Das System immer wieder herausfordern

Am zweiten Tag der ERA-Konferenz „Empower, Challenge, Transform“ geht es u.a. um die Frage, wie LSBTI die Gesellschaften, in denen sie leben, herausfordern können? Meist leben sie in den Ländern des Westlichen Balkans und in der Türkei am Rande der Gesellschaft. Sie werden ausgegrenzt, ignoriert, diskriminiert. Gleiche Rechte werden ihnen vorenthalten. Wie können sie trotz nationalistischer, rechtspopulistischer Diskurse und patriarchaler Denkweisen für ihre Rechte eintreten?

Kocho Andonovski vom mazedonische LGBT Support Center in Skopje plädiert dafür, sich in der Lobbyarbeit nicht alleine auf den EU-Integrationsprozess zu konzentrieren. Dies sei zwar wichtig, habe aber auch gezeigt, dass in einigen Ländern der Region zwar Gesetze zum Schutz von LSBTI erlassen wurden, doch habe dies keinesfalls deren Alltag positiv verändert. Die Gesellschaften seien weiterhin homophob und transphob, weil keine begleitenden Maßnahmen wie Aktionspläne und Akzeptanzkampagnen umgesetzt wurden. Es sei unerlässlich, mit der eigene Community zu arbeiten, diese zu stärken und dafür zu sorgen, dass Wandel auch von unten befördert werde. Auf den EU-Integrationsprozess alleine könne man sich nicht verlassen.

Xheni Karaj von der albanischen Alliance against Discrimination LGBTI in Tirana meint, LSBTI sollten das alte System nicht kopieren, es müsse etwas Neues geschaffen werden. Das Beispiel der USA habe gezeigt, wie Errungenschaften schnell wieder zurückgenommen werden könnten. Sie plädiert dafür, die Reihen zu schließen und die LSBTI-Bewegung zu stärken.

Hasan Metehan Özkan von der türkischen Elternorganisation Listag in Istanbul hebt hervor, es gelte das traditionelle Familienkonzept herauszufordern, indem man die Vielfalt der Familienformen herausstelle. In der Türkei wisse zurzeit niemand, wie das System funktioniere. Es herrsche Willkür, als Aktivist*nnen könne man damit nicht umgehen und das System könne nicht herausgefordert werden. Auf lokaler Ebene allerdings gebe es Einflussmöglichkeiten bei Themen wie Wohnungsmarkt, Familienberatung, Seniorenangebote etc. Wichtig sei es aufzuzeigen, dass es in der türkischen Gesellschaft unterschiedliche Familienformen gebe. Hier gelte es zu demontieren und neu aufzubauen. Das traditionelle Familienbild, das die Regierung propagiere, sei nur eines von vielen.

Klaus Jetz
Hirschfeld-Eddy-Stiftung

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