Coming-out und Verfolgung

Projektarbeit in Nigeria

Nigeria ist ein Verfolgerstaat. Wie können Lesben, Schwule, Bisexuelle, Transgender und Intersexuelle (LGBTI) unter diesen Bedingungen unterstützt werden? Das House of Rainbow versucht es. Bereits im Januar 2011 fanden im nigerianischen Lagos mehrere Workshops unseres Projektpartners House of Rainbow zu den Themen Coming-out, antihomosexuelle Gewalterfahrungen, Homosexualität und Religion, Sicherheit und online dating sowie Stärkung des Selbstvertrauens von LGBTI statt.

34 Personen nahmen teil, u. a. auch Vertreterinnen und Vertreter von Menschenrechtsorganisationen und Gewerkschaften. Das Auswärtige Amt hatte der Hirschfeld-Eddy-Stiftung für dieses Projekt Mittel bewilligt. In Nigeria, das aufgrund seiner Größe und Vielfalt gerne als Abbild des gesamten Kontinents gilt, wird Homosexualität mit langjährigen Haftstrafen geahndet. Im islamischen Norden, in dem seit dem Jahr 2000 die Scharia gilt, können Homosexuelle gar mit dem Tode durch Steinigung bestraft werden. Regierung und Gesetzgeber unternahmen in den vergangenen Jahren immer wieder Schritte, um die Strafgesetze weiter zu verschärfen.

Zusammenarbeit mit BMZ und Auswärtigen Amt
So auch im vergangenen Jahr. Unser Folgeprojekt, das 2011 vom Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit (BMZ) gefördert wurde, stand zunächst unter keinem guten Stern. Denn im November verabschiedete der nigerianische Senat die sogenannte „Same Gender Marriage Prohibition Bill“. Dieses Gesetz sieht vor, dass Personen, die eine gleichgeschlechtliche Ehe oder Partnerschaft eingehen, mit einer Haftstrafe von 14 Jahren belegt werden. Zudem begeht laut diesem Gesetz nun jede Person, die Organisationen für LGBTI registriert, unterhält oder unterstützt oder eine gleichgeschlechtliche Zuneigung zur Schau stellt, ein Verbrechen, das mit eine Haftstrafe von zehn Jahren geahndet wird. Es zielt auf die Kriminalisierung von Menschenrechtsverteidigerinnen und Aktivisten und beschneidet die Grundrechte auf Meinungs-und Vereinigungsfreiheit.

Mediale Kampagne gegen das House of Rainbow
Angesichts der angeheizten Debatte im Land über dieses Gesetz, die in einigen Medien zu einer wahren Hexenjagd gegen Homosexuelle ausartete, kam das House of Rainbow zu der Auffassung, dass mehrere für Jahresende geplante Interventionen in verschiedenen Städten verschoben werden mussten. Die Sicherheit von Konferenzteilnehmenden war laut Angaben aus Nigeria nicht zu gewährleisten. Zudem informierte uns Jide Macaulay, Leiter des House of Rainbow, der auch britischer Staatsbürger ist und seit 2008 in Großbritannien lebt, dass er seine Reise von London nach Nigeria aus Sicherheitsgründen abgesagt habe, da in den nigerianischen Medien eine Kampagne gegen ihn und das House of Rainbow laufe. Ehemalige Adressen des House of Rainbow und die aktuelle Anschrift seines Vaters seien veröffentlicht worden. Das House of Rainbow hegte die Hoffnung, dass sich die Situation im Frühjahr 2012 beruhigen und die Anwürfe in der Presse gegen sexuelle Minderheiten aufhören würden.

Konferenzen finden doch noch statt
Ende März 2012 schließlich fanden in Ibadan, Lagos und Abuja ganztägige Konferenzen des House of Rainbow statt, an denen insgesamt 119 Personen teilnahmen, darunter auch Vertreterinnen und Vertreter der nigerianischen Zivilgesellschaft sowie ausländischer Botschaften. Unser „Vier-Säulen-Regenbogenprojekt: Beratung und Menschenrechtsbildung für sexuelle Minderheiten in Nigeria“ konnte so doch noch zu einem guten Ende gebracht werden. In den Konferenzen und Workshops, die sich an LGBTI und zivilgesellschaftliche Multiplikatorinnen und Multiplikatoren richteten, ging es um Fragen wie die Stärkung des Selbstwertgefühls von LGBTI, Menschenrechte und sexuelle Minderheiten, Allianzenbildung und Aufklärungsarbeit für Multiplikatoren sowie Gesundheitsaufklärung und HIV-Präventionsarbeit.

Jide Macaulay resümiert: „Die Maßnahmen unseres Projektes zielten darauf, die Akzeptanz für sexuelle Minderheiten zu steigern und homophobe Einstellungen und Vorurteile in der nigerianischen Gesellschaft zu bekämpfen. Das braucht natürlich seine Zeit, und unsere Projekte waren ein Anfang. Die größte Herausforderung ist und bleibt die Reaktion der Gesellschaft, der Medien und der Politik auf das Tabuthema Homosexualität. Zusammen mit anderen LGBTI-Organisationen und der Zivilgesellschaft wollen wir künftig unsere Arbeit fortsetzen.“

Erste Grundlagen der LGBTIMenschenrechtsbildung wurden also vermittelt, Kompetenztransfer fand statt, und LGBTI wurde aufgezeigt, wie sie sich besser wappnen und für ihre Menschenrechte eintreten können. Der Erfolg der Interventionen in Bezug auf Enttabuisierung und Akzeptanzsteigerung von Homosexualität in der nigerianischen Gesellschaft wird sich langfristig messen lassen. Multiplikatoren wurden sensibilisiert, sie werden Erfahrungen weitergeben. Themen und Inhalte des Projektes wirken weiter.

Klaus Jetz, Hirschfeld-Eddy-Stiftung

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