Wie weiter mit dem Mahnmal?

Schild zum Mahnmal Eindrücke von der Podiumsdiskussion zum Internationalen Tag gegen Homophobie, am 17. Mai 2010.

Über 120 Personen kamen auf Einladung des LSVD und der Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas in Berlin zur Diskussion in den Ort der Information. Die Diskussion war engagiert und lebhaft und wurde von den meisten Beteiligten als sehr wichtiger Beitrag der Erinnerungskultur gesehen.

Zur Begrüßung erinnerte Uwe Neumärker, Direktor der Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas, an die Geschichte des Denkmals und machte deutlich, wie wichtig eine engagierte Gedenkkultur ist. Günter Dworek, vom Bundesvorstand Lesben- und Schwulenverband (LSVD), selbst einer der Initiatoren des Denkmals betonte in seiner Begrüßung die besondere nationale und internationale Verantwortung der Bundesrepublik angesichts der Geschichte der Verfolgung Homosexueller in Deutschland.

Die Publizistin Lea Rosh moderierte den Abend und eröffnete die Diskussion mit Bitte, die Widmung des Denkmals zu interpretieren: “Das Denkmal soll laut Beschluss des Bundestages von 2003 die verfolgten und ermordeten Opfer ehren, die Erinnerung an das Unrecht wachhalten sowie ein beständiges Zeichen gegen Intoleranz, Feindseligkeit und Ausgrenzung gegenüber Schwulen und Lesben setzen.”

Es seien auch die Besucher und Besucherinnen, die das Denkmal mit definieren, so Dr. Klaus Müller, Repräsentant für Europa des United States Holocaust Memorial und Forschungsleiter für den Film »Paragraph 175«. Er berichtete, dass den überlebenden homosexuellen NS-Verfolgten, die er gesprochen hatte, ein Zeichen der Anerkennung sehr wichtig gewesen sei. Er bedauert, dass kaum jemand aus diesem Kreis die Realisierung des Denkmals noch erlebte. Dennoch sei das Denkmal ein vielfältig genutzer Ort der Erinnerung. Auch seine Nutzung als Anknüpfungspunkt für aktuelle Menschenrechtsfragen sei legitim und zu begrüßen. Die Ikonografie des Denkmals sei durch die dargestellte Kussszene schon jetzt auf das Heute bezogen.

Dr. Claudia Lohrenscheit, Leiterin der Abteilung Menschenrechtsbildung am Deutschen Institut für Menschenrechte in Berlin, betonte die Universalität des menschenrechtlichen Appells, der von dem Denkmal ausgehe. Das Gedenken sei an Lesben und Schwule gerichtet, es gehe darum, den barbarischen Akt der Menschenrechtsverletzung nicht zu vergessen.

Prof. Dr. Günter Morsch, Direktor Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten erläuterte die Forderung, keinen Film zu zeigen, der lesbische Frauen abbildet. Das sei eine Relativierung und Verfälschung der Geschichte. Bei dem Denkmal gehe es in erster Linie um die Geschichte und dabei könne nicht außer acht gelassen werden: Weder in Bezug auf die Quantität noch auf Qualität der Verfolgung von homosexuellen Männern im Nationalsozialismus gäbe es ein Pendant in der Lebenswirklichkeit von lesbischen Frauen. Er kritisierte eine generelle Tendenz in der Gedenkkultur, die Erinnerung an den Nationalsozialismus durch aktuelle Fragestellung abzulösen. Eine Öffnung des Gedenkens für die aktuelle Verfolgungsgeschichte von Schwulen und Lesben in vielen Ländern würde zu einer vollkommenen Beliebigkeit führen. Die eigentlichen NS-Opfer würden in den Hintergrund gedrängt. Seiner Meinung nach seien die beiden erstgenannten Aufgaben des Denkmals dem dritten Aspekt hierarchisch übergeordnet.

Chantal Louis, Redakteurin der Zeitschrift »Emma« betonte, es gebe keinen Dissens darüber, dass homosexuelle Männer weitaus stärker verfolgt wurden als homosexuelle Frauen. Dennoch habe es auch Fälle von Verfolgung von Lesben gegeben. Es gehe nicht darum, die Unterschiede der Verfolgung zu leugnen, wohl aber darum, Lesben nicht zu verleugnen. Wenn das Denkmal einen Kuss zeigt, würde sie einen Kuss in verschiedenen Versionen begrüßen.

Der Wettbewerb für den neuen Film läuft: Aus 14 eingesandten Exposés hat eine Jury fünf ausgewählt, die bis September als Videosequenzen ausgearbeitet werden sollen. Entsprechend des Bundestagsbeschlusses zur Realisierung des Homosexuellen-Denkmals bestand die Jury aus Vertreterinnen und Vertretern der Bundesregierung, des Landes Berlin den Initiatoren des Denkmals.

Einer der ausgewählten Vorschläge sieht einen Frauenkuss vor, die anderen einen Reigen verschiedener gleichgeschlechtlicher bzw. transsexueller Kussszenen. Die Idee von verschiedenen Kussszenen stieß im Publikum auf viel Zustimmung wie überhaupt in den meisten Redebeiträgen der sehr lebhaften Diskussion die Aufgabe des Denkmals, ein beständiges Zeichen gegen Intoleranz, Feindseligkeit und Ausgrenzung gegenüber Schwulen und Lesben (zu) setzen’ betont wurde. Gleichzeitig solle es selbstverständlich auch weiterhin der Ehrung der im Nationalsozialismus verfolgten Homosexuellen und der Erinnerung an sie dienen.

Dass das Denkmal auch wegen der Schwierigkeit, die drei Aspekte seiner Widmung angemessen zu berücksichtigen und zu gewichten, Anlass zu solch engagierten Debatten gibt, wurde in einigen Redebeiträgen ausdrücklich begrüßt.Das zeige, dass das Denkmal seine Aufgaben erfülle.

Günter Dworek und Annette Hecker,

LSVD-Bundesvorstand

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