Solidarität vor Ort

Zu Gast bei Vychod

Seit 2011 führt der LSVD Hamburg einen Fachkräfte- austausch Hamburg-St. Petersburg zu Methoden der Homophobiebekämpf- ung unter Jugendlichen durch. Diesmal ging die Einladung von der russischen Partnerorga- nisation Vychod (dt. Coming-out) nach Hamburg, und wir waren zu Workshops eingeladen. Mit dabei Lesben und Schwule vom JungLesbenZentrum, dem magnus-hirschfeld-centrum und von den Lesbisch Schwulen Filmtagen.

Durch das im März 2012 in Kraft getretene homophobe Gesetz, das die „Propaganda von Homosexualität“ unter Strafe stellt, wurde die Arbeit von Vychod praktisch verboten. Das angeblich aus Jugendschutzgründen erlassene Gesetz ist ein Anschlag auf die Meinungs- und Demonstrationsfreiheit und macht die Aufklärungsarbeit und Unterstützung für junge Menschen unter 18 Jahren unmöglich.

Kulturgrößen die Münder zugeklebt

Trotz der angespannten Lage geht die Arbeit der Organisationen von Lesben, Schwulen, Bisexuellen, Transgender und Intersexuellen (LGBTI) in St. Petersburg weiter. Wie im vergangenen Jahr organisierte Vychod zusammen mit anderen Organisationen die „Woche gegen Homophobie“. Ein Teil des Projektes bildete eine Plakataktion. Mit großem finanziellem Aufwand wurden dafür 15 gewerbliche Werbeflächen angemietet und 30 Großformate gedruckt. Die Plakate zeigen den Komponisten Pjotr Tschaikowski, den Tänzer Rudolf Nurejew und die Dichterin Marina Zwetajewa mit zugeklebten Mündern. Kurze Texte aus persönlichen Briefen und Dokumenten dieser russischen Kulturgrößen verweisen auf deren Homosexualität. Die Veranstaltung, an der der LSVD Hamburg und Katharina Doumler vom LSVD-Bundesvorstand teilgenommen haben, ist gesetzwidrig. Zwei Aktivisten wurden wegen des Verstoßes gegen das neue Gesetz verhaftet, nach einigen Stunden aber wieder freigelassen. Gegen sie wurde jedoch Anklage erhoben – ihnen droht nun eine Geldstrafe. Sollte es zu einer Verurteilung kommen, will das Russian LGBT Network vor den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte ziehen.

Wie gehts weiter?

Die Auswirkungen des neuen Hassgesetzes sind in ihrer ganzen Bandbreite noch nicht abzusehen, aber schon jetzt zeigen sich Tendenzen, dass die ohnehin ausgeprägte Homophobie in St. Petersburg bzw. Russland zugenommen hat. Dennoch gibt es Positives zu berichten: Die russische LGBTI-Community ist aktiver denn je und erlebt eine Welle der Solidarität und Unterstützung aus allen Teilen der Gesellschaft. Olga Lenkova von Vychod betont, dass die Reaktion der Medien ebenfalls positiv zu bewerten ist: Als Folge des Gesetzes ist die Community in den Medien präsent, und die Berichterstattung erfolgt weitestgehend neutral. Das kann mit der Zeit auch zu mehr Toleranz führen.

Ein großes Maß an Intoleranz mussten wir zurück in Hamburg erfahren: Wolfgang Preußner und ich haben zusammen mit Olga (Vychod) und Roman (St. Petersburger LGBTI-Kino- festival Side by Side) vom 11.–15. April am Bilateralen Netzwerktreffen Deutsch-Russischer Jugendaus- tausch teilgenommen. Die Vertreter der Fußballschule FK Nevsky Front und des Fußball-Fanclubs Zenit St. Petersburg wollten nicht auf einer Teilnehmerliste mit LGBTI-Organisationen stehen. Ihre homophoben Begründungen reichten von den schlimmsten Vorurteilen (Homosexualität ist „ungesund“) bis zu dem Einwand, dass „Schwulenpropaganda“ per Gesetz verboten ist und sie nicht gegen das neue Gesetz verstoßen dürfen. Alle anderen Teilnehmenden haben sich von diesen homophoben Angriffen distanziert. Fazit für den LSVD Hamburg: Wir werden sowohl die Behörde als auch den Senat bitten, sich diesbezüglich noch einmal schriftlich eindeutig zu positionieren, und wir werden weiterhin im Netzwerk bleiben, um für die Teilhabe von LGBTI zu kämpfen.

Barbara Mansberg, LSVD Hamburg



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