„Wir stehen erst am Anfang!“ Diskussion über eine postkolonial orientierte Arbeit für LSBTI

Uta Schwenke (LSVD-Bundesvorstand), Pascal Thibaut (Journalist) und Naana Lorbeer (Queer Amnesty)english version

Am 11. November 2015 lud das Afrikahaus gemeinsam mit der Hirschfeld-Eddy-Stiftung zu einer Podiumsdiskussion über Projektarbeit für LSBTI ein. Die Fragestellung war: „Wie ist eine postkoloniale Arbeit für Lesben, Schwule, Bisexuelle, Trans* und Inter* (LSBTI) möglich?“ und sollte am Beispiel von Projekten in verschiedenen afrikanischen Ländern diskutiert werden. Auf dem Podium saßen Dr. Rita Schäfer, freie Wissenschaftlerin, Uta Schwenke vom Bundesvorstand des LSVD und Naana Lorbeer von Queeramnesty Deutschland. Moderator des Abends war Pascal Thibaut, Journalist.

Wenn über Feindlichkeit und Gewalt gegenüber Lesben, Schwulen, Bisexuellen, trans- und intergeschlechtlichen (LSBTI) Menschen gesprochen wird, sieht es in jedem Land anders aus. Südafrika hat zwar eine der fortschrittlichsten Verfassungen der Welt, aber gerade dort sind lesbische Frauen häufig Gewaltverbrechen ausgesetzt. In vielen afrikanischen Staaten sind homosexuelle Beziehungen kriminalisiert. Diese Gesetze wurden fast immer erst mit der Kolonialzeit eingeführt. Wie ist vor diesem Hintergrund eine postkolonial orientierte Projektarbeit mit LSBTI möglich?

Dr. Rita Schäfer führte zunächst in den historischen Kontext ein und wies auf das langfristige koloniale Erbe hin, das es gerade bei der Verfolgung von Homosexuellen gibt. Deutschland und die anderen europäischen Staaten müssten sich stärker damit auseinandersetzen. Sie stellte fest, dass sich die Fragestellung gerade erst entwickelt: „Wir stehen erst am Anfang.“

Am Beispiel konkreter Projekte zur Stärkung von LSBTI wurden dann folgende Fragen diskutiert: Wie lässt sich aus der Ferne ein differenziertes Bild entwickeln? Wie ist eine Projektarbeit in diesen Ländern möglich, die Engagement mit Selbstkritik verbindet? Was bedeutet das speziell für die Arbeit mit LSBTI?

Uta Schwenke stellte das Projekt „Masakhane“ zur Vernetzung und Stärkung von lesbischen Frauen in Namibia, Botswana, Simbabwe, Südafrika und Sambia vor. Dieses mehrjährige Projekt wurde vom LSVD und filia.die frauenstiftung auf den Weg gebracht und wird zu 90 % durch das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) finanziert. Uta Schwenke leitet das Projekt in Zusammenarbeit mit der filia-Geschäftsführerin Sonja Schelper.

Auf die Frage, was eine gute Projektarbeit ausmacht, nannte Uta Schwenke in erster Linie „Bescheidenheit“ auf Seiten der deutschen Projektpartnerinnen. Die inhaltliche Kompetenz liege in den Ländern selbst, für Masakhane bei der „Coalition of African Lesbians“ in Johannesburg, Südafrika: „Die afrikanischen Kolleginnen in der Menschenrechtsarbeit für LGBTI arbeiten auf hohem professionellem Niveau, national und international. Ihre Arbeit mit unseren Möglichkeiten unterstützen zu können ist auch ein Privileg. Mit Projektmitteln des BMZ zu arbeiten, stellt aber auch hohe Anforderungen an die unterstützende Organisation.“ Uta Schwenke betonte, wieviel sie selbst durch die Zusammenarbeit gelernt habe, sowohl über das Potential, das so eine Zusammenarbeit für die Menschenrechtsarbeit bietet, als auch über Rassismus, der in der Nord-Süd-Zusammenarbeit unweigerlich zum Thema werde. Als wesentliches Element einer guten Zusammenarbeit sieht sie die Bereitschaft viel zu lernen und zuzuhören.

