Aktivisten geöffnet?

Die Debatte über die Pädophilie wird heute von der Erkenntnis beherrscht, dass es in den Familien und in kirchlichen Strukturen vielfache Übergriffe gegeben hat (und noch immer gibt), die für die Jugendlichen und Kinder eine psychische (und oft auch physische) Vergewaltigung bedeuteten und schwere psychische Traumata zur Folge hatten. Hinzu kommen die im Internet kursierenden abstoßenden Bilder von der Vergewaltigung von Kindern durch Erwachsene und dem sexuellen Missbrauch von Kleinkindern. Solche Bilder gab es damals nicht.

Schwule waren in den 1970er und 1980er Jahren noch eine vielfach diskriminierte Minderheit, für die z.B. die Mitarbeit in einer Schwulengruppe existenzgefährdende Folgen im Beruf haben konnte. Schwule hatte in der Bundesrepublik jahrzehntelang die Erfahrung menschenrechtswidrige Strafverfolgung für ihre Sexualität gemacht (§ 175 StGB).

Die Verfolgung durch § 175 war durch nichts gerechtfertigt und reines Moralstrafrecht. An diese Verfolgungserfahrung schwuler Männer haben die Pädophilen-Aktivisten geschickt angeknüpft und konnten viele davon überzeugen, dass sie sich in einer ähnlichen Situation befinden. Die Päderasten machten geltend, dass sie genauso verfolgt würden und forderten von den Schwulen Toleranz und Unterstützung ein. So erschien z.B. damals die Nürnberger „Indianerkommune“, eine militante Gruppe von Päderasten, auf vielen Veranstaltungen von Schwulen, besetzte die Podien, forderte zur Diskussion über die „Verfolgung“ der Pädophilie auf und sprengte so die Veranstaltungen. Die Veranstalter selbst wagten es nicht, die Polizei zu Hilfe zu rufen, weil sie sich nicht dem Vorwurf aussetzen wollten, die Polizei der Unterdrücker gegen Menschen zu Hilfe gerufen zu haben, die wegen ihrer Sexualität verfolgt werden.

In der damaligen Schwulenbewegung war der vielfache sexuelle Missbrauch in den Familien und den kirchlichen Strukturen kein Thema, weil man davon ausging, dass davon im Wesentlichen Mädchen betroffen seien. Männer, die solche Übergriffe erlebt und darunter gelitten hatten, waren damals offenbar nicht in der Lage, darüber zu reden, auch schwule Männer nicht. Dadurch entstand in der Schwulenbewegung der Eindruck, dass gewaltfreier und einverständlicher Sex zwischen Männern und Jugendlichen durchaus möglich sei.

Hinzu kam, dass die meisten Schwulen damals aufgrund der staatlichen Unterdrückung und gesellschaftlichen Tabuisierung ihr Coming Out erst sehr spät erlebten. Sie hatten deshalb das Gefühl, die besten Jahre versäumt zu haben und trauerten fehlenden Gelegenheiten in der Jugend nach.

Weite Teile der Schwulenbewegung waren bis Mitte der 80er Jahre gesellschaftlich isoliert, haben sich als radikale „Gegenkultur“ verstanden und im Wesentlichen nur mit sich selbst diskutiert. Die Schwulenbewegung hat sehr einseitig ihre Informationen über Pädophile bezogen. Sie hat sich damit zeitweise von den anlaufenden gesellschaftlichen Diskussionen über sexuellen Missbrauch und sexuelle Gewalt selbst abgeschnitten.

2. Wie kam es ab Mitte der 1980er Jahre zur Distanzierung?

Die Isolation der Schwulenbewegung ist in den 80er Jahren langsam aufgebrochen. Dann hat man sich wieder mehr der Gesellschaft zugewandt und verstärkt an Integration gearbeitet, z.B. gesetzliche Anerkennung für gleichgeschlechtliche Partnerschaften eingefordert. Auch die AIDS-Krise hat dazu geführt, sich realpolitisch um gleiche Rechte zu bemühen.

Auch das Thema Pädophilie wurde nun viel kontroverser diskutiert und immer mehr distanzierten sich davon. Die Schwulenbewegung in den 80er Jahren blieb aber äußerst zerstritten. Hauptstreitthemen waren, ob man die Öffnung der Ehe fordern solle und die Haltung zur Pädophilie.

