Gedenken für die verfolgten Lesben* der NS-Diktatur

Rede von Axel Hochrein (LSVD-Bundesvorstand) auf der Gedenkveranstaltung für die verfolgten und ermordeten Lesben* in der NS-Diktatur

 

Axel Hochrein (LSVD-Bundesvorstand) - Foto: LSVDLiebe Freundinnen, liebe Freunde,

das Denkmal für die im Nationalsozialismus verfolgen Homosexuellen, gegenüber dem Denkmal für die ermordeten Juden Europas, und nicht weit entfernt vom Denkmal für Sinti und Roma, ist ein Ort, wo uns die pervertierte Unmenschlichkeit des Nationalsozialismus bedrückend begegnet.

Die Verfolgung und Ermordung von Menschen, die nicht in die menschenverachtende Ideologie der Nationalsozialisten passte. Menschen, die gleichgeschlechtlich liebten, waren eine der Opfergruppen, die in dieser Zeit unvorstellbares Unrecht und Leid erfuhren.

Unrecht kennt kein Geschlecht. Leid kennt kein Geschlecht.

Es kann keine Hierarchisierung und Quantifizierung von Leid und Unrecht geben, weil sie zwar ganze Menschengruppen treffen können, aber immer individuell durchlitten werden. Die Menschenwürde gilt nur im Ganzen und für jeden Menschen.

Selektion einzelner Menschenrechte oder eine Abstufung ist ausgeschlossen. Es ist aber nicht nur legitim, sondern manchmal notwendig, sich für die Einhaltung der Menschenrechte einer Gruppe von Menschen besonders einzusetzen.

Mein Verband, der Lesben und Schwulen Verband, tut dies, mit seiner Hirschfeld-Eddy-Stiftung, explizit eine Menschenrechtsstiftung für Lesben, Schule, Bisexuelle, Trans* Menschen und Intersexuelle.

Und genau aus diesem Verständnis begrüßen wir auch dieses spezielle Gedenken an die im Nationalsozialismus verfolgten Lesben, am Denkmal für die Homosexuellen. Und nicht nur hier, sondern auch an anderen Gedenkstätten und Orten des Grauens, wie zum Beispiel im Konzentrationslager Ravensbrück.

Lesbische Frauen sind von den Nationalsozialisten wegen ihrer sexuellen Orientierung verfolgt worden, haben Leid erfahren, sind Opfer des menschenverachtenden Regimes gewesen, genau wie schwule Männer und andere Opfergruppen.

Das ist die traurige, historische Wahrheit.

Die Tatsache, dass im § 175 nur männliche Homosexualität als strafbar erklärt wurde, war kein „Freibrief“ für lesbische Liebe, sondern ganz im Gegenteil, Ausdruck des patriarchalischen Weltbildes, in welchem Frauen kein eigenständiges sexuelles Begehren zugestanden wurde. Ein Weltbild, das ja noch lange Jahrzehnte auch im Nachkriegs-Deutschland galt.

Durch die Historikerin Laurie Marhoefer ist ein Fall aus meiner Heimatstadt Würzburg dokumentiert.

Axel Hochrein und Marion Lüttig bei der Kranzniederlegung (beide LSVD-Bundesvorstand) - Foto: LSVD Es geht um die 1913 geborene Ilse Totzke, die dadurch auffiel, dass sie gerne Herrenkleidung trug und einen „Eton“, einen modischen, lesbisch konnotierten Kurzhaarschnitt hatte. Totzke wurde wiederholt als lesbisch denunziert, weil ihr Lebensstil den Normen der Gesellschaft widersprach.

Die Gestapo interessierte sich für den Umstand, dass sie jüdische Freundinnen und Freunde hatte, und ermittelte gegen Ilse Totzke.

Im Jahr 1942 wurde Totzke bei dem Versuch verhaftet, mit einer jüdischen Freundin in die Schweiz zu fliehen. Sie wurde nach Ravensbrück deportiert und war dort bis April 1945 inhaftiert.

Joan Nestle, der Gründerin des New Yorker Herstory Lesbian Archives, verdanken wir die Dokumentation der Geschichte einer Überlebenden des Holocaust, einer lesbischen Frau aus Polen.

Diese Frau erzählte Joan Nestle von Radclyffe Halls Roman „Quell der Einsamkeit“, der 1928 erschienen war und lesbische Liebe als legitim und natürlich feierte:

Ich konnte ’Quell der Einsamkeit’ lesen, bevor ich ins Lager gebracht wurde. Es war ins Polnische übersetzt worden. Ich war damals ein junges Mädchen, 12 oder 13. An das Buch zu denken, half mir dabei, das Lager zu überleben. Ich wollte nicht sterben, bevor ich eine Frau geküsst habe.“

Die Erforschung der Geschichte lesbischer Frauen in der Zeit des Nationalsozialismus ist leider noch dürftig. Es ist eine Forderung unseres Verbandes, dass sich dies — auch mit öffentlicher Förderung — ändern muss.

Es geht um die Erforschung, aber es geht vor allem darum, Schicksale zu dokumentieren und die Erinnerung und das Gedenken zu ermöglichen und aufrecht zu erhalten.

Die Lebensgeschichte verfolgter lesbischer Frauen, das Leid, das sie erfahren haben, die zerstörten Leben, das Unrecht, das ihnen wiederfahren ist, ist Teil unserer Gedenkkultur.

Gedenkkugel für die im Nationalsozialismus verfolgten Lesben* - Foto: LSVDDie Bedrohung der Ausrottung galt der gleichgeschlechtlichen Liebe, der Ausmerzung all dessen, was nicht in die heteronormative und patriarchalische Ideologie passte. Das galt für die schwule wie für die lesbische Liebe.

Leid ist ohne Neid. Unrecht ist ohne Neid.

Indem wir gemeinsam dafür Sorge tragen, dass dem Leid der lesbischen Frauen würdig und gleich gedacht wird, wird dem Gedenken an das Leid schwuler Männer nichts genommen.

Wir würden aber den lesbischen Frauen, die Opfer wurden, posthum zusätzliches Leid und Unrecht zufügen, wenn wir sie vergessen würden, oder ihre Geschichten verschweigen.

Es muss deshalb gerade für schwule Männer eine solidarische Verpflichtung sein, mitzuwirken und gegen das Schweigen und Vergessen mit zu kämpfen!

Seien wir uns bewusst, dass gerade in der jetzigen Zeit besonders gilt: Vergessen ermöglicht Wiederholung!

Der Lesben- und Schwulenverband in Deutschland wird die lesbischen Opfer des Nationalsozialismus nie vergessen!

 

Es gilt das gesprochene Wort.

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