Der Wille ist da, der Weg aber noch weit

LGBTI Support Center, MazeonienÜber die Arbeit des LGBTI Support Center in Skopje, Mazedonien

Mazedonien ist ein kleines Land mit rd. 2,1 Millionen Einwohner in Südosteuropa. Es bildet die südöstliche Grenze der politisch als Westbalkan bezeichneten Region und ist damit ein Beitrittskandidat der Europäischen Union. In Deutschland hört man wenig über Mazedonien, wenn nicht gerade, wie im Oktober, ein so bedeutendes wie emotionales Referendum über den zukünftigen Namen des offiziell international immer noch als „Ehemalige jugoslawische Republik Mazedonien“ bezeichneten Staates ansteht. 

Ich habe Skopje besucht, um an der Konferenz der Equal Rights Association for the Western Balkans and Turkey (ERA) teilzunehmen, die im Oktober 2018 in Skopje stattfand.

Bei dieser Gelegenheit habe ich den „LGBTI Support Center“ in Skopje besucht und mit den Mitarbeiter*innen über ihre Arbeit gesprochen. Der Support Center ist eine Teileinheit des mazedonischen Helsinki Komitees (HK), einer Menschenrechtsorganisation. Alles begann vor sechs Jahren mit einem Projekt des HK, in dem es darum ging, die Situation von LSBTI in Mazedonien zu verbessern. Aus dem Projekt entstand eine feste Organisationseinheit des HK, die heute eine wichtige Anlaufstelle für LSBTI in Skopje ist. Zu seinen Aufgaben gehört die rechtliche Beratung, z.B. bei homophoben Übergriffen, die Vermittlung von medizinischer und psychotherapeutischer Hilfe und ein umfangreiches kulturelles Angebot, wie z.B. Filmvorführungen, Literaturabende oder politische Diskussionen. Zudem gibt es verschiedene Gruppen, die sich regelmäßig treffen und die den Center als sicheren Rückzugsraum nutzen. 

LGBTI Support Center, MazeonienDer LGBTI Support Center organisiert mit anderen lokalen LSBTI Gruppen auch das jährliche Skopje Pride Wochenende mit verschiedenen kulturellen Events für die Community. In diesem Jahr sollte es erstmals im Oktober einen Pride Marsch geben. Wegen Sicherheitsbedenken im Zusammenhang mit dem oben genannten Referendum wurde er nun aber auf den Sommer 2019 verschoben.

Nach Jahren des Stillstands und der Unterdrückung von LSBTI durch die alte Regierung könnte sich die Situation im Land nach einem Regierungswechsel in 2017 nun unter der neuen sozialdemokratischen Regierung von Ministerpräsident Zoran Zaev ändern. Und dazu hat auch die Arbeit des LGBTI Support Center beigetragen, erzählt mir Kocho Andonovski, der für das HK arbeitet und den Center mit gegründet hat. Denn er hat vor Jahren dafür gesorgt, dass ein junger Absolvent der Polizeiakademie vom HK für den Support Center eingestellt wurde, um ein Sicherheitskonzept für queere politische Veranstaltungen zu erstellen und einen Kommunikationskanal mit der lokalen Polizei aufzubauen. Aber Pavle Bogoevski wurde dabei auch zu einem politischen Sprachrohr für die Community mit der Folge, dass nicht nur er, sondern die ganze Community zu einem bedeutenden Teil der „bunten Revolution“ in Mazedonien wurden, die schließlich zu Neuwahlen und zum Regierungswechsel führte. 

Pavle Bogoevski ist heute als Vertreter der sozialdemokratischen Partei Mitglied des mazedonischen Parlaments. Seine Verbindung zum LGBTI Support Center ist immer noch stark und er bringt die Erfahrungen aus seiner früheren Tätigkeit in seine politische Arbeit ein. Unter der neuen Regierung wurde von Abgeordneten Anfang 2018 die Interparlamentarische Gruppe zur Unterstützung der LSBTI gegründet. Die Mehrheit der Mitglieder hat keinen eigenen LSBTI Hintergrund, möchte sich aber für eine Verbesserung der Situation von LSBTI im Land einsetzen. Für den Center ist es eine gute Möglichkeit, seine politischen Forderungen zu platzieren. Zu spüren ist aber auch schon eine Enttäuschung über die fehlenden Taten, die den vielversprechenden Worten eigentlich folgen sollten. Zwar soll das Antidiskriminerungsgesetz zum Jahresende um die Begriffe der sexuellen Orientierung und geschlechtlichen Identität ergänzt werden, auf der anderen Seite werden aber Forderungen der Community zur Verbesserung der Situation an Schulen bisher ignoriert. 

LGBTI Support Center, MazeonienDie mazedonische Gesellschaft ist immer noch sehr homo- und transphob. Es kommt regelmäßig zu Übergriffen und Jugendliche werden von Ihren Familien verstoßen oder landen aus anderen Gründen auf der Straße. Deshalb betreibt der Center seit Anfang 2017 nun auch einen Schutzraum für queere Personen, die Opfer von Gewalt und Übergriffen wurden, oder denen die Obdachlosigkeit droht. Sieben Mitarbeiter*innen, darunter eine Sozialarbeiterin und eine psychologische Fachkraft, betreiben die Einrichtung rund um die Uhr, die bisher bis zu 7 Hilfesuchende aufnehmen kann. Die Unterbringung erfolgt als Krisenintervention für bis zu 3 Tage, oder, nach einem detaillierten Aufnahmeprozedere, bis hin zu einem Zeitraum von 3 bis maximal 6 Monaten. In diesen Fällen folgt die Betreuung einem festgelegten Konzept, wonach nach einer Phase der Erholung und der (Rück) Gewinnung von Sicherheit konstruktiv an einer Verbesserung der persönlichen Lebenssituation gearbeitet wird. Ziel ist es, dass die Person bis zum Ende des Aufenthalts Konflikte mit Familie und Freunden bearbeitet hat, Selbstvertrauen und Hoffnung gewonnen hat und eine eigene Arbeit und Unterkunft findet. Trotz der schwierigen wirtschaftlichen Bedingungen in Mazedonien hat dies bisher in allen 19 Fällen, die es seit der Öffnung des Schutzraumes gibt, funktioniert, erzählt mir Zorica Nikolova. Zorica leitet den Shelter. Das Alter der Schutzsuchenden liegt in der Regel zwischen 18 und 25 Jahren. Bis zum Jahresende 2018 ist die Finanzierung des Shelters im Wesentlichen aus Mitteln der Europäischen Union gesichert. Kocho und Zorika arbeiten aktuell daran, die Finanzierung der wichtigen Arbeit des Schutzraumes auch für 2019 und die Folgejahre zu sichern. 

www.lgbti.mk

https://www.facebook.com/lgbtisupportcenter/

Guido Schäfer
Hirschfeld-Eddy-Stiftung

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