50 Jahre Stonewall – wie geht’s weiter?

Editorial zur LSVD-Zeitschrift respekt

Der Sommer ist CSD-Zeit. Jedes Wochenende wehen Regenbogen fahnen, gehen zehntausende Menschen auf die Straßen, sind sichtbar, feiern sich und die Community. 2019 begehen wir auch 50 Jahre Stonewall, den Aufstand, der gemeinhin als Fanal für die moderne LSBTI-Emanzipationsbewegung und die politischen Kämpfe gilt. Umso mehr Anlass darüber nachzudenken und zu diskutieren, was erreicht wurde und wofür wir weiter kämpfen müssen, wie wir das schaffen und wer dieses „wir“ eigentlich ist.

Zweifellos hat sich die Situation in den letzten Jahrzehnten massiv verändert – zum Guten. In Deutschland haben wir viel an rechtlicher Anerkennung und gesellschaftlicher Freiheit erkämpft, an Selbst- und Mitbestimmung, Offenheit und Sichtbarkeit. Gleichzeitig gibt es nach wie vor feindliche Einstellungen, Vorurteile und Ignoranz. Und: Wie fragil ist das Erreichte?

Vor dem Hintergrund rechtspopulistischer Hetze und rechtsextremer Gewalt, religiös-fundamentalistischer Strömungen und gesellschaftlicher Polarisierung gilt es, Erreichtes zu verteidigen und auszubauen, weiter gesellschaftliche Mehrheiten und Rückhalt für Menschenrechte und Respekt zu gewinnen. Das wird für Minderheiten immer eine Herausforderung bleiben.

Zudem müssen wir der Vielfalt in unserer Community gerecht werden. Denn Erfahrungen unterscheiden sich, ob man etwa lesbisch, schwul oder bi ist, trans* oder cisgeschlechtlich, in der Großstadt oder auf dem Land lebt, ob man alt ist oder jung, weiß ist oder von Rassismus betroffen, die deutsche Staatsbürgerschaft hat oder hier um Asyl kämpft, Kinder hat oder nicht, ob und wie religiös man ist oder das Umfeld, in dem man lebt. Diese Vielstimmigkeit an Anliegen und Unterschiedlichkeit an Lebensrealitäten aufzunehmen und trotzdem prägnante und verständliche Botschaften zu formulieren, ist nicht leicht.

Denn wir brauchen Alliierte. Aber wie gelingt uns das? Es geht immer auch darum, Menschen zu ermutigen, unsere Perspektiven kennenzulernen und sich dadurch mitunter hinterfragen zu lassen. Viele sind zudem wohlmeinend, wollen nicht diskriminieren, machen es aber unbeabsichtigt. Darauf sollten wir anders reagieren als auf offene Hetze und blanken Hass. Wann gehen wir also in die harte Auseinandersetzung und wann in ein geduldiges Gespräch? Wie können wir dabei auch Lernprozesse und Fortschritte würdigen, die für uns eigentlich Selbstverständlichkeiten sind oder aber nicht ausrei-chend? Wie formulieren wir notwendige Kritik, die es dem Gegenüber oder Zuhörerinnen leichter macht, diese anzunehmen? An welche Erfahrungen unserer Gegenüber knüpfen wir an, mit welchen Werten argumentieren wir? Wie erzählen wir von unseren Erfahrungen, Diskriminierungen und Hoffnungen, formulieren wir unsere Standpunkte und Forderungen?

Darüber sollten wir uns austauschen – im LSVD, in der Community, im Alltag und auf den CSDs.

Markus Ulrich
LSVD-Pressesprecher



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