Anonym bleiben in Kairo

Ich wäre froh, wenn Du meinen wahren Namen nicht nennst. Du weißt, wie riskant das für mich sein kann. Vielleicht schreibst du, dass ich anonym bleiben will aus Angst vor homophoben Handlungen gegen mich in meinem eigenen Land.“


Diese einleitenden Worte schickt ein schwuler Aktivist aus Kairo den Antworten auf meine Fragen voraus, die ich ihm über Facebook geschickt hatte. Zunächst wollte ich von ihm wissen, ob er Kontakt hat zu Aktivisten in Libyen, Tunesien, Marokko oder anderen Staaten der Region?

Antwort: Ja, ich wollte mich unbedingt verlinken mit anderen Aktivisten im Nahen Osten. Und ich bin vernetzt mit vielen Kollegen, die zu LGBTI-Rechten im Libanon, in Jordanien, Marokko und Tunesien arbeiten. Ich bin Teil eines größeren LGBTI-Netzwerks geworden, weil ich glaube, dass ein solches Netzwerk dir die Unterstützung und Solidarität gibt, die du als Aktivist im Nahen Osten brauchst, vor allem, wenn du gegen soziale Tabus arbeitest.


Frage: Wie ist die rechtliche und soziale Situation von LGBTI in Ägypten? Brachte das Ende des Mubarak-Regimes irgendeine Veränderung für Euch?

Antwort: Die rechtliche Situation ist unklar. Einerseits gibt es kein Strafrecht, das Homosexualität kriminalisiert. Andererseits wurden und werden immer wieder schwule Männer verhaftet und auch Opfer von Polizeiübergriffen. Die Anschuldigungen sind dann ehebrecherisches oder unmoralisches Verhalten. Die Situation ist unsicher, auch wenn sie sich nach der berüchtigten Queen Boat-Affäre geändert hat. Damals warfen viele Staaten Ägypten massive Menschenrechtsverletzungen vor.

Die soziale Situation ist komplizierter. Die Gesellschaft ist konservativer, rückschrittlicher, homophober und weniger tolerant geworden gegenüber Menschen mit einer anderen sexuellen Identität oder einer anderen Religion. Das hat sich auch nicht geändert während oder nach der Revolution. Die LGBTI-Community in Ägypten hat noch einen langen Weg vor sich.

Viele Schwule gingen auf die Straße und protestierten zusammen mit anderen Ägyptern, weil sie sich dem Land verpflichtet fühlten, viele wurden verletzt. Unser Traum von Gleichheit wird aber deshalb nicht schneller wahr. Wir dürfen nicht nachlassen, wir müssen noch härter arbeiten.


Frage: Wie sind die Hoffnungen und Gefühle?

Antwort: Die Hoffnungen unterscheiden sich von den Gefühlen. Wir hoffen auf einen säkularen Staat, der die Menschenrechte und die Vielfalt achtet. Wir hoffen auf ein neues Ägypten, in dem alle die gleichen Rechte und Pflichten haben. Wir hoffen, dass eines Tages jede Art von Diskriminierung aufhört, dass Artikel 2 der ägyptischen Verfassung gestrichen wird. Im Moment sind wir aufgeregt und besorgt, wir freuen uns über den Sturz des Regimes und über Schritte vorwärts Richtung Demokratie. Zugleich fürchten wir, dass eines Tages Islamisten das Land übernehmen könnten, was eine riesige Enttäuschung wäre für alle Ägypter, egal ob homo- oder heterosexuell, die für einen säkularen Staat gekämpft haben.


Frage: Welche Reformen muss es aus LGBTI-Sicht geben?

In rechtlicher Hinsicht muss es viele Reformen geben. Wir brauchen eine neue Verfassung. Parteien und Nichtregierungsorganisationen dürfen nicht länger in ihrer Arbeit behindert werden, und Diskriminierungen aller Art müssen bekämpft werden. Das wahre Übel liegt aber weniger im Rechtssystem als in der Gesellschaft selbst, die sehr homophob ist. Sie ist patriarchalisch, fördert männliche Geschlechterrollen, und Sexualität war immer ein Tabu. Man kann schwulen Sex haben oder bisexuell sein, aber man darf nicht drüber reden, aus Achtung vor unseren rigiden Traditionen. All das trägt bei zur Intoleranz gegen alle, die anders sind. Will man also die gesellschaftliche und rechtliche Diskriminierung von LGBTI angehen, so muss man erst einmal gegen das patriarchale System, die mangelnde Akzeptanz gegenüber anderen Ideen, Lebensstilen und sexuellen Identitäten vorgehen.


 

Frage: Kannst du das Problem der Homophobie in Ägypten und der Region beschreiben? Welche Rolle spielt die Religion?

Antwort: Ich kann nicht für die anderen Länder sprechen, aber will man die Homophobie in Ägypten verstehen, muss man sich die Hierarchie in der männlich dominierten Gesellschaft anschauen. An der Spitze der Pyramide steht der heterosexuelle Macho, der alle sexuell beglücken kann, während ganz unten der Schwule steht, der sexuell beglückt und verachtet wird. Die Religion ist eine der Waffen, die gegen Homosexuelle ins Feld geführt werden. Das kommt bei der Mehrheit immer an, auch bei Ägyptern, die nicht religiös sind.

Interview und Übersetzung: Klaus Jetz, LSVD-Geschäftsführer

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