Kulturen der Akzeptanz — über die Rolle von (Diaspora-)Literatur

Olumide Popoola und Elnathan John in Berlin

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Olumide Popoola, deutsch-nigerianische Autorin und Performerin ist gerade von einer Lesereise in Nigeria zurück, um ihr neues Buch vorzustellen: When we speak of Nothing.

Olumide Popoola, Sarah Kohrt, Klaus Jetz im Afrika-Haus, Foto: Afrika-HausPopoolas Roman erzählt die Geschichte von Karl, einem jungen Schwarzen Londoner, der mit 18 zum ersten Mal in seinem Leben nach Nigeria fährt, um dort in Port Harcourt seinen Vater zu treffen, dem er noch nie begegnet ist. Karl ist ein Trans*mann, in dessen Pass noch sein Geburtsgeschlecht steht. In Port Harcourt erlebt er einen größeren Kulturschock, bleibt viel länger als geplant, verliebt sich und verliert den Kontakt zu seinem besten Freund Abu in London. Es ist ein Roman über Freundschaft und das Aufwachsen als Schwarzer im heutigen London.

Popoola tritt gleich zu Beginn der Auffassung entgegen, dass Afrika so schlecht zu den LGBTs sei und der Westen so gut zu ihnen. Sie erzählt, dass das nigerianische Publikum bei ihren Lesungen sehr offen reagiert und keinerlei Vorbehalte wegen des Trans*-Themas gezeigt habe. Bei Interviews sei der Trans*-Aspekt des Buches nicht angesprochen worden. Kulturen der Akzeptanz fänden sich überall.

We have homegrown homosexuality and we also have homegrown homophobia

Am 7. Dezember 2017 waren Olumide Popoola und Elnathan John ins Berliner Afrika-Haus eingeladen, um über Strategien gegen Homo- und Transphobie in Nigeria zu diskutieren. In einem Podiumsgespräch diskutierten sie über Kulturen der Akzeptanz, über die Rolle von (Diaspora)-Literatur und die gute Formen der Unterstützung für nigerianische Aktivist*innen von außerhalb. Einleitend stellte Klaus Jetz, Geschäftsführer der Hirschfeld-Eddy-Stiftung die Arbeit der Stiftung mit nigerianischen Organisationen und Aktivist*innen vor.Olumide Popoola und Elnathan John im Afrika-Haus, Foto: Afrika-Haus

Elnathan John ist nigerianischer Anwalt, Satiriker und Autor, gerade ist sein Roman „An einem Dienstag geboren“ in deutscher Übersetzung erschienen.  Darin erzählt er die Geschichte des Jungen Dantala, der im Norden Nigerias in die zunehmend gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen Boko Haram und der Regierung gerät.

Seit Januar 2014 ist in Nigeria das Gesetz zum Verbot gleichgeschlechtlicher Ehen in Kraft. John hat darüber u.a. in seinem Blog geschrieben. Der damalige Präsident Goodluck Jonathan erklärte, dass dieses Gesetz der nigerianischen Kultur entspreche. Elnathan John meint, dass diese Auffassung zwar sehr verbreitet sei, aber dies doch eine sehr verengte Lesart sei. Es gebe eine Reihe von Beispielen, so die Gruppe der YanDodo, homosexueller Männer, deren soziales Geschlecht weiblich ist, in der Hausa-Gesellschaft. Die YanDodo seien gesellschaftlich akzeptiert. Ein Grund dafür ist nach John, dass sie die herrschenden Männlichkeitsvorstellungen nicht herausfordern. Insofern stellten sie keine Bedrohung dar. John gibt gerade ein Seminar an der Berliner Humboldt Universität über „masculinities and gender non conformism in Northern Nigeria“.

The LGBT Community must be on the forefront of political struggles

 John wünscht sich eine LGBT–Gemeinschaft, die sich mit anderen zusammentut,  die Koalitionen bildet und z.B. gegen Polizeigewalt arbeitet, und für eine gute Gesundheitsversorgung. Die große Themen müssten angegangen werden und zwar gemeinsam. Das gelte auch für die Unterstützung: „Support Coalitions, make sure they work together“, empfiehlt John.

Klaus Jetz, Sarah Kohrt, Oumar Diallo im Afrika-Haus, Foto: Afrika-Haus

Es gibt eine Vielzahl von Initiativen, Organisationen und eine Riesenzahl von Aktivist*innen in Nigeria.  Einige arbeiten auf der rechtlichen Ebene, andere in Initiativen für sexuelle Gesundheit. Bevor von außen Unterstützung organisiert wird, müssen immer unbedingt die Menschen an der Basis, im Land befragt werden. Nur die wissen, welche Form der Unterstützung die Richtige ist. John und Popoola sind skeptisch gegenüber Kampagnen. Formen von Aktivismus lassen sich selten gut grenzüberschreitend machen, sagt Popoola und John warnt ausdrücklich vor gutgemeinten global angelegten Kampagnen. Nicht gleich eine Petition starten, sondern erst einmal mit den Leuten im Land sprechen und fragen, was ihnen helfen würde, manchmal ist auch Stille die beste Hilfe. Wenn kein Kontakt ins Land vorhanden sei, können auch einzelne aus der Diaspora evtl. Kontakte vermitteln.

Elnathan John und Olumide Popoola betonten, wie wichtig der Kontakt zu Menschen vor Ort sei, wenn es um Unterstützung geht. “Findet Menschen vor Ort und sprecht mit ihnen”, so ihr Appell. Auch evangelikale Kirchen haben klare Ziele, wenn z.B. US-amerikanische Kirchen Nollywood-Produktionen fördern und Filmregisseuren  viel Geld für eine bestimmte Sorte  von Filmen geben, dann haben sie „eine Agenda“. John fasst die Lage so zusammen: “We have homegrown homosexuality and we also have homegrown homophobia“.

 Sarah Kohrt
LGBTI-Plattform Menschenrechte

Diese Veranstaltung war die vierte Kooperation zwischen der Hirschfeld-Eddy-Stiftung und dem Berliner Afrika-Haus im Rahmen der Veranstaltungsreihe Crossings & Alliances, in diesem Jahr außerdem mit „Interkontinental-Agentur für afrikanische Literaturen“. Wir bedanken uns herzlich für die Kooperation.

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