Coming-out und dann …?!

Studie Coming-out und dannStudie über Erfahrungen von LSBT-Jugendlichen erschienen

Wie lebt es sich als junger Mensch, wenn man merkt, dass man nicht heterosexuell ist? Oder klar wird: So wirklich passt die eigene Identität nicht zu dem von der Umwelt vermuteten Geschlecht, dem Vornamen, dem eigenen Körper? Wie reagieren, Familie, Freund_innen oder die Mitschüler_innen und Arbeitskolleg_innen? Beinah nichts ist über die Erfahrungen von queeren Jugendlichen bekannt. Diese Gruppe kommt etwa in den Shell-Jugendstudien nicht vor. Diese Lücke in der allgemeinen (Jugend-)Forschung schließt die erste deutschlandweite und jüngst vorgestellte Studie „Coming-out und dann …?!“ von Claudia Krell und Kerstin Oldemeier. Rund 5.000 Jugendliche nahmen für das vom Familienministerium geförderte Forschungsprojekt des Deutschen Jugendinstituts an einer Onlinebefragung teil. 40 von ihnen wurden anschließend auch in Einzelinterviews befragt.

Wer will, darf und kann ich sein?

Natürlich haben queere Jugendliche die gleichen Herausforderungen und Konflikte zu bewältigen wie andere Jugendliche auch: Wer bin ich und wer will, darf und kann ich sein? Zwischen schulischen, familiären und gesellschaftlichen Anforderungen und Erwartungen verändern sich Freundschaften und die Beziehungen zu den Eltern, werden erste Beziehungen gelebt und wird sich ausprobiert, nach Individualität und Gemeinschaft gesucht, Anerkennung und Gruppendruck erfahren. Zugleich müssen sie sich mit den gesellschaftlichen Umgang mit sexueller und geschlechtlicher Vielfalt auseinandersetzen. Dieser ist auch 2015 neben zunehmender Akzeptanz auch von lautstark verkündeter Ablehnung geprägt. Das heißt queere Jugendliche erleben ihr Coming-out und gegebenenfalls Transition in einer nach wie vor heteronormativen Gesellschaft und müssen daher Antworten auf etwaige Diskriminierungserfahrungen finden.

Viele wissen „es“ bereits mit unter 14

Während ungefähr jede_r Vierte den Zeitpunkt der Selbsterkenntnis nicht genau zu nennen vermag, waren sich 50% der Befragten bereits mit mindestens 14 Jahren darüber klar, dass sie mit ihren Gefühlen den allgegenwärtigen Erwartungen nicht entsprechen können und/oder wollen. Für sehr viele beginnt das innere Coming-out, die eigene Bewusstwerdung, folglich bereits in der Grundschule oder zu Beginn der Pubertät. Dieser Prozess der Identitätsfindung wird mehrheitlich als mittel bis schwierige Zeit beschrieben. Diese Zeit der Belastungen, Ängste, Verdrängung und Rückzug muss auf sich allein gestellt bewältigt werden. Drei von vier der Befragten haben Angst vor Ablehnung durch Freund_innen, sieben von zehn befürchten negative Reaktionen der Familie, 61% gehen von problematischen Konsequenzen in der Schule oder am Ausbildungs-/Arbeitsplatz aus.

Freund_innen, Schule und Familie – Orte des Coming-outs

In der Regel vergehen mehrere Monate, oftmals auch Jahre, zwischen dem inneren Coming-out und dem ersten äußeren Coming-out. Oftmals wird genau geplant, wem man sich wo und wann wie outet. Jemandem von ihren Gefühlen und ihrer Identität zu erzählen – das tun Lesben, Schwule und Bisexuelle durchschnittlich erstmalig mit 17, Trans* mit ungefähr 18 Jahren. Ist bei letzteren zusätzlich der Wunsch eine Transition zu beginnen, eine Motivation, wollen die meisten endlich mit jemandem reden und sich nicht länger. Das erste Coming-out ist dann oftmals vor jemanden aus dem Freundeskreis. Zwar erleben danach 41% negative Situationen, jede_r Dritte wird nicht ernstgenommen und jeder siebente wird ausgegrenzt, trotzdem wird überwiegend von guten bis sehr guten Reaktionen berichtet. Befürchtungen bestätigen sich also oftmals nicht.

Sich vor der Familie zu outen fällt den meisten Befragten am schwersten und meistens wird zuerst die Mutter eingeweiht. Hier befürchten und riskieren LSBT auch am meisten. Denn neben der oftmals emotionalen Verbundenheit sind sie als Jugendliche zum Beispiel auch finanziell und rechtlich von ihren Eltern oder Familienangehörigen abhängig. Zwar werden die familiären Reaktionen auf das Coming-out werden tendenziell auch negativer als die der Freund_innen bewertet, dennoch wird die Familie auch sehr oft als Ort der Unterstützung und Anerkennung beschrieben. Nichtsdestotrotz berichtet die Hälfte von Diskriminierungserlebnissen, 17% wurden beschimpft, beleidigt oder belächelt, jede_r zehnte ausgegrenzt und ausgeschlossen.

