„Ein Coming-out Film über und mit der ganzen Familie“

Aus der HautInterview mit Jan Braren (Drehbuchautor) und Stefan Schaller (Regisseur) von „Aus der Haut“

Gab es einen Auslöser für den Film? Wie kamen Sie auf die Idee zum Film?

Jan Braren: Nico Hofman schickte mir damals einen Artikel aus der New York Times, in dem ein sehr feinfühliger, toller Vater über das lange und für die ganze ahnungslose Familie sehr belastende Ringen seines Sohnes um sein Coming-out berichtete. Ein wunderbarer Ausgangspunkt, der sich für mich im gewissen Sinne wie eine Versuchsanordnung anfühlte: Wir leben ja heute in einer Gesellschaft, der die sexuelle Orientierung des Einzelnen vorgeblich egal ist. Dennoch ist es für viele Lesben und Schwule mit gefühlten bis hin zu sehr handfesten Schwierigkeiten verbunden, ihre Sexualität offen zu leben. Worin liegt diese Schwierigkeit, wenn doch alle so entspannt sind? Es war bei dieser Fragestellung zwangsläufig, den Blick auch auf das Umfeld und vor allem auf die Familie zu richten. Herauskommen sollte ein Coming-out Film über und mit der ganzen Familie. Das war der Ansatz zum Film.

Was war Ihnen bei der Darstellung der Figuren und auch der Darstellung des Coming-outs von Milan wichtig? Wo sehen Sie Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen den Selbstfindungsprozessen von heterosexuellen und lesbischen bzw. schwulen Jugendlichen?

Jan Braren: Wichtig ist bei einem solchen Vorhaben natürlich, wegzukommen vom „Themenfilm“ und eine möglichst wahrhaftige und im besten Falle berührende Geschichte zu erzählen. Es geht zunächst einfach um das Liebeserwachen eines Jugendlichen, egal auf wen oder was er steht. Bei all diesen thematischen Filmen, die das Fernsehen so liebt, besteht immer die Gefahr didaktisch zu werden, zu sehr auf das Thema, oder auf das abstrakte Problem zu fokussieren.

Zum zweiten Teil der Frage: Ablehnungserfahrungen sind universell. Jeder stellt sich immer mal wieder die bange Frage, bin ich liebenswert, gehöre ich dazu? Die Frage nach der eigenen Sexualität fällt in diesen Bereich. Wer schwul ist, oder lesbisch, hat vermutlich alle möglichen negativen Reaktionen erlebt – von offener Ablehnung, über Witze, bis hin zu euphorischer Affirmation, die aber auch schon wieder komisch ist, weil sie in ihrer Übertreibung auf den „Ausnahmezustand“ verweist.

Stefan Schaller: Dazu fällt mir ein, dass ich neulich an einem Werbeplakat für ein Getränk vorbeigelaufen bin, auf dem sich ein schwules Pärchen küsste, darunter ein Slogan nach dem Motto „sei verrückt, sei ausgeflippt“. Es ist zwar ein großer Fortschritt, wenn mittlerweile homosexuelle Liebe auf Kampagnen gezeigt wird, aber letztlich war der Slogan auch wieder ein Klischee, weil Homosexualität damit gleichgesetzt wird, ausgeflippt zu sein.

Jan Braren: Ich glaube aber, dass auch heterosexuelle Selbstfindungsprozesse viel komplizierter sind, als es den Anschein hat. Sexualität ist ein Machtfaktor in unserer Gesellschaft und ein diskursives Schlachtfeld, auf dem um Dinge wie „normale“ und „abweichende“ Sexualität gerungen wird und auf dem Menschen dazu gezwungen sind, sich sexuell zu verorten, sich in eine der existierenden Gender-Kategorien einzuordnen. Menschliche Begierden und Lüste sind aber vielfältiger als die paar Schubladen, die wir dafür haben. Die sexuelle Selbstfindung ist in diesem Sinne eine Multiple-Choice-Aufgabe, der solche Bedürfnisse zum Opfer fallen, die nicht ins Bild passen. Die müssen dann vielleicht unterdrückt, oder verheimlicht werden. Solche Anpassungsprobleme kennen sicher auch Heterosexuelle.

Das Coming-out von Milan setzt eine Entwicklung im familiären Gefüge in Gang. Alle Beteiligten werden sich neu über eigene Wünsche, Hoffnungen und Erwartungen klar. Inwiefern, denken Sie, lässt sich ein Coming-out mit anderen familiären Konflikten bezüglich elterlicher Erwartungen an das Leben ihrer Kinder parallelisieren?

Stefan Schaller: Zunächst freue ich mich sehr über diese Beobachtung. Genau darum ging es uns! Nicht etwa darum zu sagen, die Eltern geraten in eine Krise, weil der Sohn schwul ist! Nein, der Sohn ist ehrlich zu sich, und zeigt genau darin Stärke. Und das ist es, was ein Hinterfragen des eigenen Lebens bei den Eltern provoziert. Diese Aufrichtigkeit stellt das Leben der Eltern auf eine Probe. Sie sind es, die erkennen müssen, dass vielleicht etwas schief läuft in ihrem Leben. Nicht etwa der Sohn, der erkennt, dass er Männer liebt.

Ich denke wir leben in einer Zeit, in der es stellenweise immer mehr darum geht, sich selbst zu optimieren und erst Recht den eigenen Nachwuchs. Manche wollen das perfekte Kind. Insofern denke ich, dass der Film auch universell verstanden werden kann. Es geht darum, dass man das eigene Kind bedingungslos lieben muss und vor allem, dass Kinder ihren eigenen Weg finden müssen, egal wie der aussieht, ob man Frauen, Männer oder beides liebt.

