„Die Liebe zwischen homosexuellen Partner_innen ist ein Ausdruck der Liebe Gottes“

Interview mit Nushin Atmaca, Mitglied des Liberal-Islamischen Bund und Koordinatorin der Berliner Gemeinde

Was ist der Liberal-Islamische Bund

Der Liberal-Islamische Bund wurde im Frühjahr 2010 gegründet, um den Muslim_innen eine Stimme zu verleihen, die sich durch die etablierten, eher traditionell ausgerichteten Verbände nicht repräsentiert sehen, und zu einem gesellschaftlichen Ansprechpartner zu werden. Dabei verstehen wir unter liberal ein freiheitliches, eigenverantwortliches und auch kritisch-hinterfragendes Verständnis der eigenen Religion. Wir treten sowohl für einen intra- als auch interreligiösen Dialog ein und versuchen, unser Verständnis – und all die Widersprüche, die eine solch offene Herangehensweise mit sich bringen mag – in unseren Gemeinden zu leben. Bundesweit haben wir ca. 200 Mitglieder, in Berlin momentan ungefähr 20. Unsere Berliner Gemeinde wächst stetig, aber nicht alle Gemeindemitglieder sind Mitglieder des LIB. Dieses Wachstum zeigt, dass das Religionsverständnis des LIB nicht nur für Muslim_innen attraktiv ist, die sich religionspolitisch engagieren möchten, sondern auch für diejenigen, die eine spirituelle Heimat suchen.

Lesben und Schwule stehen dem Islam durchaus skeptisch gegenüber, welche Einstellung hat der LIB zum Thema Homosexualität.

Für den LIB ist Homosexualität eine der vielen möglichen Formen menschlicher Sexualität. Wir betrachteten Homosexualität weder als Sünde noch als göttliche Strafe oder Prüfung. Die Liebe, die zwischen homosexuellen Partner_innen entstehen kann, sehen wir genauso wie die Liebe zwischen heterosexuellen Partner_innen als ein Zeichen Gottes, als Ausdruck seiner Liebe und Barmherzigkeit. In unseren Gemeinden sind Menschen jeder Sexualität willkommen!

Gibt es auch eine Position des LIB zum Thema Transgeschlechtlichkeit?

Der LIB spricht sich offen und entschieden gegen eine Diskriminierung von transsexuellen Menschen aus. Wir hoffen sehr, dass das Verständnis gegenüber Transgeschlechtlichkeit sowohl in islamisch geprägten Ländern als auch in muslimischen Gemeinden in Deutschland zunimmt und die Bedürfnisse transsexueller Menschen anerkannt werden. Genau wie hinsichtlich der Homosexualität betonen wir auch hier die Eigenverantwortung des Menschen, sein Leben und damit auch seine Sexualität individuell zu gestalten, auf der Basis von Respekt gegenüber den Mitmenschen, und lehnen eine Verurteilung von Transgeschlechtlichkeit als „unislamisch“ ab.

Nun sehen das einige anders und beziehen sich dabei auf den Koran, Aussagen des Propheten Muhammad (Hadith) bzw. die Scharia?

Ja, das stimmt. Allerdings ist ein Bezug auf die Scharia, auf göttliches Recht also, recht schwierig, da es auch unter islamischen Gelehrten keinen Konsens gibt, welche Regelungen eigentlich unter die Scharia fallen. Sind es ausschließlich rechtliche Regelungen oder fallen auch Vorgaben moralischen Verhaltens darunter? Aufgrund dieser Unklarheiten ist es besser, sich auf konkrete Interpretationen und daraus hervorgegangenen Regelungen zu beziehen.

Ähnlich wie im Christentum auch, spielt in der islamischen Diskussion die Geschichte des Propheten Lot bei der Be-/Verurteilung von Homosexualität eine entscheidende Rolle. Lot war Prophet eines Volkes, dass sich moralisch fragwürdig verhielt, betrog und stahl, und dessen Männer sich in sexuellen Gewaltvorstellungen hervortaten. Bis heute hält die traditionelle Mehrheitsmeinung innerhalb muslimischer Gruppierungen daran fest, dass durch die Geschichte Lots eine Verurteilung von Homosexualität als solcher durch Gott deutlich wird. Als weiterer Beleg für diese Position werden Überlieferungen des Propheten herangezogen, in denen der Geschlechtsverkehr zwischen Männern eindeutig verurteilt wird.

Andere, liberalere Meinungen, darunter die des LIB, sind der Auffassung, dass Gott durch die Geschichte von Lot weder Homosexualität noch gleichberechtigte Beziehungen zwischen gleichgeschlechtlichen Partnern verurteilt, sondern sexuelle Gewalt anprangert: das Volk Lots drohte, die Gäste Lots zu vergewaltigen. Das Gewaltvolle ist nach unserer Auffassung das, was Gott verurteilt, nicht Homosexualität und homosexuelle Beziehungen an sich. Zudem ist es so, dass viele der Überlieferungen, nach denen der Prophet Muhammad Homosexualität verurteilt und unter Strafe gestellt haben soll, sehr spät auftauchten und zudem ein Vokabular präsentieren, welches zur Zeit des Propheten so nicht benutzt wurde. Daher spricht einiges dafür, dass diese Aussagen ihm im Nachhinein zugeschrieben worden sind und das Sexualitäts- und Geschlechterverständnis zum Zeitpunkt ihres Entstehens widerspiegeln, nicht aber eine „islamische Verurteilung“ von Homosexualität.

