Für eine demokratische Alltagskultur

Dr. Heike Radvan (Amadeu Antonio Stiftung) (c) LSVD / Kadatz

Dokumentation der Begrüßung von Dr. Heike Radvan, Fachstelle „Gender und Rechtsextremismus“ der Amadeu-Antonio-Stiftung

Liebe Gäste,

ich freue mich sehr, Sie und Euch in der Werkstatt der Kulturen begrüßen zu können zum Kongress „Respekt statt Ressentiment“. Es gab für uns in der Amadeu Antonio Stiftung mehrere Gründe, gemeinsam mit dem Bundesverband des LSVD diesen Kongress vorzubereiten. In unserer Arbeit setzen wir uns für eine demokratische Alltagskultur ein, in der sich Menschen aktiv gegen Rassismen, Antisemitismen, gegen Homo- und Transfeindlichkeit und weiteren Erscheinungen von Ausgrenzung und Gewalt engagieren. Die Stiftung unterstützt Menschen, die von rechter Gewalt betroffen sind und diejenigen, die alltäglich Rassismus erfahren.

Wie auch bei der Auseinandersetzung mit Antisemitismus oder Rassismus ist es wichtig, dass es im Kampf für eine Akzeptanz gleichgeschlechtlicher Lebensweisen breite Bündnisse gibt. Antisemitische und ebenso homo- und transfeindliche Gewalt geht alle an, die in einer offenen Gesellschaft leben wollen. Insofern bin ich froh über unsere Kooperation. Für uns als Amadeu Antonio Stiftung ist es selbstverständlich, gemeinsam mit Aktivist_innen aus den lesbischen, schwulen, trans und queeren communities zu stehen, solidarisch zu sein mit denjenigen, die sich bereits seit Jahrzehnten gegen Homo- und Transfeindlichkeit einsetzen und hier sehr viel erreicht haben.

In der Fachstelle „Gender und Rechtsextremismus“ richten wir den Blick auf die Bedeutung, die der Kategorie Geschlecht in der Arbeit gegen Rechtsextremismus zukommt. Häufig wird übersehen, welche Relevanz das traditionelle, biologistische Geschlechterrollenmodell innerhalb von Neonazi- Szenen einnimmt. Und es wird übersehen, wie stark anschlußfähig die damit verbundenen Vorstellungen von „dem richtigen deutschen Mann“ und „der richtigen deutschen Frau und Mutter“ in die sogenannte Mitte der Gesellschaft sind. Diese Anschlüsse – und darin sehe ich die eigentlich aktuelle Gefahr im modernen Rechtsextremismus – zeigen sich, wenn z.B. antifeministische Stimmen gegen Gendermainstreaming in sogenannten Qualitätsmedien polemisieren. Und sie zeigen sich, wenn christlich fundamentalistische Milieus gegen emanzipatorische Sexualpädagogik demonstrieren und gleichzeitig das bürgerliche Familienmodell als das alleinige einfordern. Die im Titel des Kongresses benannte „Neue Welle der Homo – und Transphobie“ bedeutet insofern aus unserer Sicht mehreres: Wir haben es mit Trägergruppen zu tun, die ihre antiemanzipatorischen Positionen heute lauter äußern. Die aktuelle Homo- und Transfeindlichkeit ist nicht neu im Sinne eines strukturell veränderten Phänomens. Mit dem Kongress geht es uns auch darum, die Verbindungen zwischen den verschiedenen Ideologieelementen kenntlich zu machen: Menschen, die sich antifeministisch, homo- und transfeindlich äußern, stimmen mit höherer Wahrscheinlichkeit auch antisemitischen, rassistischen, behindertenfeindlichen Aussagen zu. Insofern heißt eine Arbeit für eine demokratische Alltagskultur für uns, Vielfalt im eigentlichen Sinne zu fördern: Das heißt z.B., Familienmodelle zu stärken, die über Praxen der traditionell-bürgerlichen Ehe und Kleinfamilie hinausgehen. Und es heißt, Lebensentwürfe sichtbar zu machen und zu stärken, die das binäre Konstrukt von Mann und Frau verlassen und eine Vielfalt von Geschlechtern ermöglichen. Die Gewalt gegen Trans* und Inter* Personen und gegen weitere Menschen, die sich als nicht zugehörig zu heteronormativen Konstruktionen von Frau und Mann erklären, ist nach wie vor signifikant hoch und wird häufig, insbesondere auch von den sogenannten Sicherheitsbehörden kaum wahrgenommen und oft nicht anerkannt. Auch wenn es heute mehr Sichtbarkeit von LGBTI und Akzeptanz gibt, ist es nach wie vor notwendig, dass Personen wie Conchita Wurst oder die vom Habitus eher männlich konnotierte lesbische Frau als gleichwertig anerkannt werden, das heißt auch, dass ihnen ohne eine besondere Aufmerksamkeit im Alltag – also ohne „Besonderung“ begegnet wird.

