Organisationen der afrikanischen Diaspora in Deutschland als Vermittler im Kontakt zwischen dem globalen Norden und Süden für die Menschenrechte von LGBTIQ*?

Dokumentation des Vortrags von Tsepo Bollwinkel, gehalten am 27. November 2014 in Berlin im Rahmen der Veranstaltungsreihe Crossings & Alliances der Hirschfeld-Eddy-Stiftung, in Kooperation mit der Initiative Schwarze Menschen in Deutschland (ISD Bund e.V.)

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Organisationen der afrikanischen Diaspora in Deutschland als Vermittler im Kontakt zwischen dem globalen Norden und Süden für die Menschenrechte von LGBTIQ*?

Tsepo2Sehr geehrte Damen und Herren und sehr geehrte Menschen zwischen und jenseits der Geschlechterkonstruktionen,

ich freue mich und bin dankbar, Ihnen heute Abend hier vortragen zu dürfen. Dank an die Organisation durch die Hirschfeld-Eddy-Stiftung; hier ist besonders Sarah Kohrt zu nennen. Dank an die Initiative Schwarze Menschen in Deutschland (ISD), die nicht nur meine gesellschaftspolitische Heimat innerhalb der Schwarzen Community in Deutschland ist, sondern auch einen weiten Weg zurückgelegt hat, um heute mit Selbstverständlichkeit Kooperationspartnerin von Veranstaltungen wie dieser hier zu sein. Ein weiterer Dank gilt Ise Bosch und ihrer Dreilinden Gesellschaft. Ise, Du hast einen großen Anteil daran, dass sich meine persönlichen Vorurteile gegenüber weißen Menschen, speziell diejenigen mit feministischem oder queerem Engagement, in eine differenziertere und friedfertigere Sicht auflösen konnten. Vor 10 Jahren hätte ich zu diesem Thema nicht vor weißen Menschen referiert. Aber Du hast mir mit deinem Respekt und deiner tiefen menschenrechtlichen Reflektiertheit die Augen und das Herz geöffnet, so dass ich jetzt Verbündete wie Dich auch wahrnehmen kann. Dieser Vortrag ist die Weiterführung eines Thesenpapiers, das ich mit demselben Titel, jedoch einem anderen Fokus, für die Fachtagung Regenbogenphilanthropie des vergangenen Jahres geschrieben habe.

Für heute möchte ich mich auf drei Fragestellungen bzw. Thesen konzentrieren:

  • Zwischen den Organisationen der afrikanischen Diaspora in Deutschland und den Kräften, die von Deutschland aus menschenrechtliche Arbeit zugunsten von LGBTIQ* Menschen des afrikanischen Kontinents leisten wollen, herrscht völlige Sprachlosigkeit.
  • Ein wesentlicher Grund für diese Sprachlosigkeit ist ein sprachlich-kultureller, nämlich die unterschiedliche Benennung und gesellschaftliche Einordnung von gleichgeschlechtlich liebenden und/oder gegengeschlechtlich lebenden Menschen und Lebensgestaltungen. Wenn aus der Sprachlosigkeit ein fruchtbarer Dialog entstehen soll, dann ist das gegenseitige Verstehen der verschiedenen Konzepte von Geschlechtlichkeit, Liebesbeziehungen, Familie notwendig. Aufgrund des Machtgefälles zwischen Norden und Süden, reich und arm, ist es hier insbesondere, aber nicht nur, die Aufgabe hiesiger Kräfte, sich um ein solches neues Verstehen zu bemühen.
  • Zur Verdeutlichung wird ein Exkurs über eine Begrifflichkeit, ihre Historie und Bedeutung

im Norden und auf dem afrikanischen Kontinent folgen. Und es ist nötig zu erkunden, wer mit welcher Motivation antihomosexuelle Haltungen und Handlungen auf dem afrikanischen Kontinent verbreitet.

  • Trotz aller Schwierigkeiten halte ich einen Dialog mit der afrikanischen Diaspora für sinnvoll und notwendig. Ich möchte einige Ideen teilen, wie er gelingen kann.