Welche Erfahrungen macht ihr mit diesem Verständnis vom Islam mit anderen Muslim_innen?

Dass der LIB und seine Gemeinden wachsen, zeigt nach wie vor, dass unser Islamverständnis unter Glaubensgeschwistern Resonanz findet und auf fruchtbaren Boden fällt. Zudem haben wir einige homosexuelle und transgeschlechtliche Mitglieder, so dass wir unser Verständnis in Bezug auf Sexualität nicht nur verkünden, sondern tatsächlich leben. Unsere Beauftragte für Genderfragen und sexuelle Orientierung, Leyla Jagiella – selbst eine transsexuelle Frau – vertritt den LIB außerdem u.a. auf Konferenzen im In- und Ausland beim Thema LGBTI-Muslime.

Allerdings gibt es im weiteren muslimischen Spektrum durchaus Skepsis gegenüber unserer Herangehensweise und unseren Positionen. Uns wird z.B. ein falsches Islamverständnis vorgeworfen, gerade weil wir traditionelle Positionen hinterfragen und uns zum Ziel gesetzt haben, Positionen zu finden, die unserem Hier und Jetzt entsprechen, ohne dabei in Beliebigkeit zu verfallen. Ich denke aber, dass es vor allem die Eigenverantwortung vor Gott ist, die Aufforderung, selber nachzudenken und eigene Entscheidungen zu treffen, die viele Muslim_innen anderer Ausrichtung irritiert. Diese Erfahrungen mussten auch viele unserer homosexuellen und transgeschlechtlichen Glaubensgeschwister machen, die oft lange Wege gegangen sind, um letztlich bei uns anzukommen. Der LIB betreut auch einen aus Mauritius geflüchteten, in Westdeutschland untergebrachten homosexuellen Imam, der in Deutschland Asyl beantragt hat. Er wird aufgrund seiner Sexualität in seiner Unterkunft bedroht und wurde schon mehrfach körperlich angegriffen. Wir suchen momentan nach einer anderen Unterbringungsmöglichkeit für ihn.

Aber es gibt auch positive Beispiele: In Berlin-Neukölln waren wir im Rahmen einer Projektwoche zum Thema „Homosexualität und Islam“ an einem Gymnasium eingeladen, mit mehrheitlich muslimischen Schüler_innen über die LIB-Position zu Homosexualität zu diskutieren. Auch wenn nicht alle Schüler_innen unsere Position geteilt haben, war es eine offene Diskussion auf Augenhöhe, die Mut gemacht hat. Und das muss man dazu sagen: Auch konservativere Muslim_innen lehnen Gewalt gegen Homosexuelle mehrheitlich ab.

Was wünscht ihr Euch von der nicht-muslimischen Mehrheitsgesellschaft in Deutschland?

Genauso wie wir uns gegen Diskriminierung aufgrund der Sexualität aussprechen, wünschen wir uns auch einen sensiblen und nicht-diskriminierenden Umgang mit unterschiedlichen Formen von Religiosität. Zudem ist es uns ein Anliegen zu zeigen, dass unser Glaube keine Jahrhunderte alte, verkrustete, frauen- und minderheitenfeindliche, gewaltvolle Ideologie ist, sondern dass es sich um eine sehr lebendige Religion mit unterschiedlichen Spielarten – und hier auch liberalen, offenen, toleranten, kritischen – handelt. Wir wünschen uns, nicht mehr nur als „die Muslime“ – als Gegenüber „der Deutschen“ – betrachtet zu werden, sondern als Deutsche muslimischen Glaubens, als selbstverständlicher Teil dieser Gesellschaft. Und natürlich wünschen wir uns, dass die nicht-muslimische Mehrheitsgesellschaft sich nicht die (polemische) Position zu eigen macht, dass der LIB und ähnlich gesinnte Muslim_innen den Islam nicht richtig verstanden hätten und gar keine richtigen Muslime seien, sondern dass unsere theologischen Positionen als vollwertig anerkannt und zur Kenntnis genommen werden.

Angesichts vieler Flüchtlinge aus arabischen Ländern gibt es durchaus die Befürchtung vor einer „Islamisierung“ der Gesellschaft. Wie begegnet ihr diesen Ängsten?

Wir versuchen zu erklären, aufzuklären, zu kontextualisieren – was hat eigentlich mit der Religion zu tun, was ist kulturelle Prägung? Wo wird Religion benutzt und missbraucht? Es ist nicht einfach, gegen diese Ängste anzugehen, denn es gibt viele Vorurteile und festgefahrene Bilder über „den Islam“ und „die Muslime“, die mitunter in der Annahme einer bevorstehenden und geplanten Islamisierung Deutschlands oder Europas gipfeln. Durch unsere Öffentlichkeitsarbeit, gerade durch unsere Vorsitzende Lamya Kaddor, versuchen wir, diese Vorstellungen aufzubrechen und zu hinterfragen. Wir versuchen, die Menschen dort abzuholen, wo sie stehen, ihre Fragen zu beantworten und ihnen so die Ängste zu nehmen. Es ist manchmal eine Sisyphos-Arbeit, aber sie ist unbedingt notwendig um zu zeigen, dass Muslim_innen in erster Linie – wie wir alle – ganz normale Menschen sind.

Zudem haben viele unserer Gemeinden christliche und auch eine jüdische Partnergemeinde, engagieren sich in interreligiösen Zusammenhängen und hoffen, auch durch diese Arbeit Vorurteile abbauen zu können.

Vielen Dank für das Gespräch.

Die Fragen stellte Markus Ulrich (LSVD-Pressesprecher)

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