50 Jahre Stonewall — Kampf um die Geschichtsschreibung

Bild von Keith Haring im LGBTIQ-Centre NYC (c) Halina BendkowskiEin Bericht aus New York von Halina Bendkowski

Im LGBTIQ-Center in NYC hängt ein Bild von Keith Haring. Nach all den Veranstaltungen in NYC zu 50 Jahren Stonewall kam es mir passend vor, dieses Bild meinem Thema : Kampf um die  STONEWALL Geschichtsschreibung voranzustellen.

Denn ohne Humor, wird es mitunter bitter – und das war und ist es auch für einige der Veterans of Stonewall.

Nur ein Beispiel: Die nun so bekannte Sylvia Rivera, nach der Projekte und Straßen, nicht nur in NYC benannt worden sind, hatte in den 1990ern für mehrere Jahre Hausverbot im LGBT-Zentrum. Sie hatte vom Zentrum verlangt, den obdachlosen queeren Jugendlichen in einer kalten Winternacht, Obdach zu gewähren.

Sie selber lebte seit ihrem 11. Lebensjahr, ohne Vater, mit drei Jahren von ihrer Mutter durch Selbstmord verlassen und von ihrer Großmutter wegen ihrer Effeminität verstoßen, auf den Straßen New Yorks – als Kinderprostituierte, beschützt von den Drag Queens.

Sie war von Anfang an, seit Stonewall, wohl fast bei allen Organisationen dabei, nachdem sie mit ihrer ebenfalls obdachlosen Freundin Marsha P. Johnson STAR (Street Transvestite Action Revolutionaries) gegründet hatte. STAR sollte vor allem jungen obdachlosen schwulen und trans Jugendlichen und Drag Queens helfen.

(c) Halina BendkowskiDie nach Stonewall gegründete Gay Liberation Front brachte Sylvia Rivera und Marsha P. Johnson nicht das, was sie sich als Hilfe konkret für ihr Leben erhofft hatten. Daher schlossen sich der Gay Activists Alliance an. Deren Veteranen bin ich beim Queer Liberation March begegnet und habe sie, auch zur Haltung aufmunternd, fotografiert.

Die Gay Activists Alliance gründete sich als Ableger der Gay Liberation Front, die intersektional auf Revolution setzte. Sie verbündete sich mit den Black Panthern gegen Rassismus, mit den Feministinnen gegen Sexismus und mit der Worker’s Alliance links gegen Ausbeutung. Währenddessen konzentrierte sich die Gay Activists Alliance mit LAMBDA darauf, den Kampf um die gleichen Rechte vor allen von Gays aufzunehmen.

Von außen wirkt es immer lächerlich, wenn um die Geschichtsschreibung gestritten wird, aber für die Beteiligten ist es sehr ernst. Denn in der Geschichtsschreibung gibt es nicht so viel Platz, wie den vielen Agierenden gebührt. Und wer möchte beim Geschichte machen nicht auch wahrgenommen werden?

Zum Kampf um die Geschichtsschreibung von 50 Jahre Stonewall hat Shane O’Neill in der New York Times den Artikel „The Stonewall you know is a myth. And that’s o.k.“ veröffentlicht.

Was der New York Times egal ist, weil STONEWALL in die allgemeine Geschichte eingegangen wie das Barack Obama, wie gewohnt gekonnt alliteriert, deklariert hat:

We, the people, declare today, that the most evident of truths – that all of us are created – ist the star that guides us still; just as it guided our forebears through Seneca Falls, and Selma, and Stonewall.”

Feierlicher kann man es nicht historisieren. Für die noch Unkundigen zum Weiterforschen sei erklärt: Seneca Falls (1848) steht für den Beginn der Frauen-Rechte-Bewegung, Selma (1965) steht für den Marsch der Schwarzen von Selma nach Montgomery, Alabama, um das Wahlrecht von 1964, auch in den segregierten Südstaaten durchzusetzen. Und Stonewall 1969 gilt als Beginn der Gay Liberation Bewegung für deren gleiche Rechte …nun weltweit.