Noch zwei Vorbemerkungen:

  1. Was ist die afrikanische Diaspora? Ich verwende die Definition der AU:

The African Diaspora consists of people of African descent and heritage living outside the continent, irrespective of their citizenship and who remain committed to contribute to the development of the continent and the building of the African Union.”

In Deutschland leben mit Aufenthaltsstatus ca. 300.000 Staatsbürger_innen afrikanischer Staaten, dazu kommen geschätzt 50.000 Menschen ohne Papiere und ca. 500.000 afrodeutsche Menschen, ferner kommen dazu noch Menschen afrikanischer Herkunft mit einer Staatbürgerschaft nichtafrikanischer Staaten, so dass insgesamt etwa 1 Million Menschen in Deutschland leben, die der afrikanischen Diaspora zugerechnet werden können.

  1. Ich werde im Laufe des Vortrags nicht mehr vom “Norden” sprechen, sondern vom “Westen”. Beide Bezeichnungen sind natürlich geographisch gleich falsch. Aber mit der Bezeichnung “Westen” benutze ich die Vokabel, mit der zuallermeist auf dem afrikanischen Kontinent die Staaten und Regionen der kolonialen und (angeblich) postkolonialen Mächte benannt werden. Und ich werde, wenn ich von Lesben, Schwulen, Trans*menschen und Intersexen nach “westlichem” Verständnis spreche, zusammenfassend das Wort “queer” benutzen, im Sinne von nicht heteronormativ.

 

  1. Sprachlosigkeit

Es gibt hunderte von Organisationen der afrikanischen Diaspora in Deutschland. Zumeist sind es Kulturvereine, die dem Zusammenhalt und der gegenseitigen Unterstützung bestimmter, zumeist nationaler, teils auch religiöser Gruppen dienen. Dann gibt es die Vereinigungen, die dem Austausch mit Angehörigen der weißen Mehrheitsgesellschaft dienen. Dazu kommen noch von Deutschland aus von der Diaspora initiierte Projekte der Wirtschaftsförderung und des gesellschaftlichen Dialogs mit Ländern des afrikanischen Kontinents. Und dann gibt es die Organisationen, die vor allem von afrodeutschen Menschen getragen werden wie ADEFRA oder die ISD. Und nicht vergessen will ich die relativ jungen Organisationen des Flüchtlingswiderstandes, in denen afrikanische Menschen maßgeblich aktiv sind. Ich habe im vergangenen Jahr recherchiert, ob und wo innerhalb dieser Organisationen queere Menschen sichtbar und hörbar repräsentiert sind. Das Ergebnis war niederschmetternd: Einzig die afrodeutschen Organisationen sind hier zu nennen sowie Teile der Flüchtlingsbewegung. Diese Organisationen haben jedoch inhaltlich aus verschiedenen Gründen einen geringen Fokus auf den afrikanischen Kontinent und entsprechend auch eine geringe Expertise und/oder kaum eine Wirkmacht auf dem Kontinent. In diesem Jahr habe ich mich bemüht, Haltungen zu den Menschenrechten nicht heteronormativer Menschen von Organisationen der Diaspora zu recherchieren. Es waren Stichproben, keine großangelegte Untersuchung.

Und so sieht das Ergebnis aus: Wenn ich überhaupt eine Antwort auf meine Anfragen bekam, so hieß es zumeist, das sei kein Thema dieser Organisation, des afrikanischen Heimatlandes oder überhaupt des Kontinentes. Oder auch aggressiv: Dies sei ein Thema des Westens, keins der Diaspora oder Afrikas. Oder auch vorsichtig, man fühle sich an die Gesetzgebung der Herkunftslandes gebunden.

Und noch etwas: Alle Organisationen, die mir geantwortet haben, gaben an, noch nie hätte sich eine deutsche Stelle oder Organisation zum Thema Menschenrechte für LGBTIQ* an sie gewandt. Ich habe daraufhin auch noch ein wenig bei deutschen Menschenrechtsorganisationen nachgefragt, ob es denn Kontakte zu diesem Thema mit Organisationen der afrikanischen Diaspora geben würde. Dies wurde durchgehend verneint. Manche gaben an, auf Einladungen keine Resonanz erhalten zu haben, andere hingegen, man würde lieber mit Kräften direkt auf dem afrikanischen Kontinent kommunizieren.

