In ständiger Gefahr

Logo ASWATDie Menschenrechts-organisation “Aswat” über die aktuelle Situation von LGBTQI in Marokko.

Aswat ist eine unabhängige Non-Profit-Gruppe in Marokko, die sich mit den Themen Gender und Sexualität in Bezug auf sexuelle Minderheiten befasst. Die Gruppe verfolgt ein friedliches Engagement zur Bekämpfung der Diskriminierung von Lesben, Schwulen, Bisexuellen, Transgender, Transsexuellen und Intersexuellen in Marokko. Aswat betreibt zwei Facebook-Seiten, „Collectif Aswat“ und “Aswat Magazine LGBT” sowie eine Website. Das Interview führte und übersetzte Guido Schäfer (Hirschfeld-Eddy-Stiftung) . Originalversion auf Englisch findet sich hier.

Hirschfeld Eddy Stiftung (HES): Der Deutsche Bundestag hat am 13. Mai beschlossen, Marokko auf die Liste der so genannten “sicheren Herkunftsländer” zu setzen. Wenn diese Änderung in Kraft tritt, bedeutet dies für marokkanische Asylbewerber, dass für sie in Deutschland ein abgekürztes Verfahren gilt, welches im Regelfall die Fristen für die Entscheidung, den Einspruch und die Abschiebung jeweils auf nur eine Woche reduziert. Damit würden die Chancen auf ein gerechtes Verfahren erheblich reduziert. Wie sicher ist Marokko für LGBTQI?

Aswat: Die Situation der LGBTQI Gemeinschaft in Marokko hängt von verschiedenen Faktoren ab (soziale Schicht, Bildungsstand, Region in der sie leben…). Aber in allen Fällen leben diese Menschen in ständiger Verfolgung, die zu einer Traumatisierung führt, unter einer drohenden Inhaftierung bis hin zur Gefahr des Todes.

HES: Im Jahr 2011 hat Marokko eine neue Verfassung verabschiedet, die nun auch die Freiheit der Gedanken, Ideen und des künstlerischen Ausdrucks und der Schöpfung garantiert. Gab es eine positive Entwicklung für LGBTQI seit 2011, auch wenn die sexuelle Identität nicht erwähnt wird?

Aswat: Die Verfassung des Jahres 2011 war das Ergebnis der Proteste der Zivilgesellschaft, ausgelöst durch das Verlangen nach individuellen Freiheiten. Das Ergebnis zeigte auch, dass die Zivilgesellschaft etwas bewirken kann, wenn sie ihre Meinung äußert.

Dies hat sich auch auf LGBTIQ ausgewirkt. In der Tat, in Fällen von Verhaftungen von LGBTIQ über die in den Medien berichtet wird, kommt es zu öffentlichen Protesten, die zu einer Freilassung oder zu einer Reduzierung der Strafe führen. Wenn LGBTIQ zu Hause oder im öffentlichen Raum angegriffen werden, werden sie nun als Opfer gesehen und nicht als Täter. Für den Fall, dass über solche Vorfälle nicht durch die Medien berichtet wird, droht eine Gefängnisstrafe von bis zu 3 Jahren.

Aufruf ASWATHES: Wie leben LGBTIQ in ihrem Alltag?

Aswat: In der Regel sind schon junge LGBTIQ Spott, Aggression und Gewalt ausgesetzt. Dies lässt ihnen nur die Wahl, ihre sexuelle Orientierung zu ignorieren und den „heterosexuellen Weg“  zu gehen, die Gewalt der Gesellschaft, der Familie und des Staates zu akzeptieren und darunter zu leiden, oder ein Leben mit vielen Gesichtern zu führen.

HES: Erwartet Ihr, dass sich die Situation der LGBTQI in Marokko in Zukunft verbessern wird?

Aswat: Die Antwort auf diese Frage ist schwierig, weil ein Teil der Zivilgesellschaft sich zunehmend für die Menschen aus der LGBTIQ-Community schützend einsetzt. Auf der anderen Seite bringt ein anderer Teil immer heftiger seine Homophobie zum Ausdruck.

 

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