Gleichzeitig ergibt sich daraus die Verantwortung, eigene Leerstellen und Stereotypen kritisch wahrzunehmen. Hier geht es zu allererst um die Beachtung von Mehrfachdiskriminierung: Was heißt das? Wir haben als Stiftung vor kurzem, gemeinsam u.a. mit dem LSVD eine Buchvorstellung gefördert. Im Roman wird die Lebensgeschichte von Wolfgang Lauinger erzählt, der ab 1933 als Jude, als schwuler Mann und als Angehöriger der Swingjugend von den Nationalsozialist_innen verfolgt wurde. Nach 1945 in Westdeutschland auch im Kontext des § 175. Oft werden verschiedene Zugehörigkeiten und damit verbundene Verfolgungen – wie sie in dieser Biografie deutlich werden – nicht berücksichtigt oder nur eine Zugehörigkeit erinnert. Auch in der Gegenwart scheint dies schwierig. Bevor eine Veranstaltung zustande kommt oder einer Verlagsveröffentlichung zugestimmt, wird dann gefragt: was war die Person denn jetzt?, war er Jude? War er überhaupt schwul? Was hierbei letztlich passiert, ist, dass bestimmte Geschichten auch weiterhin nicht erzählt werden.

Herausforderungen im Umgang mit Mehrfachdiskriminierungen zeigen sich auch in der Benachteiligung von Menschen, die Rassismus erfahren und zudem von Homo- oder Transfeindlichkeit betroffen sind. Sie finden oft nicht die entsprechenden Beratungsangebote und weitere Ressourcen. Mehrfachdiskriminierungen führen oft zu einer Verstärkung von Benachteiligungen. Das zeigt sich z.B. auch Lesben, Schwulen, Trans im Alter, für die es gerade in ländlichen Räumen kaum entsprechende Angebote gibt.

Hierbei geht es mir auch um die Situation queerer Geflüchteter, die in Asylbewerberheimen wohnen und deren Situation oft prekär ist. Ich war erstaunt als eine Kollegin im ländlichen Raum davon berichtete, dass alteingesessene LGBTI-Vereine vor Ort noch keinen Kontakt aufgenommen hatten oder diese Möglichkeit bislang nicht bedacht hatten. Auch das war eine Motivation für diesen Kongress.

Grundsätzlich geht es darum, ungleiche Verteilungen von Ressourcen und Macht wahrzunehmen und darauf zu reagieren: Das heißt für uns als Amadeu Antonio Stiftung im Sinne von Diversity gerade auch in der Personalpolitik darüber nachzudenken, wie ein Team für Kolleg_innen der verschiedensten Zugehörigkeiten geöffnet werden kann. Also ein Team, in dem selbstverständlich people of colour arbeiten, Lesben, Schwule, Trans*, Menschen unterschiedlichen Alters, mit und ohne Beeinträchtigungen.

Das letztlich bedeutet ein Stück mehr an demokratischer Alltagskultur, worum es auch heute gehen soll. In diesem Sinne wünsche ich uns allen eine interessante Veranstaltung, neue Gedanken und spannende Diskussionen. Vielen Dank.

 (Es gilt das gesprochene Wort.)

Kongress: „Respekt statt Ressentiment. Strategien gegen die neue Welle von Homo- und Transphobie“

Weitere Berichte über den Kongress im LSVD-bLOG

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