Naana Lorbeer stellte die Arbeit von Queeramnesty vor. In Kamerun z.B., wo homosexuelle Handlungen strafrechtlich verfolgt werden, arbeitet die Organisation mit unterschiedlichen Aktivist_innen zusammen, z.B. mit der Anwältin Alice Nkom, die 2014 von Amnesty International ausgezeichnet wurde.

Oumar Diallo (Afrikahaus Berlin)

Was macht eine gute Zusammenarbeit aus?

Naana Lorbeer kommt es darauf an, auf Augenhöhe zu arbeiten. Was das bedeutet sei allerdings durch unterschiedliche politische, ökonomische, soziale und kulturelle Bedingungen geprägt und deshalb ein kritischer Punkt in der Zusammenarbeit, insbesondere bei ökonomischen Abhängigkeiten von den geldgebenden Organisationen. Auch die spezifischen Bedingungen der Länder sind zu bedenken. Für Queeramnesty ist es wichtig, mit afrikanischen LGBT Organisationen vor Ort zu arbeiten und auch verschiedene Organisationen in den Ländern wahrzunehmen. Es sei wichtig, so Naana Lorbeer, deren oft unterschiedliche Belange und Arbeitsweisen kennen zu lernen und so eine gute Kooperation in einem gemeinsamen Prozess zu entwickeln.

„Es ist auch wichtig, die Länder möglichst gut zu kennen und selbst dann davon auszugehen, dass wir im Grunde nichts wissen. Oft werden auch die Kreativität, die Ressourcen und die Stärken der Aktivist_innen und der Organisationen angesichts einer feindlichen Umgebung zu wenig gesehen. Vor Ort ist es auch bunt, vielfältig und engagiert.“ Bei ihrem Engagement versucht Naana Lorbber, die eigene Verstrickung in postkoloniale Zusammenhänge zu bedenken, selbstkritisch zu sein, aber dennoch zu handeln.

Das Podium war sich einig, dass die häufig lebensbedrohliche und prekäre Situation von LSBTI besonders in den Ländern verbessert werden muss, die Homosexualität kriminalisieren. Dabei müsse eine stärkere Auseinandersetzung der europäischen Staaten mit ihrer jeweiligen Kolonialgeschichte, insbesondere mit den kolonialen Wurzeln des Strafrechts in vielen afrikanischen Ländern geführt werden. Viele Kulturen haben und hatten ein eigenes und lokal unterschiedliches Verständnis von Homosexualität, das sich durch die homophoben Kolonialgesetze und den Einfluss der Kirchen negativ verändert hat und die Basis für Diskriminierungen bis heute bildet.

Die Frage nach einer postkolonial orientierten Arbeit muss mit allen Beteiligten diskutiert werden. Vor allem müssen die Aktivist_innen dabei selbst zu Wort kommen, denn die wissen am besten, was nötig ist, um die prekäre Situation von LSBTI im eigenen Land zu verbessern. Auch ein stärkerer Austausch mit der afrikanischen Diaspora über dieses Thema der Entwicklungszusammenarbeit muss begonnen werden. Denn das ist ein Ergebnis des Abends: In dieser Frage stehen wir erst am Anfang.

Im Rahmen von Crossings & Alliances werden weitere Veranstaltungen zum Thema folgen.

Sarah Kohrt
LGBTI-Plattform Menschenrechte

Fotos der Veranstaltung
Ein Artikel von Rita Schäfer auf S. 65/66 der Broschüre „AFRIKA MITTEN IN BERLIN 2015 – Entwicklungspolitischer Diskurs im Afrikahaus“ – Broschüre zum Download hier.

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