Ich fasse zusammen: Zum Thema Menschenrechte für queere Menschen auf dem afrikanischen Kontinent gibt es zur Zeit unter den Organisationen der afrikanischen Diaspora keine Dialogparter_innen, die eine Vermittlerrolle einnehmen könnten. Und es gibt auch von deutscher Seite wohl keine Initiativen, einen Dialog ernsthaft herbeizuführen. Ich nehme hiervon ausdrücklich aus die z. B. auf der Fachtagung Regenbogenphilanthropie zusammenarbeitenden Kräfte und die afrodeutschen Organisationen sowie den Flüchtlingswiderstand, denen es aber an Anbindung an den afrikanischen Kontinent mangelt, so dass hier im Moment nur sehr begrenzt Wirksamkeit erzielt werden kann. Im Allgemeinen jedoch gilt: Es herrscht Sprachlosigkeit.

 

  1. Begrifflichkeiten

Warum können westliche LGBTIQ* Menschenrechtler_innen und Organisationen der afrikanischen Diaspora nicht kommunizieren, woher kommt diese Sprachlosigkeit? Wie in so vielen Bereichen ist auch in diesem das Erbe und die gegenwärtige Existenz des Kolonialismus auf komplexe Weise verantwortlich. Wie, zumindest in diesem Raum, hoffentlich bekannt ist, haben (natürlich) alle afrikanischen Kulturen vielfältige Weisen des Umgangs und der Integration von gleichgeschlechtlichem Lieben und gegengeschlechtlicher Identität. Diese sind so verschieden wie die 54 heutigen Staaten, und über 2000 Völker und Sprachen. Wichtig ist festzuhalten, dass nach heutigem Wissenstand alle Völker und Kulturen gleichgeschlechtliches Lieben und gegengeschlechtliches Leben kannten und integrierten. Bis: Ja, bis zur Kolonialisierung, dem Menschen- Land- und Ressourcenraub durch die europäischen Mächte. Der Menschen- Land- und Ressourcenraub ging einher mit der Vernichtung von Kulturen, der historischen Überlieferungen, der vorherigen Rechts- und Regierungssysteme. Und mit den Kolonialmächten kamen die Christianisierung, die viktorianische Prüderie und die damaligen europäischen Rechtssysteme. Und zum damaligen Verständnis des Christentums, zur viktorianischen Prüderie und – in unterschiedlichen Ausmaßen — in alle europäischen Rechtssysteme gehörte die Ächtung, Kriminalisierung und Sanktionierung gleichgeschlechtlicher Liebe und gegengeschlechtlichen Lebens.

Exkurs: In der besonderen Rigorosität, mit der die Integration gleichgeschlechtlich Liebender, ja selbst die Erinnerung daran, in afrikanischen Gesellschaften durch die Kolonialismus vernichtet wurde, erkenne ich jenen Aspekt rassistischer Projektion wieder, der in der Sexualisierung des Schwarzen Objektes, des N., die eigene Sexualität entsprechend europäisch/kirchlicher Traditionen verdrängt, und sie dann umso brutaler im Außen, hier also in den afrikanischen Kulturen, bekämpft.

Wie entsetzlich wirksam der Kolonialismus war und ist, zeigt sich bis heute u. a. daran, dass die sich befreit habenden Staaten die kolonialen Grundstrukturen bruchlos beibehalten haben. Weder sind die künstlichen Grenzziehungen der Europäer korrigiert oder neu geordnet worden, noch sind die vorkolonialen Regierungs- oder Rechtssysteme auch nur im Ansatz wiederhergestellt worden. Das öffentliche Leben, das Bildungssystem, die offiziellen Religiositäten — alles folgt bis heute den kolonialen Modellen. Und also findet gleichgeschlechtliches Lieben oder gegengeschlechtliches Leben keinen Raum mehr im Afrika nach der Unabhängigkeit.

Nun mag man einwenden, in den westlichen Ländern habe sich aber doch die Einstellung zu LGBTIQ* Thematiken insgesamt grundlegend geändert. Also müsste doch diese Entwicklung auch irgendwie in den ehemaligen Kolonien ankommen.

