20 Jahre “Aktion Standesamt”

19. August 1992 — 19. August 2012

In einer riesigen Traube von Reporterinnen und Journalisten standen am 19. August 1992 zehn Männerpaare vor dem hannöverschen Standesamt. Darunter auch mein damaliger Partner Andreas und ich. Wir wollten unser Aufgebot bestellen. Uns allen war klar: Das Standesamt würde ablehnen. Aber diesen Ablehnungsbescheid brauchten wir, um dann zusammen mit den bundesweit insgesamt 250 anderen lesbischen und schwulen Paaren bis vor das Bundesverfassungsgericht zu ziehen. Unser Kampf um die Ehe war nun offiziell eröffnet. Aber lasst mich kurz über die Hintergründe und meine Vorgeschichte zur LSVD Initiative ” Aktion Standesamt“ berichten.

Wir waren vogelfrei
1987 fing ich als Sozialarbeiter in einer Aidsberatungsstelle an und wurde schon bald mit dem Tod von Klienten konfrontiert. Die Verluste wurden schier unerträglich durch das, was die Partner der Verstorbenen immer wieder durchmachen mussten. Familien, die sich im Krankenhaus nie hatten blicken lassen, bestimmten nun über Beerdigungszeremonien und Erbschaftsansprüche. Was die Partner nicht an diese Familien verloren, ging durch das bestehende Erbschaftsrecht zu großen Teilen an den Staat. Die Erfahrung, als schwule bzw. lesbische Partnerschaft in der Rechtsordnung des Staates nicht vorzukommen, teilten sie mit vielen anderen. Es gab weder ein Bleiberecht für ausländische Partnerinnen bzw. Partner noch das Zeugnisverweigerungsrecht. Die Ehe wurde uns vorenthalten. Wir waren vogelfrei.

Das konnte so nicht weitergehen. 1991 suchten die schwulen Juristen und der damalige SVD (heute LSVD) heiratswillige Paare. Andreas und ich meldeten uns und bekamen einen Arbeitsauftrag: Mit einem Foto und einem kleinen selbstgebastelten Plakat machten wir uns im HOME-Centrum an die Vor-Ort-Organisation von „heiratswütigen Schwulenpaaren“. Zuerst belächelt und nach dem Motto „Wir müssen doch den Heterosexuellen nicht alles nachmachen“ kritisiert, wurden wir schließlich unterstützt, nachdem wir die Tragweite der rechtlichen Diskriminierung erläutert hatten.

Positive Reaktionen und haarsträubende Einwände
Inzwischen interessierten sich auch die Medien für uns: Ich wurde in die ZDF-Sendung „Doppelpunkt“ eingeladen. Zuvor entsetzlich aufgeregt, blieb ich während der Diskussion selbst ruhig – trotz haarsträubender Gegenargumente wie etwa, dass die Ehe für Lesben und Schwule gegen die freiheitlich demokratische Grund- und Werteordnung verstoßen würde oder andere dann „ihren Goldfisch heiraten wollen“. Danach bekamen Andreas und ich selbst in der U‑Bahn unterstützendes Feedback von völlig unbekannten Menschen. Keine einzige negative Reaktion. Mit uns und den anderen Paaren wurden inzwischen Interviews und Homestories gebracht. Die Niedersächsische Landesregierung wollte sogar eine Gesetzesinitiative auf den Weg bringen.

Und so beschlossen wir dann, an besagtem 19. August 1992 unser Aufgebot zu bestellen. Ausgesprochen freundlich erklärte uns die Standesbeamtin, dass sie unseren Antrag aufgrund der Gesetzesregelung leider ablehnen müsse. Vor dem Standesamt wartete meine 69jährige Mutter. Aus einer Kleinstadt vor den Toren Hannovers angereist, zeigte sie der anwesenden Presse ihre Unterstützung. Ich fand das sehr couragiert. Währenddessen erklärte der Standesamtsleiter, dass er persönlich davon ausgehe, dass die Gesellschaft sich weiterentwickeln wird, der Gesetzgeber irgendwann handeln muss und lesbische und schwule Paare sich dann trauen können. Er würde sich freuen, wenn er das in seiner Amtszeit noch erleben könnte.

Beginn eines langen Wegs
Er hat es leider nicht. 1993 erklärte das Bundesverfassungsgericht, dass gleichgeschlechtliche Paare keinen verfassungsrechtlichen Anspruch auf die Zulassung zur Ehe hätten. Es stellte jedoch auch fest, dass ein Wandel im gesellschaftlichen Bild der Ehe eintreten könne. Diesen Wandel herbeizuführen verstanden wir als unsere Aufgabe. Wir sind weit gekommen: Die Öffnung der Ehe hat in der Bevölkerung längst eine stabile Mehrheit und steht in den politischen Programmen von Bündnis 90/Die Grünen, FDP, Linken und SPD. Nur die Union stellt sich noch quer. Aber Deutschland ist reif für die Ehe.

Axel Blumenthal, LSVD-Bundesvorstand

 



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