Wir dürfen nicht schweigen zu Uganda

Peter Jörgensen

Nähe und Distanz entscheiden über Relevanz. Weit weg ist Afrika, fern sind die Menschen dort. Ihr Ergehen ist für mich nicht spürbar relevant. Afrika — ist so weit weg wie das Klima, wie die Arbeitsbedingungen in den Fabriken, in denen meine Hemden gefertigt werden. Kümmert mich das? Muss ich mich kümmern, um all diese „Dinge“, mal eben im Vorübergehen die Welt retten?

Das Vorübergehen ohne zu helfen, die unterlassene Hilfeleistung, ist in Deutschland ein Straftatbestand, in dem Moment, wo das Leben eines Menschen Schaden nimmt, weil jemand, der helfen könnte, nicht hilft. Aber wie nah muss ich sein, um in die Verantwortung genommen werden zu können? Wann wird aus dem Übersehen ein Wegschauen? Neben mir wird ein Migrant beschimpft. Vor mir fällt eine alte Dame über ihren Hund. In der U-Bahn wird ein Mann zu Tode geprügelt. Ich trinke Kaffee, telefoniere mobil, mache Fotos.

Sehr schnell wird deutlich, dass es nicht einfach ist, Kriterien von Recht und Moral zu entwickeln, um über Unrecht und Schuld zu entscheiden. Wofür bin ich verantwortlich? Wo bin ich distanziert, wo couragiert? Ist Zivilcourage nur eine Tugend — oder mehr? Dürfen wir sie voneinander fordern? Gibt es ein Menschenrecht auf Schutz?

Afrika ist weit weg. Ebenso das Leben von Homosexuellen für einen heterosexuell empfindenden Menschen. LGBTI in Afrika ist kein Thema, das mir per se nahe ist. Aber ich habe Freundinnen und Freunde, die schwul oder lesbisch sind, habe Menschen die ich mag, die mir von ihrem intersexuellen Kind erzählt haben und den Fragen und Unsicherheiten, die das für sie bedeutet. Ich spüre ihre Lebenssituation nicht wie meine, aber nachempfinden kann ich sie. Ich stecke nicht in ihrer Haut und bin doch hautnah dran. Wer Hunger hat, weiß, wie Hunger schmeckt. Wer liebt, weiß, was Liebe ist. Nach Liebe und Anerkennung zu hungern kennt jeder Mensch. Das betrifft nicht nur die Menschen in Afrika. Wir wissen das auch.

Über Recht und Gesetz hinaus gibt es eine moralische Pflicht, zu helfen, wo Not ist. Das glaube ich, weil ich es verspüre und so gelernt habe. Mit der Erzählung vom „barmherzigen Samariter“ reagierte Jesus auf die Frage eines Zeitgenossen, wen zu lieben geboten ist. Jesus erinnerte daran, dass „Mensch-sein“ auch bedeutet, füreinander da zu sein und sich gegenseitig zu helfen. Das glauben auch Angehörige anderer Religionen und auch solche, die sich nicht als Glaubende im religiösen Sinne verstehen. Bei Jesus fand der schwarze Baptistenprediger Martin Luther King jr. die Kraft für seinen Kampf gegen Rassismus, hier wurzelte sein „I have a dream“. Verantwortung – vor dem Gesetz, vor anderen Menschen oder vor Gott – führt dazu, sich in die Pflicht nehmen zu lassen. Die Not von anderen Menschen hat mit meinem Leben zu tun.

Auch Institutionen tragen Verantwortung für ihr Handeln. Vielerorts werden Menschen aufgrund ihrer sexuellen Identität missachtet, ausgegrenzt, bedroht, verfolgt, misshandelt, eingekerkert, getötet. Gott sei es geklagt sind auch christliche Kirchen darin verwickelt, schlimmstenfalls treibende Kräfte. Wir dürfen nicht schweigen zu Uganda, wo geplant ist, für eine ganze Bevölkerungsgruppe aufgrund ihrer sexuellen Identität die Todesstrafe zu verhängen und die Nicht-Denunziation von LGBTI-Menschen mit Gefängnis bestraft werden soll. Möglichkeiten dagegen vorzugehen, gerade durch die Kirchen, die weltweit organisiert sind, sind vorhanden. Es ist ein Gebot der Stunde, sie zu ergreifen, trotz innerkirchlicher Konflikte zu dem Thema. Sie dürfen das Helfen nicht hindern. Unabhängig von religiösen Überzeugungen im Bereich der Sexualethik stehen Gläubige – auch in ihrem Handeln als Kirchen – in der Verantwortung, sich uneingeschränkt schützend vor Menschen zu stellen, die diskriminiert werden oder in Gefahr sind. Es ist nicht zuletzt auch eine Frage der Glaubwürdigkeit.

Peter Jörgensen
Beauftragter der Vereinigung Evangelischer Freikirchen am Sitz der Bundesregierung

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