Es ist Zeit, einen für das Verständnis afrikanischer Weltsichten sehr wesentlichen Begriff zu beleuchten. Ich meine den Begriff der Familie. An diesem einen Punkt haben sich nämlich die meisten afrikanischen Denk- und Sozialsysteme mit dem über sie hereinbrechenden Christentum und der rigiden europäischen Sexualmoral des 18./19. Jahrhunderts getroffen: Die Familie und speziell die Sexualität dient allein der Reproduktion (und der wirtschaftlichen Vorsorge). In diesem Postulat sind sich vorkoloniales, koloniales und postkoloniales Afrika einig.

Allerdings ist hier einer der Punkte, wo das unterschiedliche sprachlich-kulturelle Verständnis eines Wortes von immenser Bedeutung ist: Während im europäischen Gebrauch der Begriff Sexualität jegliche Art von geschlechtlicher Interaktion bedeutet, bezeichnete er in den meisten afrikanischen Kulturen allein den vaginalen Geschlechtsakt zwischen Frau und Mann zwecks Reproduktion. Alle anderen Arten von geschlechtlicher Interaktion, also auch gleichgeschlechtliches Lieben waren durch Begriffe wie Sexualität überhaupt nicht erfasst, wurden auch nicht problematisiert, solange eine familiäre Reproduktion trotzdem sichergestellt war.

 

Exkurs: Ein Beispiel aus meinem eigenen kulturellen Erbe:

Ich gehöre dem Volk der Sotho in Südafrika an. In vorkolonialer Tradition war Polygamie nach folgendem Modell besonders für sozial Höhergestellte verbreitet:

Das Dorf, die Gemeinschaft bestimmt die erste Frau eines Mannes. Da geht es um dynastischen und sozialen Ausgleich. Die zweite Frau eines Mannes wird von der ersten Frau gewählt. Dabei geht es um Aufteilung der Belastungen — und um “pleasure” für die erste Frau, weniger für den Mann. “Pleasure” beschreibt alle Formen von nicht vaginaler nicht penetrierender Sexualität. Von Frau zu Frau vor allem … Und erst die dritte Frau darf sich der Mann selber aussuchen, hier findet sich am Ehesten das, was im Westen als Liebesbeziehung verstanden wird.

Dass dieses Modell zumindest vereinzelt noch lebendig ist, kann ich bezeugen: Ich selber bin der erste Sohn der dritten Frau meines Vaters … Und wenn auch unserer Staatspräsident Zuma zur Zeit 4fach verheiratet ist, galt mein Vater als durchaus skandalöse und antiquierte Ausnahme. Ich zitiere einen Verwandten: “Wir haben uns weiter entwickelt.”

Wie sieht diese “Weiterentwicklung” aus: Die männliche Haarpracht wird geschoren getragen, so wie es weiße Plantagenbesitzer für ihre Leibeigenen für angemessen hielten. Und Frauen tragen glatte Perücken. Das Hauptstück der sogenannten traditionellen Kleidung ist eine Wolldecke, noch heute nach dem Muster, das einst Queen Victoria einem unserer Könige schenkte. Schickliche Frauen tragen darunter die westliche Tracht des 18./19. Jahrhunderts. Und Sexualitäten sind tabuisiert, auf monogame heterosexuelle Praktiken beschränkt.

Die “Weiterentwicklung” ist also die Internalisierung westlicher kolonialer (Sittlichkeits-) Ideale. Dabei hat gerade die Schwarze Bevölkerung Südafrikas durch die besonderen Umstände der Apartheid bis in die jüngste Vergangenheit in der Praxis polyamourös (durch die extremen Abwesenheiten von der Familie) und gleichgeschlechtlich (z. B. in den berüchtigten Arbeiterwohnheimen) gelebt und geliebt. Nur sind die Begrifflichkeiten dafür nicht mit den westlichen vergleichbar und steht das Reden in westlichen Sexualitätsbegriffen darüber unter Tabu.

