Projektarbeit trägt Früchte

Selbstbewusste Bewegung in Nicaragua

Lesben, Schwule und Transsexuelle (LGBT) in Nicaragua sind heute sichtbarer als noch vor einigen Jahren. Dafür sorgt das mutige Auftreten von jungen und engagierten Aktivistinnen und Aktivisten. Obwohl Homo- und Transphobie noch weit verbreitet sind, stehen immer mehr junge LGBT offen zu ihrer sexuellen Identität.

William Laguna ist 17 Jahre alt und leitet eine Gruppe von rund 50 Teenagern, die aus verschiedenen Bezirken Managuas kommen. Sie bezeichnen sich selbst als chicas trans (Transfrauen), lesbianas oder gays. Offen schildern sie ihre Probleme: Die Jungs werden verprügelt und beleidigt, die Mädchen von Mitschülerinnen und Lehrern gemobbt und chicas trans, von denen es allein in Williams Gruppe ein Dutzend gibt, haben Probleme mit Lehrkräften, Mitschülerinnen und Mitschülern sowie der Polizei. Sie vor allem werden geschlagen, vergewaltigt, verhaftet oder von der Schule verwiesen. Sie leben in den Armenvierteln von Managua, haben Krach mit der Familie, trauen sich in ihrem Outfit auf die Straße, werden beschimpft und angepöbelt.

In Williams Gruppe reden die Jugendlichen über ihre Erfahrungen und die Stärkung ihres Selbstwertgefühls. Sie arbeiten mit Psychologielehrern zusammen, führen Gespräche mit Schulleiterinnen und versuchen, ihre Lehrerinnen und Lehrer für das Thema sexuelle Vielfalt zu sensibilisieren. Die wichtige Arbeit zeigt erste Früchte: Ihre Gruppentreffen können in den Schulen stattfinden, sie diskutieren, oft im Beisein der Lehrkräfte, wie sexuelle Vielfalt in Staatsbürgerkunde oder Ethik thematisiert werden können.

Sie versuchen zudem, mit der Polizei ins Gespräch zu kommen. In den mehreren Bezirken und Kommissariaten Managuas gab es erste Treffen und Sensibilisierungsgespräche. In einem Bezirk wurde eine Vereinbarung unterzeichnet, in der sich die Leitung der Polizei verpflichtet, Gewalt gegen LGBT zu bekämpfen, Schulungen für Polizeikräfte zum Thema Menschenrechte und gleichgeschlechtliche Lebensweisen durchzuführen.

Unser Partner José Ignacio López vom Netzwerk für Nachhaltige Entwicklung sagt, die sandinistische Regierung habe Probleme mit der neuen selbstbewussten Bewegung, sie versuche zu steuern, gründe Parallelstrukturen. Die sandinistische Jugend besetze LGBT-Themen, die Regierungspartei agiere planlos und betrachte das Thema sexuelle Vielfalt als Gelegenheit, ihr Image im Bereich Menschenrechte aufzubessern.

Seit 2009 gibt es in Nicaragua innerhalb des Amtes des Menschenrechtsbeauftragten auch eine LGBT-Beauftragte, so wie es bereits eine Beauftragte für Frauen oder Indigene gibt. Dieses Amt bekleidet die sandinistische Funktionärin Samira Montiel, eine ehemalige lesbische Aktivistin, die stolz darauf ist, „die erste offen homosexuell lebende Mitarbeiterin in einer staatlichen Behörde“ Nicaraguas zu sein. Lobbyarbeit sei gut und schön, doch die wolle gelernt sein, sie dürfe nicht in eine Konfrontation mit der Regierung münden. Die sandinistische Regierung habe nicht nur entkriminalisiert, sondern auch für mehr Offenheit gesorgt, es gelte, pragmatisch an die Dinge heranzugehen, denn Nicaragua sei ein gespaltenes, polarisiertes Land, und Homosexualität werde in weiten Kreisen noch immer als Krankheit betrachtet.

Man brauche „Daten und Fakten über die soziale, demographische, politische und wirtschaftliche Situation unserer Community.“ Zwar wisse man um „die Probleme, die hohe Arbeitslosenquote, die Diskriminierung derjenigen, die einen Arbeitsplatz haben. Aber wir haben kein solides Beweismaterial, das wir der Politik, der Regierung, dem Staat vorlegen können, um politische Maßnahmen zur Verbesserung der Lebensqualität (von LGBT) aufzuzeigen.“

William sagt, ihm und seiner Gruppe gehe es um Respekt. Sie verlangen, dass man ihnen mit der gleichen Würde begegnet, die sie der Gesellschaft entgegenbringen. Sie wissen, sie und ihre Generation halten die Zukunft des Landes in Händen, ihre Zukunft hängt von Erziehung und einer guten Ausbildung ab, und auch davon, dass es ihnen gelingt, Respekt und Menschenwürde für sexuelle Minderheiten nachhaltig in der Gesellschaft zu verankern.

Klaus Jetz
Hirschfeld-Eddy-Stiftung

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