Eine Straße für Magnus Hirschfeld

Gedenken zu seinem 80. Todestag in Magdeburg

Der Anfang wu©Grit Merkerrde am 15. August 2011 gemacht: Die SPD-Fraktion des Magdeburger Stadtrates hatte Vertreter_innen aller Fraktionen und den LSVD Sachsen-Anhalt zu einem Empfang anlässlich des CSD 2011 in das Magdeburger Rathaus geladen, nachdem der Stadtrat erstmals entgegen dem ursprünglichen Votum des Oberbürgermeisters Dr. Lutz Trümper (SPD) mit den Stimmen aller Fraktionen beschlossen hatte, der Anregung des LSVD Sachsen-Anhalt zur Beflaggung des Rathauses mit der Regenbogenflagge anlässlich des CSD Magdeburg zuzustimmen.

Der LSVD Sachsen-Anhalt trug zum Empfang seine Ideen zur weiteren Zusammenarbeit mit der Stadt Magdeburg vor. Eine der Ideen war, anlässlich des 80. Todestags von Magnus Hirschfeld im Jahr 2015 eine Hirschfeld-Ehrung durch die Stadt durchzuführen und eine Straße nach Hirschfeld zu benennen, der 1894-1896 in Magdeburg als Naturheilkundearzt praktizierte.

Die Stadtratsfraktion von Bündnis90/Die Grünen griff diese Idee zuerst auf und stellte einen entsprechenden Antrag im Magdeburger Stadtrat. Nachdem dem Landesverband Sachsen-Anhalt Gelegenheit gegeben wurde, seine Idee in einer Ausschusssitzung den Fraktionen zu erläutern und die Verwaltung den Vorschlag gemacht hatte,  einen Weg in einer neu entstehenden Einfamilienhaussiedlung unweit vom ehemaligen Wohnhaus von Hirschfeld in der Nachtweide nach Magnus Hirschfeld zu benennen. Diesem Verwaltungsvorschlag folgte der Stadtrat.

Am 1. März 2014 war Burkhard Lischka, SPD-Bundestagsabgeordneter, damaliger rechtspolitischer Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion und Magdeburger Stadtrat, Gast bei der Mitgliederversammlung des LSVD Sachsen-Anhalt. Er sagte zu, bei der Vorbereitung der Hirschfeld-Ehrung zu unterstützen und ein erklärendes Straßenzusatzschild am Magnus-Hirschfeld- Weg zu sponsern. Beim ersten Vorbereitungstreffen zur Hirschfeld-Ehrung schlug er vor, Bundesjustizminister Heiko Maas (SPD) zur Hirschfeld-Ehrung einzuladen. Dabei fiel uns erstmals auf, dass der 80. Todestag von Hirschfeld am 14. Mai 2015 genau auf den Himmelfahrtstag fällt. Als dann die Zusage von Heiko Maas für den 16. Mai kam, wurde klar, dass dieser Tag günstiger für die Durchführung der Ehrung ist, als der Himmelfahrtstag.

Lischka, inzwischen innenpolitischer Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion, setzte sich dann auch noch erfolgreich für eine Beteiligung des Magdeburger Theaters bei der Veranstaltung ein. Uns blieb die Aufgabe, einen Gedenkredner zu finden, die künstlerische Ausgestaltung mit Schauspielhaus und Musiktheater abzusprechen, den Ablauf der Gedenkveranstaltung festzulegen, die Absprachen mit der Stadt Magdeburg bezüglich des gewünschten Veranstaltungsortes im städtischen Gesellschaftshaus und deren finanzieller Beteiligung an der Festveranstaltung zu führen, die Politiker aus Stadtrat und Landtag einzuladen und die Öffentlichkeitsarbeit zu leisten. Zur Deckung des finanziellen Defizits trug ein bewilligter Antrag an den LSVD-Aktionsfond bei.

Zur Enthüllung von Straßenschild und Zusatzschild waren am Morgen des 16. Mai dann vor allem Stadträte und Landtagsabgeordnete aller Fraktionen, die Landesjustizministerin Dr. Angela Kolb und neben Burkard Lischka die Bundestagsabgeordnete der LINKEN, Rosemarie Hein zusammen mit der Presse  sowie Angehörige der lesbisch-schwulen Community erschienen, darunter auch Geschäftsführer des Bundesstiftung Magnus-Hirschfeld Jörg Litwinschuh. LSVD-Bundesvorstand Martin Pfarr gab einen kurzen Überblick über Hirschfelds Magdeburger Zeit, bevor die Schilder ihrer Bestimmung übergeben wurden.

©Grit MerkerBei der anschließenden Gedenkveranstaltung im repräsentativen Gesellschaftshaus begrüßten Heike Ponitka, Amtsleiterin im Amt für Gleichstellungsfragen und Stadtratsvorsitzender Andreas Schumann(CDU) für die Stadt und Martin Pfarr für den LSVD die Anwesenden, zu denen sich unterdessen weitere Community-Angehörige gesellt hatten, bevor Heiko Maas zu einem längeren Grußwort anhob.

