Russisches Queerfest überlebt gefälschte Bombendrohungen

Bericht vom Fachkräfteaustausch des LSVD Hamburg mit Partnerorganisationen aus St. Petersburg — #CivilSocietyCooperation 

Das russische Pride Festival Queerfest feierte sein 10-jähriges Jubiläum vom 20.09. bis 29.09.2018 in St. Petersburg. Zu der Abschlussveranstaltung mit einem Konzert der russischen Sänger*in Dana Sokolova kamen 700 Besucher*innen. Trotz Bombendrohungen wurde das Festival von 2800 Menschen besucht. Über 50000 Menschen haben das Festival online verfolgt.

Der LSVD Hamburg war im Rahmen eines Fachkräfteaustausches mit Partnerorganisationen vor Ort und vom 24. – 29.09. zu Gast beim Queerfest. Am Tage haben wir Organisationen und Projekte besucht und uns über die Arbeitsbedingungen für LSBTI informiert. In den zahlreichen Gesprächen hat sich immer wieder gezeigt, wie schlecht es um die Menschenrechte – nicht nur für LSBTI – bestellt ist. Nachhaltig hat uns beeindruckt, dass gerade junge Menschen, die unter enormen Druck aufwachsen müssen und ständig Diskriminierungen und Repressionen ausgesetzt sind, in ihrem Engagement nicht zu bremsen sind. Ähnlich wie bei uns wird die Arbeit ehrenamtlich gestemmt.

Unsere russische Partnerorganisation „Side by Side“ (International LGBT Film Festival) hatte erneut repressive Auflagen bekommen: das Filmfest musste bereits ein Jahr in voraus angemeldet werden inklusive aller Lizenzen für Filme, die gezeigt werden sollen. Das ist gar nicht leistbar. Aber die Organisator*innen lassen sich nicht entmutigen. Wenn kein Filmfestival, wird es Lesungen oder Kunstveranstaltungen geben – an Kreativität mangelt es nicht. Außerdem sind sie fest entschlossen, ihr Anliegen bis zum Europäischen Gerichtshof zu tragen.

Das Projekt T-ACTION konnte stolz über Arbeitserfolge berichten: Beratung und Weiterbildung zum Thema “Trans* bei Ärzt*innen und Psycholog*innen” sind stark nachgefragt und werden durchgeführt.

Negativ ist die Bilanz für HIV und Aids: in St. Petersburg gibt es offiziell ca. 60.000 Infizierte – in Russland sind es über 1,2 Mio Menschen.

Bereits seit 10 Jahren besteht das Projekt „Coming Out“, das auch das „Queerfest“ organisiert. Ziele des Projekts sind Empowerment der Community und Aufklärung der Öffentlichkeit – in den Schulen findet keine Aufklärung statt. Das Projekt „arbeitet mit dem System“, d.h. Begleitung bei gerichtlichen Auseinandersetzungen, Kooperationen mit anderen demokratischen Kräften.

UnFachkräfteaustausch Hamburg-St. Petersburg 2018 © LSVD Hamburgsere Freizeit haben wir mit von den Projekten organisierten Stadtführungen zu kulturellen Sehenswürdigkeiten und alternativen Orten für experimentelle Kunst verbracht. In den persönlichen Gesprächen haben wir viel darüber erfahren, welchen Schwierigkeiten die Community ausgesetzt ist, sich friedlich unter freiem Himmel zu treffen.

Besucht haben wir auch das Projekt „Russian LGBT Network“, um in Hamburg gesammelte Spenden zu übergeben. Das russische Netzwerk betreut derzeit in St. Petersburg und Moskau 20 geflüchtete Homosexuelle und Trans* aus Tschetschenien, die wegen Verfolgung und Todesdrohungen das Land verlassen mussten.

Abends standen Veranstaltungen des Queerfests auf unserem Programm – unterstützt wurden wir von Sprachmittler*innen.

Aus unserer Sicht „befremdlich“ verlief die Veranstaltung „Grindr for Equality“: ein dreistündiger Workshop über sexuelle Begierden und Wünsche. Persönliche Geschichte und Geschichten wurden erzählt, Bilder gemalt und meditiert – geführt von amerikanischen Workshopleiter*innen. Zeitweise hatten wir das Gefühl, einem Massen-Coming Out beizuwohnen. Einige Teilnehmende waren begeistert, andere kamen an ihre persönlichen Grenzen.

Da in den Familien und in der Schule jegliche Sexualaufklärung fehlt, war dies für die russischen Teilnehmenden ein wichtiges Forum: erstmals konnten sie offen darüber sprechen. Beeindruckend fanden wir die Veranstaltung „Lebende Bibliothek“. Ziel des Projekts ist vor allem die Überwindung der Xenophobie. Menschen werden zu „Büchern“. Bücher stellen unterschiedliche Identitäten dar, erzählen ihre Lebensgeschichte. Zuhörer*innen können so erleben und sich inspirieren lassen.

Das QFachkräfteaustausch Hamburg-St. Petersburg 2018 © LSVD Hamburgueerfest war 2018 wieder ein Ort der Meinungsfreiheit für die LSBTI-Community aus St. Petersburg und anderen Regionen Russlands. „I Am Proud Of My Culture“, so das Motto des Festivals, sollte den Teilnehmenden ermöglichen, die Erfahrung der Überschneidung ihrer Identitäten mit ihren Religionen und Traditionen zu erforschen, zu entdecken, was sie in Kultur, Kunst, Wissenschaft und Sport eingebracht haben, und ihre Auswirkungen auf sexuelle Befreiung, Emanzipation, Gleichheit und Menschenrechte im Laufe der Geschichte zu diskutieren.

Premiere feierte die Fotoausstellung des Amerikaners Jeff Sheng „Transgender Military“. Die Organisator*innen des Queerfests haben bei den zuständigen Behörden Beschwerde wegen der Bombendrohungen eingereicht, die nach russischem Recht eine Straftat darstellen. Die Polizei hat die Ermittlungen aufgenommen.

 

Barbara Mansberg & Wolfgang Preussner

Landesvorstand im LSVD Hamburg

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