Transgender-Bewegung in Russland und Deutschland

Transgender-Bewegung in Russland und Deutschland - Workshop in HamburgBilateraler Austausch über Probleme und Errungenschaften, Unterschiede und Ähnlichkeiten sowie Herausforderungen für die LGB-Bewegung

Im Rahmen der Jugendbegegnungsmaßnahme zwischen den beiden Partnerstädten Hamburg und Sankt Petersburg fand am 03. August 2017 ein Tagungsworkshop mit 16 russischen und deutschen Jugendlichen und jungen Erwachsenen statt. Die Veranstaltung wurde initiiert und organisiert vom LSVD Hamburg, gefördert vom Auswärtigen Amt, der Freien und Hansestadt Hamburg sowie der Stiftung Deutsch-Russischer Jugendaustausch (#CivilSocietyCooperation). 

Im Impulsreferat der St. Petersburger*innen und der anschließenden Fragerunde wurden vor allem folgende Themen diskutiert.

  • Die russischen Organisationen „T-Action“, „Side by Side“ und „Trans*Mission“ haben sich vorgestellt. Selbstorganisierte Zusammenschlüsse von Trans*Menschen, die neben regelmäßigen, niederschwelligen Treffen, Peer-to-Peer Beratungen, Seminare und Workshops zu Trans*sensibilität für die LSB-Community und medizinisches Personal anbieten. Darüber hinaus bieten sie für die Trans*Community Safer Sex Informationen und HIV-Schnelltests an. Sie erhalten alle keine staatliche Unterstützung.
  • Erfahrungen und Erleben des eigenen Trans* Coming-outs in St. Petersburg. Gesellschaftlich wird versucht, Trans*Menschen unsichtbar zu machen. „Nach wie vor wird empfohlen, nach der Transition die Stadt zu wechseln, alle Kontakte abzubrechen und ein vollständig neues Leben anzufangen. Dadurch würde man gesellschaftlich nicht als anders auffallen.“ Daraus ergibt sich nur bedingt eine Wahl, ob die Trans*Person selbstgewählt heimlich (stealth) oder sichtbar leben möchte.
  • Die gesellschaftliche Erwartungshaltung, ein trans*normatives Leben zu führen, im Sinne von – Mann heiratet Frau – besteht. Das Leben als z.B. schwuler Trans*mann ist durch das Propagandagesetz deutlich riskanter geworden. Die Angst vor Polizeigewalt besteht.
  • Die Situation und (Nicht-)Sichtbarkeit von non-binären Trans*Menschen in St. Petersburg ist vergleichbar mit der Situation in Hamburg. Von Seiten der non-binären Trans*menschen ist viel Erklärung zum eigenen Sein erforderlich, auch innerhalb der eigenen Trans*Community. Dennoch ist eine Zugehörigkeit innerhalb der Trans*Community spürbar und die Akzeptanz steigt. Dies ist in der allgemeinen Gesellschaft nicht der Fall. Die Erkenntnis „Ich bin Teil dieser nicht-binären Trans*Gemeinschaft“ ist für viele sehr wertvoll, sie haben einen Platz für sich gefunden und die Gruppe in St. Petersburg ist groß.
  • Bemerkenswert ist der große Zusammenhalt der Trans*Community in St. Petersburg. Allen ist die Notwendigkeit der Zusammenarbeit und der Vernetzung – auch zu anderen Organisationen über die Stadtgrenze hinaus — bewusst.
  • Die Teilnehmenden erzählen über ihre Freude, sich hier in Hamburg frei bewegen zu dürfen und eher keine Angst vor Polizeigewalt haben zu müssen. Sie sind überrascht, dass die Polizei bei der politischen Parade mitlaufen wird. Der Bruch zum erlebten eigenen Leben in St. Petersburg wird dadurch jedoch auch noch deutlicher gespürt. Einige sind das erste Mal in Hamburg und haben sehr gemischte Gefühle, in eine Stadt zurückzukehren, in der sie sich verstecken müssen. Sie haben ambivalente Gefühle der eigenen Stadt gegenüber „einerseits Verbundenheit mit der eigenen Heimat — dort aufgewachsen zu sein“, andererseits ist eine freie Zukunft dort sehr klar nicht möglich.
  • Langsam ist eine größere Sichtbarkeit von Trans*Menschen in St. Petersburg zu beobachten. Eines der Hauptziele der genannten Organisationen ist weiterhin „die Änderung des öffentlichen Bewusstseins“. Notwendig ist die Aufklärung über alternative Rollenbilder als Mann und Frau.

Nach einer gemeinsamen Mittagspause, die auch der Weiterführung des Austausches und der Vernetzung diente, diskutierten gemischte Arbeitsgruppen über drei Leitfragen.

Transgender-Bewegung in Russland und Deutschland - Workshop in Hamburg1. Was wünsche ich mir für meine Zukunft?

  • Utopien leben“
  • Ich nehme meins, wo ich meins sehe“
  • Kein street harassment mehr“
  • Mehr Sensibilisierung der Gesellschaft. Weniger Diskriminierung und Stigmatisierung von Trans*Menschen
  • Andere Menschen (und mich selbst) abseits von dieser zwanghaften Mann–Frau-Binarität zu verstehen und wahrzunehmen“
  • Offen, (selbst-) sicher das Spannungsfeld zwischen (und neben) Mann – Frau zu erforschen, auszuleben, auszukosten“
  • Mehr Unterstützung in der Arbeit bzgl. Informationen zu Trans*; HIV + AIDS; mehr Geld für diese Arbeit; mehr Unterstützung auch seitens der Politik
  • Mehr Hilfe zur Selbsthilfe
  • Dass Mensch nicht mehr über uns spricht, dass wir dazugehören

2. Welche Ressourcen habe ich dazu schon?

  • Wissen, Kommunikation und Bildung
  • Ressource der T-Aktivist*innen-Community
  • Meinen Kopf

Transgender-Bewegung in Russland und Deutschland - Workshop in Hamburg3. Welche Ressourcen brauche ich noch dazu?

  • Geduld, Zeit, Energie, Sprache
  • Mut zum Coming Out als Trans*“
  • LGB-Unterstützung, Geld, Zeit, Kraft (Burn Out-Prävention), „Vertiefung“ der Trans*Community
  • Diskussion und Feedback
  • In der anschließenden Diskussion ist mehrfach von den Teilnehmenden aus St. Petersburg betont worden, dass trotz der schwierigen politischen Lage in Russland der Zusammenhalt innerhalb der Community stark und vor allem Halt gebend ist.
  • Durch den Austausch mit anderen Aktivist*innen aus Hamburg ist klar geworden, dass die eigene aktivistische Arbeit in St. Petersburg gut und richtig ist.
  • Die Zahl der Teilnehmenden aus Deutschland könnte durch die Wahl eines geeigneteren Termins wie z.B. am Wochenende begünstigt werden.
  • Es ist sehr positiv angemerkt worden, dass das Trans*Thema im Rahmen der Pride Week und von Seiten des Vereins Hamburg Pride weiter in der Diskussion ist. Der Austausch und die Verbindung von trans*- und cis*-Menschen ist super wichtig, vor allem für die Pride / CSD-Arbeit in Hamburg.

Barbara Mansberg / Wolfgang Preussner
LSVD Hamburg

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