An dieser Stelle haben also der Kolonialismus und seine Begleitideologien einen entscheidenden Erfolg errungen: Es ist ihnen gelungen, das afrikanische Verstehen durch das europäische zu ersetzen. Und damit auch alle nicht heteronormativen Formen der Sexualität oder der Geschlechtsidentität in die Tabu- und Verbotszone zu verbannen. Als sich nun die unabhängigen afrikanischen Staaten bildeten, taten sie das, wie gesagt, unter Beibehaltung der meisten kolonialen Konstrukte. Wo dann ideologisch Nationalstaat oder Panafrikanismus eminent wichtig wurden, wurde gern Bezug genommen auf die “afrikanischen” Werte, vor allem die der Familie als Basis der Gesellschaft. Doch die koloniale Verknüpfung von familiärer Reproduktion und heteronormativer Sexualität wurde bis heute nicht dekonstruiert und gelöst.

Natürlich gibt und gab es im nachkolonialen Afrika weiterhin gleichgeschlechtliches Lieben und gegengeschlechtliches Leben. Es gibt und gab dies sogar noch an einigen Stellen in Form vorkolonialer Traditionen oder ihrer an die heutige Zeit angepassten Umwandlungen. Zumindest bis vor einiger Zeit war das immer noch wenigstens außerhalb öffentlicher Aufmerksamkeit lebbar, wurde durch Wegsehen toleriert. Siehe den Exkurs über meinen Vater.

 

Noch ein Exkurs: Ich bin ein Transmann — nach westlichem, queerem Verständnis.

Mit dieser Selbstdefinition kann ich mich Zuhause in Südafrika nicht blicken lassen, wäre ich an Leib und Leben bedroht. Also geht meine Erklärung für meine Angehörigen so: Meine Ahnen, die trotz der Christianisierung immer noch eine immense Bedeutung haben, haben mir eine Lebensaufgabe anvertraut, die ich nur in der Männerrolle ausführen kann. (Anhänger östlicher Religionen würden wahrscheinlich sagen, das sei eine karmische Bestimmung.) Ich selber verstehe mein gegengeschlechtliches Leben übrigens tatsächlich so. Nur bin ich mir der gestellten Aufgabe nicht sicher, bin aber bereit sie getreulich zu erfüllen. Und vielleicht tue ich das ja gerade in diesem Augenblick …und weil ich mit einer Frau verheiratet bin und mit ihr zusammen zwei Kinder erziehe, erfülle ich den Reproduktionsanspruch vollkommen. Denn es müssen nicht meine leiblichen Kinder

sein, um der Vorstellung einer funktionierenden Sotho Familie zu entsprechen. Und gerade weil ich durch die Transition zum Gegengeschlecht dem Auftrag meiner Ahnen Folge leiste und besondere Lebenserfahrungen gewonnen habe, steht mir ein Status als eine spirituell weit entwickelte Person zu und wird mir gewährt. Dass mein primäres sexuelles Begehren auf gleichgeschlechtliche Partner gerichtet ist, ich also nach westlichem Verstehen schwul bin, spielt ebenfalls in meiner südafrikanischen Familie keine Rolle. Solange ich diesem gleichgeschlechtlichen Begehren diskret nachgehe und durch meine (übrigens heißgeliebte) Frau und die Kinder die gesellschaftlichen Anforderungen an Reproduktion und Familie erfülle, bewege ich mich im sicheren Rahmen meiner Tradition.

Doch die meisten gleichgeschlechtlich Liebenden und gegengeschlechtlich Lebenden können, wollen und tun dies nicht mehr nach diesen traditionellen Vorbildern sondern identifizieren sich innerhalb eines Bezugsrahmens, der sich im Westen in den letzten 50 Jahren als LGBTIQ* entwickelt hat. Und dies ist der entscheidende Unterschied zum traditionellen Denken: queere Lebensentwürfe sind nicht an Reproduktion und die Familie als Reproduktionsort gebunden. Das ist die Stelle, an der die Konflikte mit Queerness beginnen.

