Mit dem Zweiten sieht man queer

Jenny Renner, ZDF-Fernsehrät*in © LSVD ThüringenSeit Mai 2016 hat der LSVD Thüringen einen Sitz im ZDF-Fernsehrat. Jenny Renner, Sprecher*in des LSVD Thüringen und Deutschlands erste queere Fernsehrät*in im Interview.

1.    Liebe Jenny, Du bist jetzt über ein halbes Jahr Deutschlands erste queere ZDF-Fernsehrät*in und sitzt für den LSVD Thüringen in einem der wichtigsten Gremien im öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Wie wurdest Du dort aufgenommen? Wie ist die Arbeitsatmosphäre?

Entgegen einiger anders Lautender Vermutungen wurde ich sehr freundlich und offen im Fernsehrat aufgenommen. Sicherlich gab und gibt es einige inhaltliche Vorbehalte, wenn es um die Gleichstellung von LSBTI* geht, aber ich denke, wir sind im Gremium auf einem guten Wege, diese abzubauen und auch offen Fragen allgemeiner Natur zu besprechen.

Die Arbeitsatmosphäre in den Gremien ist natürlich sehr konzentriert und der fachlich-professionelle Austausch steht deutlich im Vordergrund. Dass natürlich auch hier und da politische Interessen mit eine Rolle spielen, ist nicht von der Hand zu weisen.

2.    Könntest Du uns etwas darüber berichten, welche Aufgaben du als Fernsehrät*in wahrnimmst und in welchen Gremien Du vertreten bist?

Ich arbeite in zwei Ausschüssen mit. Zum einen im Ausschuss Partnerprogramme. Hier sprechen wir über die Arbeit von 3Sat, KIKA, ARTE, PHOENIX, Funk, ZDF Info und ZDF NEO. Zum anderen bin ich im Ausschuss Programmdirektion, wo es um alle Themen geht, die nicht die Nachrichten- und Sportformate betreffen. In den Ausschüssen wird die inhaltliche Ausgestaltung der Sendungen und Sender besprochen, aber auch über Finanzen und die betriebliche Ausgestaltung des ZDF diskutiert. So stand hier beispielsweise auch der Bericht der Gleichstellungsbeauftragten auf der Agenda.

Darüber hinaus tagt vierteljährlich das Plenum des ZDF-Fernsehrates als Ganzes. Dort ist es mir auch möglich, eigene Beiträgen einzubringen und entsprechend Position zu beziehen.

Im Rahmen meiner Tätigkeit war ich bereits im ZDF-Landesstudio in Thüringen zu Gast und hab auch schon den in Erfurt beheimateten Kinderkanal (KIKA) besucht. Im Kontakt mit den Menschen vor Ort kann ich mir so noch besser ein Bild von der Arbeit der Sender und der Redaktionen machen und gleichfalls die Medienmacher*innen für das Thema LSBTI* sensibilisieren.

3.    Welche Möglichkeiten siehst Du lesbische, schwule bzw. trans* und inter* Themen in das ZDF und/oder seinen Partnerprogrammen einzubringen?

Grundsätzlich gibt es eine journalistische Freiheit, die ich nicht in Frage stellen möchte. Diese gilt natürlich auch für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Unser Vorteil besteht darin, dass staatsvertraglich geregelt ist, mit welchem Fokus der öffentlich-rechtliche Rundfunk berichten soll – nämlich allumfassend und unter Darstellung der gesellschaftlichen Realitäten. Und genau hier ist mein wichtigster Anknüpfungspunkt. Denn selbstverständlich gehören Lesben, Schwule, Bisexuelle, trans* und intergeschlechtliche Menschen in ihrer Vielfalt zu den erwähnten gesellschaftlichen Realitäten mit dazu. Also müssen sie auch in den fiktionalen und  nicht-fiktionalen Beiträgen des ZDF endlich mehr Sichtbarkeit erhalten. Sichtbarkeit und Repräsentanz von LSBTI* in den Medien sind wichtiger Bestandteil für gesellschaftliche Akzeptanz. Einige Sender sind hier schon gut aufgestellt, bei anderen steckt die Abbildung von gesellschaftlicher Vielfalt noch in den Kinderschuhen.

4.    Gibt es Grenzen, wo du für Dich sagst, so weit sind wir in Deutschland noch nicht?

Die Grenzen existieren natürlich in den Köpfen und sind genauso vielfältig wie unsere Gesellschaft auch. Wichtig ist es, Allianzen zu schließen und gemeinsam die Abbildung der Vielfalt an Meinungen und Lebensentwürfe gleichberechtigt darzustellen. Hier brauchen wir einen langen Atem. Aber ich denke, dass wir mit der zunehmenden Sichtbarkeit von LSBTI* in den Rundfunkräten und Medienanstalten auf einen sehr guten Weg sind.

