Es ist Zeit für eine postkoloniale Praxis

Gedenktafel in der Wilhelmstraße zur Berliner Kongo-Konferenz 1884/85 (c) Hirschfeld-Eddy-StiftungKolonialismus und Entwicklungspolitik

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Ende April 2018 sagte die britische Premierministerin Theresa May: „I deeply regret that such laws were introduced.“ Damit drückte sie erstmals öffentlich ihr „tiefes Bedauern“ für das Leid aus, das die homophobe Kolonialgesetzgebung der Briten angerichtet hat. Die Briten haben ihr homophobes Strafrecht in einen Großteil ihrer Kolonien exportiert. Mit Folgen bis in die Gegenwart. In 36 der 53 Länder, die im Commonwealth zusammengeschlossen sind, stehen homosexuelle Handlungen bis heute unter Strafe. Britische NGOs arbeiten an einer Aufarbeitung dieses Teils der Kolonialgeschichte, seit Jahren haben sie ihre Regierung zu einer Entschuldigung gedrängt, auf Englisch „Apology“.

Auch von Seiten der deutschen Zivilgesellschaft wird zunehmend eine ernsthafte und kritische Auseinandersetzung mit der deutschen Kolonialgeschichte gefordert. Es gibt Gruppen, die sich für Straßenumbenennungen engagieren, andere haben die Errichtung von Gedenktafeln bewirkt, wie etwa im Berliner Regierungsviertel. Deutsche Kolonien gab es beispielsweise in den heutigen Ländern Namibia, Kamerun, Togo, Tansania, Ruanda, Burundi, Neuguinea, Westsamoa u.a. Sie mussten nach dem Ersten Weltkrieg abgegeben werden und wurden von den anderen europäischen Kolonialmächten weiter ausgebeutet. Die Forderung nach einer „Apology“  für die Kolonialverbrechen Deutschlands wird lauter. Aktiv in diesem Kontext sind beispielsweise die Initiative Schwarze Menschen in Deutschland (ISD e.V.), Berlin postkolonial und andere. 

Es ist sinnvoll und wichtig, den postkolonialen Impuls auch in die Entwicklungszusammenarbeit aufzunehmen. Dabei muss explizit auch die Geschichte der Verfolgung und Bestrafung von sexuellen und geschlechtlichen Minderheiten berücksichtigt werden. Es ist wichtig zu wissen, dass die Strafgesetze gegen homosexuelle Handlungen in den Ländern des globalen Südens kolonialen Ursprungs sind. Außerdem haben die Kolonialmächte die Geschlechterrollen geprägt und das Spektrum von Geschlechtsidentitäten und Geschlechtsausdruck oft mit Gewalt stark eingeengt. So ist z.B. die Wirkung der Missionsgeschichte für junge Lesben in Namibia bis heute spürbar, wie Liz Frank vom WLC Namibia schreibt.

Gedenktafel in der Wilhelmstraße zur Berliner Kongo-Konferenz 1884/85 (c) Hirschfeld-Eddy-StiftungDieses Erbe des Kolonialismus wird kaum diskutiert. Zugleich gehen die Missionsanstrengungen mancher westlicher Kirchen unvermindert weiter: Evangelikale Kirchen aus Nordamerika, die über viel Geld und Personal verfügen, hetzen massiv gegen Lesben und Schwule und arbeiten mit Regierungen an Gesetzesverschärfungen, wie etwa in Uganda. Die Hirschfeld-Eddy-Stiftung und die Yogyakarta-Allianz fordern deshalb, die Kolonialgeschichte und die Verbrechen an LGBTI aufzuarbeiten. Ausdrücklich nehmen wir auch in unserem 13-Punkte-Forderungspapier darauf Bezug. Das BMZ, das Entwicklungsministerium, wird aufgefordert, ein Sonderprogramm „Kulturen und Kolonialismus“ zu starten. In diesem Sonderprogramm sollen die „regionalen Homosexualitäten, Geschlechtlichkeiten und Gendergeschichten“ erforscht, gesammelt und diskutiert werden. Dabei soll insbesondere die Missionsgeschichte der Kirchen und die Kolonial verantwortung Deutschlands untersucht werden. Das BMZ soll dazu beitragen, die Forschungslage zu diesen Themenbereichen zu verbessern, indem Forscher*innen vor Ort gefördert werden, ihre eigenen Traditionen zu untersuchen. Kulturen der Akzeptanz gibt und gab es überall.

Wir brauchen eine postkoloniale Praxis.

Wer sich in dieser Richtung engagieren möchte, kann unter sarah.kohrt(ett)hirschfeld-eddy-stiftung.de mit der Yogyakarta-Allianz Kontakt aufnehmen.

Sarah Kohrt
LGBTI-Plattform Menschenrechte

 

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