Und genau an dieser Stelle schlägt der Neokolonialismus zu: Mächtigste Spieler auf dem Feld der ideologischen Unterwerfung des afrikanischen Kontinents sind die christlichen Kirchen, insbesondere evangelikale Kräfte amerikanischen Ursprungs. Mit enormer Finanzkraft versuchen diese Kirchen, ihre reaktionären Botschaften zu verbreiten, das, was in den USA trotz der Erfolge der Tea Party nicht mehr aufzuhalten ist, nämlich eine für verschiedenste Sexualitäten und Geschlechtsidentitäten offene Gesellschaft, nunmehr auf dem afrikanischen Kontinent einzudämmen und auszurotten. Und diese Kirchen nutzen schamlos das noch unverstandene Thema LGBTIQ* Lebensweise versus (vor-)kolonialer Familienbegriff aus, vereinen die Gläubigen in einer neuen Art von Hexenverfolgung.

Ich habe so ausführlich erzählt, damit deutlich wird, das die aktuellen Menschenrechtsverstöße an LGBTIQ* Menschen einen kolonialen Hintergrund haben. Und um ein Beispiel zu geben, wo und wie sprachlich-kulturelles Nichtverstehen immenses Leid zur Folge hat. Wie nur soll hier in Deutschland eine gelingende Kommunikation mit Organisationen der afrikanischen Diaspora über die Menschenrechte von queeren Menschen stattfinden, die dann sogar noch befreiende Wirkungen auf dem afrikanischen Kontinent hat, wenn auf beiden Seiten zu wenig Wissen und Verstehen zu den jeweiligen Begrifflichkeiten da ist?

 

  1. Dialog muss sein

Und dennoch: Ich plädiere ausdrücklich dafür, hier im Westen den Dialog mit der afrikanischen Diaspora zu suchen und zu führen! Ja, die weitere, natürlich auf Gleichwertigkeit basierende, Zusammenarbeit mit den jetzt auf dem afrikanischen Kontinent agierenden Selbstorganisationen von queeren Menschen ist notwendig und richtig. Hier geht es vor allem darum, aktuell menschenrechtlich zu handeln. Es geht um Leben, Freiheit, medizinische Versorgung, juristische Unterstützung etc. für Betroffene jetzt.

Aber eine grundsätzliche Änderung der Situation von LGBTIQ*s auf dem afrikanischen Kontinent, die rechtliche und soziale Integration ihrer Lebensentwürfe in die afrikanischen Gesellschaften hängt ganz davon ab, dass im gleichwertigen Dialog die ideologischen Wirkungen des Kolonialismus enttarnt und aufgehoben werden, die internalisierten ebenso wie die unmittelbaren äußeren Wirkungen, auf dem afrikanischen Kontinent ebenso wie im Westen.

Es kommt darauf an, die Sprachverwirrungen und Sprachlosigkeiten auf beiden Seiten zu durchbrechen. Erst, wenn wir überhaupt verstehen, was die andere Seite sagt, kann Kommunikation fruchtbar werden. Und hier sehe ich eine entscheidende Rolle der Diasporaorganisationen. Inzwischen leben mehr Menschen afrikanischer Herkunft außerhalb des Mutterkontinentes als in Afrika selber. Der soziale und ökonomische Austausch ist enorm. Allein der finanzielle Rückfluss von der Diaspora auf den afrikanischen Kontinent beträgt mehr als das Doppelte der sog. Entwicklungshilfe, Tendenz rasant steigend. Der Transfer von Wissen und Technologie ist riesig. Und es gibt natürlich auch einen Austausch sozialer Erfahrungen zwischen der Diaspora und dem Mutterkontinent. Also ist es sinnvoll, mit der Diaspora hier vor der Haustür in den Dialog zu treten. Denn ein gelingender Dialog wird einen Rückfluss und Wirkung auf den Kontinent haben. Das wird nicht einfach. Zu tief sind die Verletzungen und das Misstrauen, die durch Kolonialismus und Rassismus geschlagen wurden und werden. Aber ich bin überzeugt, dass die Mühe sich für alle Beteiligten lohnen wird. Von den westlichen Akteuren erwarte ich dabei eine ernsthafte und qualifizierte Auseinandersetzung mit den unterschiedlichen Wertesystemen, den verschiedenen sprachlichen Bedeutungen, die kolonialismuskritische Einordnung gesellschaftlicher Phänomene nicht nur aktueller afrikanischer sondern auch westlicher Kulturen- und Gesellschaftsverständnisse.