5.    Hast du auch schon aus der Community Impulse oder auch Beschwerden bekommen?

Natürlich bekomme ich Beschwerden und Hinweise aus der Community. Diese leite ich weiter und bleibe auch selbst am Ball, was die Rückmeldungen der Sender betrifft. Besonders die Sprache und die Verwendung von Bildern sind immer wieder in der Kritik. Ich denke, hier ist grundsätzlich eine Sensibilisierung von Redaktionen und anderen Medienmacher*innen notwendig. Dies betrifft aber nicht nur den Bereich LSBTI*.

6.    Ich stell mir vor, dass Du bei Deiner Arbeit nicht immer mit offenen Armen empfangen wirst und Mitarbeitende der Redaktionen und Sender nicht immer offen für „Sichtbarkeit & Akzeptanz von LSBTI“ sind?

Diesen Eindruck kann ich bisher in keiner Weise bestätigen. Es gibt natürlich auch Mitarbeitende, die selbst schwul oder lesbisch sind. Mein Eindruck ist aber bisher, dass es  keine Rolle spielt und auch keine Rolle spielen sollte, ob jemand lesbisch, schwul, heterosexuell, trans* und/ oder intergeschlechtlich ist – die Qualität der Arbeit steht im Fokus, nichts anderes.

In diesem Zusammenhang prüft übrigens derzeit das ZDF, auf meinen Vorschlag hin, die Einführung und Erstellung eines Diversity-Konzeptes für den Bereich Personal. Beim Thema Vielfalt und Akzeptanz, auch innerhalb der Redaktionen, bleibe ich auf jeden Fall dran.  Denn 10 Jahre nach Einführung des AGG sollten gerade die öffentlich-rechtlichen Sender hier auch Vorbild sein.

7.    Konntest du schon erste Erfolge für Dich verbuchen?

Neben dem angeregten Diversity-Konzept für die Mitarbeitenden des ZDF konnte ich vor allem durch die entstandenen persönlichen Kontakten dazu beitragen, Vorurteile und Ressentiments abzubauen und für mehr Sichtbarkeit von LSBTI* zu werben.

Ich bin fest davon überzeugt, dass nur diese Begegnungen und eine wertschätzende Arbeitsatmosphäre dazu beitragen, dass die notwendige Sensibilisierung gelingen kann. Dazu gehört auch respektvolles Fragen zu ermöglichen. Außerdem habe ich eine Sendereihe zum Thema Familienformen angeregt, die verschiedene Aspekte von Familie unter die Lupe nimmt und auch in unterschiedlichen sozialen und urbanen Hintergründen spielt.

Ferner ist für mich das Thema „Intersektionalität“ und Mehrfachdiskriminierung bei aller Sensibilisierung und dem Werben für Sichtbarkeit wichtig und essentiell. Daher begleitet die intersektionale Perspektive meine gesamte inhaltliche Arbeit. Darüber hinaus ist es auch gut und wichtig, nicht nur Kritik an Dingen zu äußern, sondern auch Vorschläge für eine Verbesserung einzubringen. Besonders die inhaltliche Arbeit in den Ausschüssen ist eine Herausforderung, der ich mich gerne stelle. Die Komplexität mancher Themengebiete und die inhaltliche Vorbereitung auf anstehenden Diskussionen erfordern viel Kraft und Zeit. Das ist aber nicht ungewöhnlich. Im Fernsehrat sitzen Repräsentant*innen aus unterschiedlichen Bereichen. Profis aus den Bereichen Politik und Medien sind genauso vertreten, wie Vorsitzende großer nichtstaatlicher Organisationen, aber eben auch Vertreter*innen der Zivilgesellschaft. Diese unterschiedlichen Menschen auf einen Stand zu bringen und gleichzeitig eine gleichberechtigte Teilhabe zu sichern ist nicht einfach, aber ich denke, es ist machbar, wenn alle Beteiligten das auch wollen.

8.    Welche Herausforderungen hast Du Dir als Fernsehrät*in für 2017 vorgenommen?

Ich würde mich freuen, wenn das ZDF und seine Partnerprogramme ein internes Diversity-Konzept auf den Weg bringen. Außerdem gilt es, die Sender in ihrer Berichterstattung noch mehr für das Thema LSBTI* zu sensibilisieren. Sei es in der Art der Darstellung von Lesben, Schwulen, Trans* und Inter* in Beiträgen oder in der Aufnahme von queeren Charakteren bei fiktionalen Formaten. Was spricht schon gegen einen schwulen SOKO –Kommissar, dessen Privatleben nicht nur aus Sex und Drogen besteht?

Was ich mir aber vor allem wünsche, ist mehr Beteiligung der Community mit ganz konkreten Vorschlägen, wie die Bandbreite von LSBTI* besser und wertschätzender dargestellt werden kann. Ich brauche Euren Input. Wie sollen Lesben, Schwule, trans* und intergeschlechtliche Menschen im Fernsehen repräsentiert werden, welche Bilder, welche Darstellung wünschen wir uns als Community eigentlich?

Hier bin ich für jeden Impuls und Anregung dankbar.

Jenny Renner
Fernsehrät*in  beim ZDF und Sprecher*in des LSVD Thüringen

 

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