Maas sagte u.a. „Magnus Hirschfeld war ein früher Streiter gegen die Diskriminierung und ein Vorkämpfer für die Freiheit. Für die Freiheit, so zu sein, wie man ist, und den zu lieben, den man will.“. Er sei gern nach Magdeburg gekommen, um ein Zeichen zu setzen gegen Homophobie und für das Recht anders zu sein, als die Masse.  Für Hirschfeld sei nie die Ungleichheit der Menschen das Problem gewesen, sondern ihre ungleiche Behandlung. „Die sexuelle Identität ist ein Teil jeder Persönlich©Grit Merkerkeit und niemand hat die Persönlichkeit eines anderen zu unterdrücken.“

Der Minister dankte den handelnden Personen und dem LSVD Sachsen-Anhalt und würdigte deren Einsatz. Dann führte er aus: „Die rechtliche Gleichstellung muss und wird weitergehen. Wir müssen aber auch gegen die alltägliche Diskriminierung vorgehen.“ Er ging kurz auf die Schwierigkeiten ein, dies angesichts der Blockadehaltung des Koalitionspartners umzusetzen.  Seine Rede schloss er mit dem Plädoyer: „Damit wir in Vielfalt friedlich zusammen leben können, brauchen wir bei allen Unterschieden aber eines gemeinsam: nämlich Respekt und Achtung voreinander. … Wir sind nicht alle gleich, aber wir sind alle gleich viel wert – das ist die Botschaft von Magnus Hirschfeld und sie ist heute so aktuell, wie zu seinen Zeiten.“

Das anschließende Programm war eine gelungene Mischung aus Zeitdokumenten, künstlerischen Beiträgen, einer bemerkenswerten Gedenkrede und einem Kurzvortrag: Das Hirschfeld-Lied in einer Originalaufnahme mit Otto Reuter führte hin, zur Rede Hirschfelds vor dem Reichstag zur Abschaffung des § 175 und der Antwort von August Bebel, vorgetragen von zwei Schauspielern des Schauspielhauses vom Balkon des Saales.

©Grit MerkerDie Gedenkrede hielt Dr. Rainer Herrn vom Institut für Geschichte und Ethik der Medizin in der Medizin der Charité. Er betonte darin, „Hirschfelds oft zitiertes Wort: Per scientam at justiciam (durch Wissenschaft zur Gerechtigkeit) ist keine Worthülse sondern Programm. Hirschfeld machte mit seiner Wissenschaft Politik, sein Theoretisieren ist immer unter politisch-strategischem Gesichtspunkt zu sehen.“ Er habe sich als Wissenschaftler auf das politische Alltagsgeschäft eingelassen.

Hirschfeld stellte sich gewissermaßen in den diplomatischen Dienst der Homosexuellen, er war Abgeordneter und Missionar einer Partei der Hoffnung und des positiven Denkens.

Rainer Herrn veranschaulichte seine Ausführungen über Hirschfelds Institut der Sexualwissenschaft mit einigen Fotos aus dessen Ausstellungsräumen. Unterstützt wurde dies durch einen Ausschnitt aus „Christopher und die Seinen“ von Christopher Isherwood mit einer literarischen Beschreibung der Exponate, vorgetragen wiederum von den beiden Schauspielern. Frau Dr. Sabine Schaller von der Hochschule Magdeburg-Stendal konnte in ihrem Kurzvortrag aufzeigen, dass Hirschfelds Engagement gegen die Gefahren des Alkohols, ein weiteres Betätigungsfelds Hirschfelds neben seinem Einsatz für die Abschaffung des § 175 und für ein Frauenwahlrecht, bereits in seine Magdeburger Zeit zurück reichte.

MusikerMusikalisch umrahmt wurden die Beiträge durch zwei repräsentative Sätze aus dem Streichsextett „Souvenir de Florence“ von Peter Tschaikowski, einem homosexuellen Zeitgenossen des jungen Hirschfeld, vorgetragen von Musikern des Ensembles des Magdeburger Musiktheaters.

Mathias Fangohr vom CSD-Verein Magdeburg leitete dann zum Rainbowflash anlässlich des Internationalen Tages gegen Homo- und Transphobie am 17. Mai über, der dieses Jahr direkt nach der Festveranstaltung im Klosterbergegarten am Gesellschaftshaus stattfand, bevor die Veranstaltung mit Gesprächen bei einem kleinen Catering ausklingen konnte.

Martin Pfarr

LSVD-Bundesvorstand

(ES GILT DAS GESPROCHENE WORT)

»16.Mai 2015 — Gedenken an Magnus Hirschfeld an seiner ersten Wirkungsstätte in Magdeburg

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