Ab Anfang der 80er Jahre begannen Frauen ihre vielfachen Gewalterfahrungen in den Familien öffentlich zu machen (Missbrauch junger Mädchen durch den Vater, den Stiefvater, den Onkel usw. sowie Vergewaltigung von Ehefrauen durch die Ehemänner, die damals nicht als solche strafbar war). Auch Themen wie Ausbeutung durch Sextourismus kamen auf die Tagesordnung. Diese Initiativen haben auch vielen Schwulen einen neuen Blick auf das Thema Pädophile eröffnet. Die Positionen aus der Bewegung der 70er Jahre hatten dagegen zu einer tiefgreifenden Entfremdung zwischen der Frauen- und der Schwulenbewegung geführt. Sie war dadurch gekennzeichnet, dass man keine gemeinsame Sprachebene fand und sich nicht die Mühe machte zu verstehen, worum es der anderen Seite ging und sich damit auseinanderzusetzen.

Die Entfremdung endete erst in den neunziger Jahren, weil der Schwulenverband in Deutschland (SVD) und spätere Lesben- und Schwulenverband (LSVD) als neues Sprachrohr der Schwulenbewegung zur Pädophiliefrage eine eindeutig ablehnende Haltung hatte.

 

3. Welche Haltung nahm der LSVD seit seiner Gründung 1990 ein?

Der „Schwulenverband in Deutschland“ (SVD), der sich 1999 zum „Lesben- und Schwulenverband in Deutschland“ (LSVD) erweiterte, ist erst 1990 in der DDR gegründet worden und hat sich von Anfang an als Bürgerrechtsorganisation verstanden. Über die Haltung zur Pädophilie hat es im SVD nie kontroverse Diskussionen gegeben. Der SVD hat sich von Anfang an von den Forderungen Pädophiler zum Sexualstrafrecht abgegrenzt. Deshalb hat der SVD z. B. Anfang der 90er Jahre die Praxis eingeführt, dass die Aufnahme jedes einzelnen neuen Mitglieds vom Bundesvorstand abgesegnet werden muss, um so auch mögliche Unterwanderungsversuche von Pädophilen-Aktivisten zu verhindern.

 

Klare Konsequenzen gezogen

von Günter Dworek

Die Ziele der Pädophilen sind mit denen der lesbischen und schwulen Emanzipation unvereinbar, erklärte 1994 die „International Lesbian and Gay Association“ (ILGA). Der 1990 in Leipzig gegründete Schwulenverband in Deutschland (SVD) hat diesen neuen internationalen Konsens aktiv befördert. Er entspricht genau der Haltung, die der SVD selbst seit seiner Gründung eingenommen hat. Der SVD entwarf seine Programmatik in bewusster Abgrenzung zu einigen Positionen, wie sie in der westdeutschen Schwulenbewegung damals noch teilweise verbreitet waren. Wir traten nicht nur für die seinerzeit hoch umstrittene Forderung nach Öffnung der Ehe ein, sondern grenzten uns auch von Forderungen nach Freigabe sexueller Handlungen mit Kindern ab.

„Bis in die 1980er Jahre herrschte in den Schwulengruppen ein weitgehender Konsens darüber, dass man neben der Entkriminalisierung schwuler Sexualität und der Abschaffung des § 175 auch die Straffreiheit ‚einvernehmlicher Sexualität‘ zwischen Erwachsenen und Jugendlichen bzw. Kindern und die Abschaffung der §§ 174 und 176 StGB fordern solle“, schreibt Sebastian Haunss in einem 2012 erschienenen Sammelband „Rosa Radikale – Die Schwulenbewegung der 1970er Jahre“.[i] Diesen Konsens habe ich  in der Tat in den Schwulengruppen vorgefunden, die ich Anfang der 1980er Jahre nach meinem Coming-out kennenlernte, und zeitweise unhinterfragt mitgetragen.

Diskussionen mit Feministinnen und Berichte von Beratungsstellen veränderten schließlich langsam den Blickwinkel. 1984 erschien das Buch „Väter als Täter – Sexuelle Gewalt gegen Mädchen“ von Barbara Kavemann und Ingrid Lohstöter. Es machte eindringlich deutlich, wie hohl das Gerede von „sexueller Befreiung“ und „Einvernehmlichkeit“ war und wie viel strukturelle und direkte Gewalt in sexuellen Handlungen Erwachsener mit Kindern liegt. Das war ein Wendepunkt, ab dem die Zweifel immer stärker wurden, auch an der Behauptung, es gebe in diesem Bereich zumindest außerhalb familiärer Machtverhältnisse „einvernehmliche“ Beziehungen. Die ersten Selbsthilfegruppen von Mädchen entstanden damals. Weniger bekannt war in den 1980er Jahren über sexuellen Missbrauch an Jungen. Männer konnten damals offenbar kaum über ihnen widerfahrenen Missbrauch reden, auch schwule Männer nicht. Hier ist das Schweigen eigentlich erst in den letzten Jahren gebrochen worden – bei der Aufdeckung des systematischen Missbrauchs in vielen Erziehungseinrichtungen von katholischen Internaten bis hin zur reformpädagogischen Odenwaldschule.

