Tödlicher Hass in Nigeria

Reverend Rowland Jide Macaulay (Gründer und Leiter des House of Rainbow)Nigeria – das bevölkerungsreichste Land Afrikas wird gerne als Spiegelbild des gesamten Kontinents betrachtet: Enorme Vielfalt in Bezug auf Religionen, Sprachen, Ethnien und Kulturen einerseits, und andererseits Probleme, Unruhen und Katastrophen, enormer Reichtum an Bodenschätzen, aber extreme Armut der Bevölkerungsmehrheit. Zugleich sind hier, wie in den anderen afrikanischen Staaten, feindliche Einstellungen gegen Lesben, Schwule, bi-, trans und intersexuelle Menschen (LGBTI) sehr ausgeprägt und verbreitet. Der westafrikanische Vielvölkerstaat zählt zu den homophobesten Staaten weltweit.

Einvernehmliche homosexuelle Handlungen zwischen erwachsenen Männern werden mit langjährigen Haftstrafen geahndet. In den 12 nördlichen Bundesstaaten gilt seit 2000 die Scharia, danach können Lesben und Schwule zu Auspeitschung oder Steinigung verurteilt werden. Es gibt kein Gesetz, das Lesben und Schwule vor Gewalt schützt. Die „People‘s Democratic Party“ und die „All Nigeria Peoples Party“, die beiden stärksten politischen Parteien, sind ausgesprochen feindselig gegenüber Homosexuellen eingestellt. Regierung und Gesetzgeber unternahmen in den vergangenen Jahren immer wieder Schritte, um das ohnehin rigide Strafgesetz weiter zu verschärfen. Der letzte Versuch wurde 2009 durch die Präsidentschaftswahlen unterbrochen. Es kann jederzeit wieder losgehen.

Islamische und christliche Geistliche ziehen in Nigeria an einem Strang, wenn es um die Verfolgung von Homosexuellen geht. Im Anhörungsverfahren zu dem „Same Sex Marriage (Prohibition) Act“, ein Gesetzentwurf zur Verschärfung bestehender Strafgesetze, schrieb die Anglikanische Kirche, gleichgeschlechtliche Partnerschaften seien „unafrikanisch und unnigerianisch“, eine „Abartigkeit, die dazu geeignet ist, sozialen und kulturellen Holocaust in diesem Land zu betreiben.“

Arbeit im Verborgenen

Unter diesen Umständen müssen Lesben- und Schwulengruppen meist im Verborgenen oder unter dem Dach anderer Menschenrechtsorganisationen arbeiten. Das öffentliche Eintreten für die Rechte von LGBTI kommt einem Outing und mithin sozialer Ächtung gleich. Unser langjähriger Kooperationspartner, das House of Rainbow in Lagos, sieht sich auch als eine christliche Organisation, die gezielt LGBTI unterstützt. Es ist ein Projekt der Metropolitan Community Church. Dort werden Seminare und Workshops zu HIV- und Aids-Präventionsarbeit, Coming-out-Beratung und Homosexualität und Religion durchgeführt. Am 12. September 2008 publizierten verschiedene Zeitungen Namen, Adressen und Fotos von 12 Mitgliedern des House of Rainbow. In der Folge wurden die Aktivistinnen und Aktivisten bedroht, geschlagen und mit Steinen beworfen. Eine Frau wurde das Opfer der Übergriffe von 11 Männern. Keiner der Überfälle ist bislang von den Strafverfolgungsbehörden untersucht worden.

Reverend Rowland Jide Macaulay, Gründer und Pastor des House of Rainbow, lebt in Nigeria und Großbritannien. Seit vielen Jahren vertritt er die Rechte der Homo- und Transsexuellen Nigerias auf internationalen Foren. So etwa im Dezember 2008 bei der von der Hirschfeld-Eddy-Stiftung, ILGA und dem Auswärtigen Amt organisierten Delegationsreise zur UN nach New York. Seither arbeitet die Hirschfeld-Eddy-Stiftung eng mit dem House of Rainbow zusammen. Viele kennen Jide Macaulay, den „Happy Holy Homosexual“ als begeisternden Gastredner auf dem Festakt zum 20. Geburtstag des LSVD im vergangenen Jahr.

2010 bewilligte das Auswärtige Amt der Hirschfeld-Eddy-Stiftung Mittel für ein Projekt mit dem Titel „Aufklärungs- und Akzeptanzarbeit für sexuelle Minderheiten in Nigeria“. Kooperationspartner ist das House of Rainbow. In Lagos wurden in einigen Workshops Themen wie Sicherheit und Safer Sex sowie Online Dating, Gesundheitsprävention, Gefahren und Selbstschutz, Steigerung des Selbstwertgefühls und Selbstvertrauens diskutiert. In Plenen ging es um Themen wie homophobe Gewalt, Überblick über die Kriminalisierung von Homosexualität in Nigeria, Muster sexuellen Verhaltens, Versöhnung von Spiritualität, Glauben und Sexualität.

Stärken und schützen

In diesem Jahr ist es uns gelungen, beim Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung für das House of Rainbow Mittel einzuwerben für das Projekt „Beratung und Menschenrechtsbildung für sexuelle Minderheiten in Nigeria“. In diesem Projekt, das in Lagos, Abuja und Ibadan durchgeführt wird, geht es um die Stärkung der Selbstakzeptanz und des Selbstwertgefühls von LGBTI durch Coming-out-Beratung und Aufklärung zu den Themen Homosexualität und menschliche Sexualität, Safer Sex, Gesundheitsaufklärung und HIV-Präventionsarbeit, Homosexualität und Religion und Menschenrechte. Eine weitere Säule der Projektarbeit ist die Allianzenbildung und Information für Multiplikatoren aus der Zivilgesellschaft, die sensibilisiert und von der Relevanz des Themenkomplexes LGBTI, Homosexualität und Menschenrechte überzeugt werden sollen.

Die Inhalte dieser in Teilen niedrigschwelligen Angebote und Maßnahmen werden weiterwirken, denn das Projekt zielt auf Kompetenztransfer und Multiplikatorenschulung. Ganz wichtig ist uns dabei, die Teilnehmenden zu schützen und zu stärken. Wir ermuntern sie dabei, diesen Aspekt nicht zu vergessen, in Nigeria muss immer mit staatlicher und gesellschaftlicher Bedrohung gerechnet werden.

Axel Hochrein (LSVD-Bundesvorstand) und Klaus Jetz (LSVD-Geschäftsführer)

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