Fehlerhaftes Lehrmaterial

Schulbücher schweigen zu Homosexualität

Auf dem Schulhof und im Sport hört man es oft: „schwul“. Schwul ist Dies oder Das, ein beliebtes Schimpfwort, das Homosexualität immer wieder zum Subthema macht. Im offiziellen Teil, dem Unterricht, wird das Thema gleichgeschlechtliche Lebensweisen dagegen kaum aufgegriffen. Die Lehrerinnen und Lehrer sind häufig überfordert und ungenügend ausgebildet, um den täglichen antihomosexuellen Ritualen etwas entgegen zu setzen.

Viele größere Städte haben inzwischen Projekte und Beratungsangebote für junge Lesben, Schwule und transgeschlechtliche Menschen. Stichworte wie Akzeptanz, Diversity und Menschenrechtsbildung stehen für ein beachtliches Programm der Aufklärungsarbeit. In Kooperation mit engagierten Lehrerinnen und Lehrern werden immer mehr auch Schulklassen einbezogen. Durch das beharrliche Engagement von Betroffenen und pädagogischen Fachkräften ist so eine vielfältige Kultur der Aufklärungsziele und -methoden entwickelt worden. Dennoch haben diese Innovationen die Curricula und Lehrpläne nicht erreicht. Ganz besonders enttäuschend sind die Schulbücher.

Das große Schweigen

„Das Schulbuch stellt unabhängig von der Schulform einen elementaren Bestandteil der Unterrichtsgestaltung für Lehrerinnen und Lehrer dar“, schreiben die Autorinnen und Autoren der Anfang 2011 veröffentlichten Studie des Lesben- und Schwulenreferats der Universität Köln (LUSK). Sie untersuchten 365 Schulbücher aus Nordrhein-Westfalen der Fächer Geschichte, Evangelische Religionslehre, Englisch, Sozialwissenschaften/Politik, Deutsch und Biologie. In diesen wurden 67 mal schwullesbische Lebensweisen bzw. Homosexualität thematisiert oder benannt. Allein 55 Nennungen und Thematisierungen waren dem Fachbereich Biologie zugeordnet, 12 kamen aus dem Fachbereich Geschichte und der Evangelischen Religionslehre. Keines der Bücher hatte „Homosexualität“ oder „schwullesbische Lebensweisen“ im Titel eines Einzel-, Haupt- oder Unterkapitels. Auch fehlen Begriffe wie „schwul“ oder „lesbisch“ in den Stichwörterverzeichnissen. In den Lehrbüchern, die nach 1999 erschienen sind, sei Homosexualität hin und wieder erwähnt. „Die Auseinandersetzung mit der Thematik inklusive eines pädagogischen Lernziels bietet keines der Schulbücher“, so das Fazit. Lehramtsstudierende oder Referendarinnen und Referendare können anhand der Schulbücher weder eine Thematisierung von Homosexualität oder schwullesbischen Lebensweisen leisten noch werde das in einem der Bücher angeregt.

Der Schule kommt eine besondere Aufgabe dabei zu, antihomosexuellen Einstellungen zu begegnen. Für lesbische und schwule Jugendliche im Prozess der Selbstfindung und des Coming-out ist es wichtig, dass gleichgeschlechtliche Lebensweisen in der Schule nicht tabuisiert werden, sondern dass sie sich auch wiederfinden. Kinder aus Regenbogenfamilien sollten in der Schule nicht beschämt und ausgegrenzt werden. Die Verantwortung dafür darf nicht nur den Lehrerinnen und Lehrern aufgebürdet werden. Gerade auch die Lernmittel müssen deutlich machen: Lesben und Schwule sind Teil der gesellschaftlichen Vielfalt, sie sind gleichwertig und gleichberechtigt. In den Niederlanden hat der größte Schulbuchverlag Noordhof Uitgeverij 2010 beschlossen, gegen die Ausgrenzung und das Schweigen über Homosexuelle und Transsexuelle vorzugehen. Es sei wichtig, alle Aspekte der Gesellschaft zu berücksichtigen.

Die deutschen Schulbuchverlage haben da noch viel nachzuholen. Dabei darf nicht nur an Biologie und Gesundheitserziehung gedacht werden. Im Deutsch-, Politik-, Sozialkunde- oder im Geschichtsunterricht müssen Informationen über lesbische und schwule Lebensweisen sowie über die Diskriminierung und über die Emanzipationsgeschichte von Lesben und Schwulen vermittelt werden. Erika und Klaus Mann in der Deutschstunde, die Verfolgung von Schwulen und Lesben als Kapitel der Geschichtsstunde und im Weltkundeunterricht, die Yogyakarta Prinzipien im Fach Politik. Die Lebenssituation, die kulturellen Leistungen und Probleme von Lesben, Schwulen und transsexuellen Menschen könnten viele Kapitel von Schulbüchern füllen.

Aus der Bildungspolitik der meisten Parteien gab es zu dieser Aufgabe bislang kaum unterstützende Stellungnahmen. Dabei wäre sie gefordert, Verantwortung für die jungen homo- und transsexuellen Bürgerinnen und Bürger und für eine Kultur des Respektes zu übernehmen. Wir bieten uns gerne an, zu zeigen, wie man das lernen kann. Denn in den Schulbüchern findet man dazu nichts.

Renate Rampf, LSVD-Pressesprecherin

Zur Studie: „Und das ist Homostadt.“ Schwullesbische Lebensweisen in NRWs Schulbüchern. Köln 2011

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