 

Letzter Exkurs:

Ich weise ausdrücklich darauf hin, dass die Konzepte von Queerness und die Einbindung von LGBTIQ* Rechten in die allgemeinen Menschenrechte auch im Westen erst neueren Datums sind und dass sie durchaus nicht ein gesicherter Standard westlichen Verstehens und Handelns sind. Nicht nur die Tea Party oder die Exzesse der Putin Diktatur sind Zeugen dafür sondern auch der Widerstand der “besorgten Eltern” gegen Reformen in der schulischen Sexualaufklärung.

Dominant im Westen ist bis heute ein geschlechterbinäres heteronormatives Identitäts-, Beziehungs- und Familienverständnis, dessen Ursprünge in der westlichen Geistesgeschichte der letzten 500 Jahre liegen, die ja auch Kapitalismus, Rassismus und Kolonialismus hervorgebracht hat, und dessen Export in die kolonialisierten Regionen leider so überaus erfolgreich war. Aus welcher Haltung heraus und mit welcher Berechtigung können also westliche Menschen ein Ende ihrer eigenen exportierten Ideologie einfordern? Und ich weise darauf hin, dass auch die Idee der allgemeinen Menschenrechte eine westliche, auf ein individualisiertes Leben bezogene neuere Entwicklung ist. Wie wenig die westliche Praxis mit dieser schönen Idee zu tun hat, zeigen z. B. die Toten im Mittelmeer. Auch hier stellt sich die Frage, mit welcher Haltung und Berechtigung westliche Menschenrechtler_innen die Einhaltung der allgemeinen (?) Menschenrechte eigentlich einfordern.

 

Meine Antwort dazu: Einfordern geht gar nicht! Westliche Menschenrechtler_innen dürfen sich nicht-westlichen Betroffenen ausschließlich als gleichwertige Partner_innen anbieten und müssen primär der Expertise der Betroffenen solidarisch folgen. Und sie müssen einiges leisten, nicht so sehr monetär sondern in Bezug auf die realen Machtgefälle und die westliche kulturelle Dominanz, um zu vertrauenswürdigen verlässlichen Partner_innen zu werden.

Mein Tipp für den Beginn partnerschaftlicher Kommunikation ist es, dabei zunächst tatsächlich den Dialog und den Aufbau einer Vertrauensbeziehung mit eher afrodeutschen oder afroeuropäischen Kräften zu beginnen. Hier gibt es zumindest recht viel gemeinsames Sprachverständnis. Und die wesentliche Aufgabe westlicher LGBTIQ*-Menschenrechtler_innen wäre hier zunächst, die Kritik an ihrem Umgang mit Gesellschaften des afrikanischen Kontinentes und Schwarzen Menschen und PoCs hierzulande anzunehmen und zu bearbeiten.

 

Wenn hier sich dann Veränderungen im gegenseitigen Verstehen und Akzeptieren zu zeigen beginnen, ist eine Basis gelegt für eine erfolgversprechendere Kommunikation mit mehr an den afrikanischen Kontinent angebundenen Organisationen. Hier empfehle ich zum einen Studentenvereinigungen, denn von dort ist sowohl eine offenere Grundhaltung zu erwarten als auch ein schneller Rückfluss in die Heimatländer. Und zum anderen denke ich an die Kirchengemeinden, die eben nicht nur ein Ort des evangelikalen Fundamentalismus sind sondern auch ein Schmelztiegel ganz unterschiedlicher Lebensrealitäten und ein Ort persönlicher Erfahrungen und Veränderungen.

Ich bin mir sicher, alle Beteiligten und vor allem die von Ausgrenzung, Verfolgung und unterlassener Hilfe Betroffenen können von einem gleichwertigen, respektvollen und informierten Dialog zwischen Organisationen der afrikanischen Diaspora und LGBTIQ* Menschenrechtler_innen des Western nur profitieren.

Dokumentation des Vortrags von Tsepo Andreas Bollwinkel Keele, gehalten am 27. November 2014 in Berlin im Rahmen der Veranstaltungsreihe Crossings & Alliances der Hirschfeld-Eddy-Stiftung, in Kooperation mit der Initiative Schwarze Menschen in Deutschland (ISD Bund e.V.)

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