(c) Halina BendkowskiNirgendwo im fast 300seitigen Pride Guide Katalog, in den World Pride NYC Broschüren oder bei Pride Life aufgelistet oder gar beworben, fand am Samstag, den 22. Juni 2019 die Stonewall Veterans Veranstaltung in einer Evangelischen Kirche in der Christopher Street statt.

Die Stonewall Veterans, alt wie sie nun sind, und die damals im Stonewall am 28.06.1969 wegen der Beerdigung von Judy Garland, ihrer Ikone — yes- „ Somewhere over the Rainbow“ traurig im Stonewall ‚rumhingen‘, erinnern sich ganz anders als die jungen High School Kids oder Student*innen an die Nacht und die darauf folgenden Nächte. Für diese war „Stonewall“ „a riot“, während die Stonewall Veterans von „rebellion“ sprechen.

Mit dem unterschiedlichen Gebrauch von „riot“ und „rebellion“ geht der Kampf um die Geschichtsschreibung auch aktuell weiter.

Die einen erwähnen die anderen nicht, und andersrum. Und die verschiedenen Historiker*innen tuen es ihnen nach.

Allein die Frage, wer ist zuständig dafür, dass Stonewall ins Rollen kam, simplifiziert nur die Antworten. Es war genug für viele jener Nacht und das aus den verschiedensten Gründen. Allen sei Dank!

Bereits vor 16 Jahren bin ich nach vielfältiger Recherche auf die schon damals marginalisierte Stonewall Vets Organisation gestoßen und dort vor allem Stormé de Larverie, die Türsteherin vor dem Stonewall Inn, in jener Nacht. Sie brachte ihre Initiation auf eine einfache Formel: “He (the cop, the police) hit me and I hit him back.“ Und dann ging es los …

Über sie lernte ich auch Sylvia Rivera kennen, die damals in einem vintage store arbeitete und vom Leben auf der Straße zwischen Aktivismus und Drogenkonsum sehr erschöpft schien.

2003, vor 16 Jahren waren Jürgen Bieniek und ich das Berliner CSD-Organisationsteam. Ich war zuständig für das kulturelle Programm des 25. CSD, und lud Stormé de Larverie nach Berlin ein

Noch heute könnte ich mich darüber ärgern, wie wenig aufmerksam der Berliner CSD, Stormé, the Jewel Box Star, aufgenommen hat.

Sie war in jungen Jahren eine sehr bekannte Blues und Jazz-Sängerin. Eine Butch-Lesbe in ihrem Selbstverständnis und Outfit, Cross Dresserin und diejenige, die sich in der Stonewall Nacht als erste gegen die übliche Polizeigewalt gegen Queers aller Richtungen gewehrt hatte. Sie fand dafür immer die gleichen Worte fand: “He (the cop, the police) hit me and I hit him back.“

Halina Bendkowski, Charles Kaiser, Stormé de Larverie und der Berliner Rechtsanwalt Dirk Siegfried- erleichtert nach den Einreiseschwierigkeiten zum 25. Berliner CSD, 2003 (c) privatEs war nicht einfach, Stormé de Larverie zu dem Besuch nach Berlin zu bewegen. Es gestaltete sich bis zum Schluss äußerst dramatisch, denn Stormé de Larverie hatte keinen Pass.

Ich organisierte mit Stormé de Larverie und Charles Kaiser (Autor von „The Gay Metropolis“) eine Diskussionsrunde im Kino INTERNATIONAL und danach sang sie dort in Begleitung von Ise Boschs Band classics aus dem amerikanischem Blues und Jazz. Es gab dafür leider viel zu wenig Be-ACHTUNG.

(Oder wer hat Fotos oder gar Videos von dieser oder Berichte über diese Veranstaltung mit Stormé de Larverie?)