Es ist eine Sache aufgeschlossen zu sein, und zu sagen „Ich bin für die Gleichstellung von gleichgeschlechtlicher Liebe“, wenn es andere Kinder betrifft, jedoch eine andere Sache, wenn es eben das eigene Kind ist.. Die Eltern in unserem Film sind definitiv aufgeschlossen und reagieren ja erst einmal sehr positiv auf das Coming-out des Sohnes. Dennoch kommen ihnen dann Zweifel. Wie reagiere ich richtig? Soll er es in der Schule erzählen? Hier geht der Film ehrlich mit den Sorgen und Zweifeln der Eltern um. Der Film zeigt, wie die Eltern ins „Schwimmen“ geraten, sich selbst hinterfragen müssen, und fällt gleichzeitig kein Urteil.

Und vielleicht sind wir schon bald soweit, dass wir (auch fernab von Großstädten) eine absolute Akzeptanz in unserer Gesellschaft gegenüber Lesben, Schwulen und Transgender haben und wirklich keine Trennung mehr in unseren Köpfen ist. Aber wie gesagt, der Film soll nicht nur in diesem Zusammenhang verstanden werden, es geht ganz allgemein elterliche Erwartungen an Kinder, und dass wir hier als Gesellschaft einen wunden Punkt haben.

Jan Braren: Wenn Eltern einen Jungen oder ein Mädchen zur Welt bringen, dann ist in unserer Gesellschaft der Erwartungshorizont für den passenden Lebensablauf von der Wiege bis zur Bahre festgesteckt. Ich übertreibe. Aber natürlich wird da eine Erwartung schockartig unterlaufen, wenn Milan seinen Eltern beichtet: Es ist alles gut, es ist nur so: Ich bin schwul. Neben der Überprüfung der eigenen Haltung und des eigenen Sprechens, tritt dieser Satz bei den Eltern eine Flut von Fragen los. Was heißt denn das für mich, für uns, für Milan?

Daneben bedeutet Milans Coming-out aber auch eine Abnabelung und eine Normalisierung, die überhaupt nicht spezifisch ist für lesbische oder schwule Teenager. Der problematische Sohn, der seine Eltern alle paar Monate mit einer neuen irren Aktion auf Trapp hält, ist doch fast der Normalfall des Teenagers. Verliebt sich das eigene Kind aber zum ersten Mal, dann ist damit oft eine Abwendung von der Familie verbunden. Eltern fühlen sich plötzlich beschäftigungslos, oder auch frei. Es entsteht eine Leerstelle im Herzen der Familie. Energien werden freigesetzt. Meist koinzidiert diese Entwicklung mit der ersten Jobermüdung. Um die Vierzig macht sich Ennui breit, die große existenzielle Langeweile. Auch wenn das die Perspektive von Menschen ist, die nicht ums nackte Überleben kämpfen müssen: es ist in der westlichen Welt eine massenhafte Perspektive. In diesem Sinne: Jede Form des sexuellen Erwachens setzt im Familiengefüge einen Veränderungsprozess in Gang und darin liegt tatsächlich eine Parallelisierung von Konflikten begründet.

Der Film läuft zur Primetime im Ersten. Was würden Sie sich wünschen, nehmen die Zuschauer_innen mit?

Stefan Schaller: Zunächst einmal fänden wir es gut, wenn die Zuschauer_innen einen Film „wahrnehmen“, der Charaktere aufrichtig und im besten Sinne „ungeschönt“ zeigt. Einen Film, der ehrlich mit seinen Figuren umgeht, sie in all ihrer Stärke, aber auch in ihrer Zerbrechlichkeit zeigt und ihnen dabei sehr nahe kommt. Uns ging es daher ganz zentral um die Feinheiten im Schauspiel.

Außerdem wollten wir dem Zuschauer einen starken Milan zeigen. Es geht ab der Mitte des Films fast weniger um sein „Heranwachsen“ als vielmehr um das Coming of Age der Eltern. Und das ist im Kontext eines Coming-outs wahrscheinlich das Besondere an dem Film.

Als dritten Punkt wäre es schön, wenn die Zuschauer_innen die im positiven Sinne „alltägliche“ Schilderung von Homosexualität, und auch des Sexes wahrnehmen. Der Film zeigt die Dinge nicht „künstlich“ bzw. „stilisiert“, „gefällig aufbereitet“, sondern eben sehr „real“. Eine schwule Sexszene wird genauso gezeigt wie eine heterosexuelle Sexszene. Ohne dass wir dabei den Sex ausstellen wollten, war es uns dennoch immer wichtig, auch in diesem Punkt ein Statement zu setzen. Wir zeigen den Akt. Und zwar zärtlich, aber auch direkt, und vor allem von vorne. Das muss im Jahr 2016 im Deutschen Fernsehen möglich sein. Wie viele heterosexuelle Sexszenen oder Nacktszenen werden täglich gezeigt – auch um damit Zuschauer zu machen? Und wie oft zeigen wir homosexuellen Sex von hinten, oder eben im Dunklen, schmutzig, hart, oder sogar überhaupt nicht? Ich hoffe, die Zuschauer_innen gehen hier mit, erkennen diese Aufrichtigkeit und sind aufgeschlossen, machen keinen Unterschied zwischen heterosexueller und homosexueller Liebe.

Vielen Dank!

„Aus der Haut“ läuft heute, am 09. März, um 20.15 Uhr in der ARD.

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