An der Schule wird ein Coming-out möglichst vermieden. Zu groß sind die Befürchtungen vor negativen Konsequenzen, schließlich hat ein (guter) Schulabschluss erhebliche Auswirkungen auf die Zukunft. Die Erfahrung von Befragten macht dieses Vermeidungsverhalten nur allzu gut verständlich: Jede_r Zweite wurde beschimpft oder beleidigt, jede_r Vierte gegen den eigenen Willen geoutet, jede_r Zehnte berichtet von körperlicher Gewalt. Lediglich knapp über die Hälfte gibt an, dass sie erlebt haben, dass Lehrkräfte homo- bzw. transphobe Schimpfwörter oder ein Mobbing aufgrund der sexuellen Orientierung und/oder Geschlechtsidentität nicht dulden. Die meisten wünschen sich zudem mehr Informationen und Sichtbarkeit von LSBT-Lebensweisen im Unterricht: Die selbstverständliche und unaufgeregte Mitbenennung in Fächern wie Mathematik oder Englisch, eine umfassendere Thematisierung in Fächern wie etwa Ethik, Biologie und Sozialkunde.

Für die meisten der befragten Trans* beginnen nach dem Coming-out die Transition. Nur circa 20% wollen oder können keine hormonellen und/oder operativen Maßnahmen anstreben. Beinah die Hälfte erlebt die notwendige psychologische Begutachtung als belastendes Verfahren. Für viele ist zudem der erste Kontakt mit Ärzt_innen oder Therapeut_innen angesichts deren fehlender Kompetenz ernüchternd und ein hartnäckiges und aktives Einfordern von Bescheiden bei der Krankenkasse notwendig.

Informieren, vermeiden und verarbeiten – Zum Umgang mit Diskrimierungserfahrungen

Eine der wichtigsten Handlungsstrategien ist, sich Informationen und Rückhalt zu suchen. Internet und andere Medien sind die Informationsquelle schlechthin. Hier lassen sich anonym und heimlich Informationen suchen und Kontakte knüpfen. Beinah alle kennen LSBT-spezifische Angebote, müssen aber zugleich mit der Flut an unterschiedlichen bis auch falschen Informationen auseinandersetzen. Wesentlich mehr kennen als nutzen LSBT-spezifische Freizeit- und Beratungsangebote. Unsicherheit, was sie erwartet, oder auch die schwere Erreichbarkeit sind entscheidende Hindernisse. Trans* berichten leider auch von schlechten Erfahrungen, die sie dort machen mussten.

Bestimmte Dinge und Verhaltensweisen zu unterlassen, ist eine übliche Strategie, um Diskriminierung zu vermeiden: So wird sich nicht im Sportverein angemeldet oder Schwimmen gegangen, sich in der Öffentlichkeit nicht als gleichgeschlechtliches Pärchen gezeigt, bestimmte Orte nicht aufgesucht oder heteronormative Vorannahmen nicht berichtet. Der öffentliche Raum bleibt dennoch ein Ort an dem acht von zehn der Befragten Diskriminierung erfahren haben, hier trifft es nochmal deutlich mehr Trans*.

Selbstverständlich unterscheiden sich queere Jugendliche untereinander. Ihre (Diskriminierungs-)Erfahrungen werden durch weitere Faktoren wie etwa Hautfarbe, Staatsbürgerschaft, Wohnort oder soziale Herkunft geprägt. Diese Verwobenheit unterschiedlicher Identitätsmerkmale und Einflussfaktoren soll in der für 2016 geplanten Publikation ausführlich dargestellt werden. Um Diskriminierungserlebnisse generell zu verarbeiten, relativieren oder legitimieren die Befragten diese Erlebnisse und geben an sich an manches bereits gewöhnt zu haben und folglich abgehärtet zu sein. Das kann jedoch keine Alternative sein, vielmehr besteht gesellschaftlicher und politischer Handlungsbedarf für gleiche Rechte, Vielfalt und Respekt.

Handlungsbedarf für gleiche Rechte, Vielfalt und Respekt

Zum Abschluss formulieren Krell und Oldemeier klare Handlungsbedarfe, um die Lebenssituation von queeren Jugendlichen zu verbessern: Der souveräne und wertschätzende Umgang mit der Vielfalt von geschlechtlicher und sexueller Identität muss Eingang in die Freizeit- und Beratungsstruktur sowie die allgemeine Jugendarbeit finden. Die Akzeptanz gilt es proaktiv in der Schule  sowie am Arbeits- und Ausbildungsplatz zu fördern. Das Angebot in den digitalen Medien muss ausgebaut werden, um niedrigschwellige und anonym erreichbare Informationen und Beratung zu ermöglichen. Zudem muss die Mehrheitsgesellschaft angesprochen werden, um Homo- und Transphobie abzubauen und ein offenes, angstfreies und selbstbestimmtes Leben zu ermöglichen. Dazu gehört neben der Inklusion von sexueller und geschlechtlicher Vielfalt in der sozialwissenschaftlichen Jugendforschung auch die Entpathologisierung und rechtliche Anerkennung und Gleichstellung.

Hier geht es zur Studie

Markus Ulrich
LSVD-Pressesprecher

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