Die Argumentation der Schwulenbewegung  – so Haunss – stützte sich ab den 1970er Jahren vor allem auf den Interpretationsrahmen „sexuelle Befreiung“ und „Repression“.  Das Bild der sexuellen Befreiung als Motor für den Kampf gegen Kapitalismus und Patriarchat war weit verbreitet, in Schwulenbewegung, in Frauenprojekten und bei den, wie man damals sagte, fortschrittlichen Kräften. Gerade für schwule Männer war das von besonderer Bedeutung: Prägend war die Erfahrung mit menschenrechtswidriger staatlicher Repression nicht zuletzt durch den von den Nazis verschärften § 175 StGB, der endgültig erst 1994 abgeschafft wurde. Daran haben pädophile Aktivisten angeknüpft und sich so Gehör in der Schwulenbewegung verschafft. Aber schließlich vollzog die Schwulenbewegung in der zweiten Hälfte der 1980er Jahre langsam eine Abkehr von der Solidarisierung mit pädophilen Forderungen. Haunss konstatiert, dass dieser Positionswechsel „praktisch ohne bewegungsinterne Diskussionen vonstatten ging“. Er glaubt, dies „ist letztlich nur damit zu erklären, dass das Thema für die meisten Bewegungsaktivisten nur eine geringe lebenspraktische Bedeutung hatte“.

Dieser Positionswechsel war aus meiner Sicht eine große persönliche und politische Befreiung. Er eröffnete den Weg zu einer menschenrechtsorientierten Schwulenpolitik, die einseitige dogmatisch-ideologische Aufladungen von „sexueller Befreiung“ hinter sich lässt und sich den „lebenspraktischen“ Fragen von Selbstbestimmung und Gleichberechtigung zuwendet. Wir haben dafür freilich eine Menge Kritik einstecken müssen.

Es wäre daher auch interessant zu erforschen, ob die Abkehr von den alten Positionen zum Sexualstrafrecht wirklich durchgängig so geräuschlos verlief. Denn Kritik an den Positionen pädophiler Aktivisten brachte einem in den 1980er Jahren noch manch böse Worte ein. Mir wünschte deshalb beispielsweise 1987 in der Zeitschrift „Rosa Flieder“ ein Autor AIDS an den Hals. Noch 1992/1993 musste sich der SVD vereinzelt Kritik anhören, als er aus seiner menschrechtlichen Perspektive die Ausweitung der Anwendung der §§ 174 und 176 StGB auf im Ausland begangene Straftraten begrüßte, weil damit Kinderprostitution effektiver bekämpft werden kann.  Mit der Gründung des SVD als Bürgerrechtsverband 1990 und dem Beginn seiner bundesweiten Tätigkeit nach der deutschen Einheit fand tatsächlich eine Zäsur statt. Wir haben klare Konsequenzen aus Irrwegen der 1970er und 1980er Jahre gezogen.

Es lohnt sich also, die längst begonnene wissenschaftliche Aufarbeitung der sexualpolitischen Diskussionen der 1970er und 1980er Jahre weiterzuführen. Die Betonung liegt auf wissenschaftlich. Verklärende Herangehensweisen, die Pädophilie immer noch als Element sexueller Befreiung betrachten, sind fehl am Platze. Ebenso-wenig kann anhand einiger verstreuter Fundstücke Geschichte rekonstruiert werden. Da muss man schon systematisch herangehen. Und immer wieder muss man daran erinnern: Die Verfolgungsgeschichte der Homosexuellen, die Geschichte von Strafverfolgung, Denunziation, Berufsverboten und sozialer Ächtung ist der entscheidende Zugang, anhand dessen sich die Diskussionen der 1970er und 1980er Jahre historisch erschließen lassen, auch die abwegigen.



[i] Pretzel Andreas, Weiß Volker (Hg.): Rosa Radikale. Die Schwulenbewegung der 1970er Jahre. Hamburg 2012

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