Mehr Empathie

2016_1_web_blogDer Wind weht rau. Viele sind offensichtlich sehr schnell bereit, demokratische Grundwerte aufzugeben und sich all jenen anzuschließen, die am lautesten die radikalsten Parolen brüllen. „Besorgte Bürger“ bescheren der AfD Höhenflüge bei Landtagswahlen und so manche werden gleich selbst zu Brandstiftern im Namen des Abendlands. Wortwörtlich! Fatalerweise sehen sie sich dabei bestärkt durch islamistische Terrorakte wie jüngst in Brüssel. Dabei wurzelt beides im Gleichen: Ein Mangel an Empathie und ein Absolutsetzen des Eigenen. Das sind Markenzeichen des Fundamentalismus, ob nun religiös oder rassistisch motiviert. Gemeinsam ist ihnen auch eine Abscheu vor Verschiedenheit, eine Furcht vor Individualität und Anderssein. Kaum überraschend, dass ihnen Lesben, Schwule und Transgender als ungleichwertig gelten.

Diese mangelnde Empathie, die fehlende Bereitschaft zuzuhören, der kaum vorhandene Mut sich zu hinterfragen – das alles kennzeichnet momentan auch die öffentliche Debatte. In den Kommentaren und (a)sozialen Medien wird rhetorisch aufgerüstet. Shitstorm statt Austausch. Polarisierungen machen Schlagzeilen. Einfache „Lösungen“ bringen Klicks. Bleibt da nur noch Rückzug oder Zurückschreien? Beides ist leicht, bringt jedoch nur wenig. Die Alternative ist anstrengend und braucht auch mehr als einen Kommentar bei facebook oder 140 Zeichen bei twitter. Es ist auch verführerisch, Fundamentalist_innen und ihre Anhänger_innen zu beleidigen oder zu belächeln. Damit hat man vielleicht das eigene Selbstbild gefestigt und Lacher auf seiner Seite, nur leider noch keine fundamentalistische Meinung widerlegt.

Angesichts der Dominanz von Schwarz-Weiß könnte einem fast Grau sympathisch werden – verstanden als Bereitschaft zum Differenzieren, zu Zwischentönen und Verstehen wollen. Damit meine ich ausdrücklich keine falsch verstandene Toleranz. Aber nicht hinter jedem Vorurteil steckt Bösartigkeit, nicht hinter jeder Kritik Fanatismus, nicht hinter jeder Frage Menschenfeindlichkeit. Wie erreicht man die Verunsicherten und wer hat kein Verständnis mehr verdient? Wen kann ich also noch für gleiche Rechte, Vielfalt und Respekt gewinnen? Wo lohnt sich das Gespräch, die Überzeugungsarbeit? Wen gibt man verloren und was wird aus denen?
Denn auch im Streit ist man sich immerhin noch nah. Reißt der Kontakt erst einmal ab, muss sich niemand mehr hinterfragen, können andere Meinungen vollkommen ignoriert werden.

Wir müssen für eine demokratische und offene Gesellschaft werben, zu der selbstverständlich auch Lesben, Schwule und Transgender gehören – und zwar nicht nur bei denen, die schon überzeugt sind. Dabei gilt es deutlich zu machen, dass alle von einer Gesellschaft profitieren, in der man anders sein kann und darf.

Ich gebe zu, momentan habe ich auch mehr Fragen als Antworten. Fragen stellen ist grundsätzlich aber auch nicht verkehrt. Statt das Heil in Schwarz-Weiß-Denken oder populistischer Stimmungsmache zu suchen, ist mir das Aushalten der eigenen Nachdenklichkeit in unserer immer unübersichtlicher, ambivalenter und komplexer werdenden Welt auch lieber.

Und eins ist auch klar. Schwarz-Weiß kennt nicht nur kein Grau. Es kennt auch kein Bunt.

Markus Ulrich,

LSVD-Pressesprecher



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