Kongress „Respekt statt Ressentiment!“

Kongress "Respekt statt Ressentiment" (c) LSVD / Caro KadatzÜber Strategien gegen die neue Welle von Homo- und Transphobie — ein Veranstaltungsbericht

In jahrzehntelangen Kämpfen wurden Fortschritte bei der rechtlichen Anerkennung und gesellschaftlichen Akzeptanz von Lesben und Schwulen erreicht. Diese positive Grundstimmung erweist sich derzeit jedoch als brüchig. Antifeministische und religiös fundamentalistische Strömungen verbinden sich aktuell mit homo- und transphoben Einstellungen, die auch in der „Mitte der Gesellschaft“ vertreten werden. So entstehen Anschlüsse an die Rhetorik rechtspopulistischer und rechtsextremer Lager. Die Entwicklung von Strategien gegen diese neue Welle von Homo- und Transphobie stand im Mittelpunkt eines Kongresses, den der LSVD zusammen mit der Amadeu-Antonio-Stiftung am 10. Juni in der Berliner Werkstatt der Kulturen veranstaltet hat. Unterstützt wurde der Kongress durch das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ).

Nach der Begrüßung durch Dr. Heike Radvan (Aamadeu-Antonio-Stiftung) und Günter Dworek (LSVD-Bundesvorstand) erläuterte Prof. Dr. Andreas Zick (Universität Bielefeld) in seiner Keynote über aktuelle Studien zur gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit den Ausgangspunkt der Diskussion. In drei parallelen Foren wurden anschließend die Grundlagen erarbeitet. So zeigten der Publizist Andreas Kemper und die Wissenschaftlerin Juliane Lang (Forschungsnetzwerk Frauen und Rechtsextremismus) auf, wie sich im Namen von „Gott, Familie, Abendland“ neue unheimliche Bündnisse formieren. Arn Sauer (TransInterQueer) und Noah Keuzenkamp (Transgender Europe) erläuterten in einem zweiten Panel die Erscheinungsformen und alltäglichen Auswirkungen von Transfeindlichkeit, während Dr. Jennifer Petzen (Lesbenberatung Berlin), Dr. Zülfukar Çetin (Stiftung Wissenschaft und Politik) und Dr. Lieselotte Mahler (Psychiatrische Universitätsklinik der Charité) im Forum zur Mehrfachdiskriminierung auf die Verzahnung unterschiedlicher Diskriminierungsformen eingingen und auch einen Fokus auf queere Flüchtlinge in Deutschland setzten.

Podiumsdiskussion (c) LSVD / Caro KadatzDie Podiumsdiskussion „Freiheitsgefährdungen für LGBTI durch Rechtspopulismus und Rechtsextremismus“ bot dann den Auftakt, um in weiteren Foren Handlungsfelder aufzuzeigen. „Wie kann eine offene Gesellschaft verteidigt und ausgebaut werden?“ – darüber diskutierten Elke Ferner (Staatssekretärin im BMFSFJ), Barbara Loth (Berliner Staatssekretärin, Senatsverwaltung für Arbeit, Integration und Frauen), Carolin Hesidenz (Info- und Bildungsstelle gegen Rechtsextremismus im NS-DOK der Stadt Köln), Dr. Bertold Höcker (Superintendent des Evangelischen Kirchenkreises Berlin Stadtmitte), Aleksej Urev (Landeskoordination Anti-Gewalt-Arbeit für Lesben und Schwule NRW) und Dr. Zülfukar Çetin (Stiftung Wissenschaft und Politik). Die Ergebnisse der Diskussion kommentierten anschließend Anetta Kahane (Geschäftsführerin der Amadeu Antonio Stiftung) und LSVD-Bundesvorstand Günter Dworek. Moderiert wurde die Diskussion durch Dr. Julia Borggräfe (LSVD) und Dr. Andrés Nader (RAA Berlin).

Ein wichtiges Element kann ein nationaler Aktionsplan gegen Homo- und Transphobie sein, wie er im Koalitionsvertrag für die gegenwärtige Bundesregierung in Aussicht gestellt wurde. Notwendige Schwerpunkte und mögliche Forderungen waren daher Thema des von Prof. Dr. Anne-Christin Schondelmayer (TU Chemnitz) moderierten offenen Panels. Parallel dazu gingen Prof. Dr. Harald Stumpe und Katja Krolzik-Matthei (Hochschule Merseburg) zusammen mit Dr. Ulrich Klocke (Humboldt-Universität zu Berlin) der Frage nach, wie Initiativen für eine Pädagogik der Vielfalt an Schulen gestärkt und gegen Diffamierungen verteidigt werden können. Unter dem Titel „Unterhaltungswert Homophobie?“ erarbeiteten Dr. Jobst Paul (Duisburger Institut für Sprach- und Sozialforschung) und Katrin Gottschalk (Missy Magazine) in ihrem Forum Möglichkeiten, um homo- und transphobe Kommunikationsstrategien zu widerstehen, wie sie augenblicklich in den Medien zu beobachten sind.

Es ging folglich bei dem Kongress um nicht weniger als die Entwicklung einer gesamtgesellschaftlichen Intervention. Denn Respekt und Vielfalt müssen wieder verstärkt verteidigt werden.

Markus Ulrich
LSVD-Pressesprecher

Weitere Berichte über den Kongress im LSVD-bLOG

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